Krisen + Kritiken

Ausgewählte Texte, die viel mit der Buchbranche, mit Geschichtspolitik und Zeitdiagnostik zu tun haben, die Aesthetik und Politik mit Hilfe kritischer Theorie alter Schule (Teddie und Max) zu reflektieren versuchen.

Was ist Professionalität*

Professionalität? Auf den ersten Blick durchaus etwas Positives. Etwas, das sich absetzt vom amateurhaften, dilettantischen Agieren. Professionalität kommt nicht aus dem Bauch, sie scheint es eher mit dem Kopf zu haben. Kühle Sachlichkeit, überlegene Rationalität, gekonntes Handwerk – das alles gut gemischt, mit einem Schuß Erfolg garniert, und schon haben wir sie: die Professionalität, und: den Profi.
Profis stehen im allgemeinen hoch im Kurs, sowohl bei den Fans wie auch bei der Bezahlung. Von Profis erwartet man, daß sie ihr Bestes geben für den, der sie angestellt hat. Sie brauchen sich nicht zu identifizieren mit ihrem Verein, ihrem Arbeitgeber, nein, sie sollen 90 Minuten – Profis in anderen Branchen länger – alles geben, danach zählt erst wieder der nächste Einsatz. Solche Professionalität ist in unserer Gesellschaft hoch anerkannt. Sie bezeichnet ein Verhalten, welches gesellschaftlich erwünscht und gefördert wird. Derjenige, der sich professionell verhält, sammelt die Lorbeeren, welche als Erfolg wiederum auf jede professionelle Einstellung zurückstrahlen. Professionalität ist die Tugend der Leistungsgesellschaft, ist das in den marktwirtschaftlichen (früher auch: kapitalistischen) Alltag beförderte Prinzip bürgerlicher Rationalität. Der Profi trägt die Ware Arbeitskraft so zu Markte, wie der es sich vorstellt. Professionalität hat einen guten Klang innerhalb einer Mentalitätsstruktur, welche außer den Tauschwert keinen anderen mehr kennt.
Wer braucht Professionalität? Wer braucht eine Einstellung, ein Verhalten, eine Mentalität, die nicht über eine gemeinsame Sache vermittelt ist? Wir kennen zum Beispiel den Profi-Killer, der seine Sache versteht, von der Sache, um die es bei seinem Mord geht, jedoch nichts zu wissen braucht, ja, nichts wissen sollte. Professionalität, die bei ihm gesucht wird, ist abgekoppelt von ihrem Zweck. Sie ist ein gegen ihr Ziel blindes Mittel. Der Profi verübt sein Handwerk ohne innere Beteiligung, ohne Liebe, ohne Haß, nach Maßstäben einer bloß formalen Logik, einer instrumentellen Vernunft, sachlich, kühl, professionell.
Das aber bringt die Tugend der Professionalität auch in die Kritik. Der Polit-Profi zum Beispiel ist derjenige, der ohne Bindung an den eingebildeten Souverän eine Legislaturperiode lang nur noch seiner Karriere verpflichtet ist. Das nehmen altmodisch meinende Menschen übel, welche manchmal den Profis, manchmal aber auch den Amateuren zujubeln. Aber die einen sind eben nicht ohne die anderen.
Was also schlußfolgern wir: Professionalität berührt nicht eines der Ideale, welche sich die bürgerliche Gesellschaft (oder die sozialistische) auf die Fahnen geschrieben hat. Schon gar nicht streift sie den Horizont von Humanität und Aufklärung. Eigentlich bezeichnet sie eine Killer-Mentalität, der nichts heilig, aber auch nichts profan ist. Sie ist geradezu eine Errungenschaft der bürgerlich-kapitalistischen Welt. Wahre Professionalität, welche immerhin vorstellbar ist, hätte – wahlweise: wird haben – einen ganz anderen Namen.
* gewidmet Baltasar Matzbach, Universaldilettant, in seinem wirklichen Leben vielfacher Held in einigen der besten von Gisbert Haefs´ Kriminalromanen.

_______________________________
Design-Management“ oder: Wie kommen gute und schöne Bücher auf die Welt?

Eine Buchanzeige zu Rainer Groothuis, Wie kommen die Bücher auf die Erde? Über Verleger und Autoren, Hersteller, Verkäufer und Gestalter, die Kalkulation und den Ladenpreis, das schöne Buch und Artverwandtes. Nebst einer kleinen Warenkunde, Köln: DuMont Buchverlag 2000

Lesen macht reich. Lesen verändert. Lesen ist gefährlich. Lesen macht Freunde. Lesen beginnt mit Vorlesen. Bücher sind Produkte für die Sinne. – Das sind die Thesen von Rainer Groothuis, die er auf den ersten elf Seiten seines Buches über „Design-Management“, wie man es derzeit wohl zu nennen hat, und Verlagsrealität heute erläutert. Hätte er diese elf Seiten (und damit ihre Folgefehler) vermieden, zum Beispiel durch ein wirklich gutes Lektorat; es wäre „ein gutes Buch“ (MRR) geworden, ja ein sehr gutes, wenn nicht das kleine Handbuch für den Hausgebrauch in jedem besseren Verlag und jedem größeren Leserhaushalt. Daß es das auch so wird, wirft allerdings ein Licht auf die hiesige Verlags- und Geisteslandschaft. Groothuis ist nicht irgendwer, sondern Vollprofi der Branche mit Kometenkarriere. Er hat, Jahrgang 59, das Buch als Buchhändler kennengelernt, er hat in einem schönen Publikumsverlag Bücher entwickelt und herstellerisch begleitet, und er hat die Verlagsgeschäfte in Berlin an der Ahorn- und später Emser Straße geführt. Er hat eine Agentur gegründet, die besten Verlagen ein ziemlich passendes Gesicht verpaßt. Und Groothuis steht mit einer sehr schönen Seite im Netz.
Das Buch erläutert die Buchbranche und das Büchermachen, indem es immer zeigt, was das Buch gerade macht: die Beispiele sind in die Erläuterung integriert, ja, die Erläuterung funktioniert als Beispiel, und so wird im einfachen Lesen alles klar und zugleich anhand der Aufbereitung, dem Layout, dem „Innen-Design“ des vorliegenden Buches, im Wortsinn anschaulich deutlich. Die Sache und das Zeigen der Sache und das Machen der Sache regiert die Pädagogik für den Leser, und so ist beste Unterrichtung garantiert, weil die Pädagogik in der Sache selbst verschwindet. In der Marginalspalte erläutert sich zum Beispiel die ganze Titelei, der Leser weiß von Anfang an, wo er ist, lernt die Fachsprache, und befindet sich immer auf dem selben Stand wie der Lehrer. Sehr angenehm.
Das Buch ist reich illustriert, und die Legenden dazu sind bestens Wie beispielweise eine Vorschau funktioniert, ist graphisch und textlich ideal präsentiert, und auch der ideale Verlaufsplan eines normalen Verlagsjahres läßt mich als in vier schönen Verlagen Erprobten nur sagen: Ja, so sollte es sein. – Und es gibt auch – richtigerweise sehr wenige – abschreckende Beipiele, die jeder Leser kennt und die ihm doch die Augen noch einmal öffnen. Wenn Günter Amendts Sexfront aus dem legendären März Verlag Jörg Schröders als Paradebeispiel für Bücher mit „Haltung“ erläutert wird, so macht ein nur vielleicht erfundenes „Gegenbeispiel“ eines Erotik-Buches die Fallhöhe deutlich, die für wahre, gute und schöne Bücher inzwischen von der Geschichte des Buchwesens aufgetürmt worden ist.
Das Buch gibt praktische Anleitung, so ein Modell für die normale Ladenpreiskalkulation im Verlag, ein Prüfstein für jede Planung, oder ein Modell dafür, wie der Satzspiegel zu bauen ist, d.h. wie das Schwarze, die sogenannte Kolumne, vulgo: die Buchstaben, ins Weiße reingehängt wird, damit die Stege, also die Ränder, stimmen und das Ganze Proportion hat. Ja, kurz: Groothuis versteht sein Handwerk, und er kann es lehren. Mit diesem Buch spätestens muß irgendeine Institution, von denen es in Deutschland ja zur Genüge welche gibt, ihm den Ausbildereignungsschein erster Klasse am Band überreichen. Denn alles, was er von Seite 12 bis 144 und noch auf der U-3 schreibt, ist wahr und verdient höchste Beachtung.
Nein, Rainer Groothuis ist gut, sehr gut. – Daß er trotzdem keine Ahnung hat, beweist er schon auf Seite 7 bis 9 mit dem Abdruck einer sogenannten humorigen Bilderfolge von e. o. plauen, dem Opportunisten und Nazimitläufer und bundesrepublikanischen Mainstreamliebling. Sebastian Loskant hat in der Münsterschen Zeitung kürzlich auf diesen Sachverhalt hingewiesen, vor Jahren stand das schon in der Konkret, in einem Artikel von Kai Sokolowski. Meiner guten alten Büchergilde, die plauen jüngst ins Programm genommen hat, habe ich das, das muß hier gesagt werden, letztens mitgeteilt. Aber dieser Fehlgriff bei Groothuis ist kein Zufall. Er erläutert sich auf den ersten 11 Seiten seines Buches und in der Danksagung.
In der Marginalspalte auf Seite 6 etwa wird gesagt: „Um Platz zu sparen“, verzichte man „auf die HeldINNen-Schreibweise“; – nicht etwa darum, weil es richtig ist, und weil diese richtige Sprache im ganz Falschen auch diese Herrschaftsweise deutlich machte. – Und „das Buch“, das wird dann gefeiert als gänzlich ungebrochenes Bildungsgut, das die Welt allein zum Besseren verändert habe. An die Weltuntergänge und Zivilisationskatastrophen kein Gedanke, gleichwohl Adorno aus dem großen Groothuisschen Zitatenbaukasten einmal zitiert wird. Halbbildung in avanciertester Form? Hier ist sie zu bestaunen!
Viellesen, die große Zahl also, sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für Bildung, schreibt Groothuis; aber kennt er denn nicht die wie wild lesenden gelobten „wilden Leser“ vom Schlage eines David Irving, Marcel Reich-Ranicki oder Rainer Zitelmann, dessen umfangreiche Literaturverzeichnisse ich in einigen Fällen bei der Wiss. BG zu lektorieren das zweifelhafte Vergnügen hatte? Solche Aufklärung der großen Zahl hilft gar nix, und über Zahlen wetteifern am meisten die Auschwitzleugner. Nein, Herr Groothuis, so geht das nicht.
Zum Schluß noch ein Wort zur Pädagogik, weil das Buch doch beste Pädagogik für das Hand- und Handelswerk der Buchbranche ist. Es war „die Einführung der allgemeinen Schulpflicht ein großer Schritt in Richtung demokratischer Verfassung“, schreibt Groothuis. Nun, der Herr sollte einfach mal das rudimentärste Geschichtsbuch nehmen, um nachzublättern, welche Katastrophen die Menschheit nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht sich zugemutet hat. Und von Schwarzer Pädagogik und dem allgegenwärtigen Leid der geschundenen Schüler hat der Wahlhanseat wohl auch noch nichts gehört.
So kommt es schlußendlich, daß in der Danksagung zum Beispiel Thomas Schmid erwähnt ist – heute die Welt, gestern am Strand -, der wirklich keinen einzigen Satz schreiben kann, ohne daß man Seiten bräuchte, ihn korrigierend zu erläutern; was ich zuletzt bei seinem Geburtstagsriemen an den immer noch geschätzten Klaus Wagenbach in Springers Flaggjolle abgelesen habe, und daß dort erwähnt ist McKinsey, der bekannte große Förderer des großinnovativen und bleibenden, ja verharrenden Verlagsunwesens.
Ganz zuletzt stimmen dann auch die Bilder, die Metaphern nicht mehr: Wieso kommen Bücher auf „die Erde“, wie Groothuis´ Titel sagt, kommen sie nicht eher auf die Welt, mit Geburtswehen und allem drum und dran? Meint er nicht den Vorgang, von dem Uli Becker dichtete, Mann zu sein und Mutter, das wäre schon was feines, zum Beispiel beim Lyrikband? „Wie kommen Bücher auf die Erde?“ Tja, bei Groothuis und DuMont fallen sie aus allen Wolken, mit zu vielen Druckfehlern für nur 144 Seiten sparsam gesetzten Text. So ist das eben, wenn der Lektor platz- und kompetenzsparend auch noch die Korrektur lesen muß. Siehe „Dank“sagung. Aber „Spar“bücher, die gibt´s überall.

_______________________________
Das Buch, die Bücher, der Bücherherbst
oder: Wozu Verlagsarbeit?

Manches wird sich einmal als falsch erweisen, aber die Aussicht auf künftige Korrektur darf den Versuch nicht verhindern, die Hilfsmittel der verschiedenen Wissenschaften auf das Problem der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer Widersprüche anzuwenden … (Zeitschrift für Sozialforschung 1, 1932)

Die Perspektive der Idee einer vernünftigen Einrichtung sozialer Verhältnisse

Wozu auch noch ein Verlag Westfälisches Dampfboot? Was ist hier der selbstgestellte Auf- und Beitrag, den Ausgang zu finden auf dem Markt oftmals sinnleerer verschriftlichter und zum Buch gemachter Eitelkeiten? Was treibt die Betreiber dazu, noch mehr jener Produkte zu produzieren, von denen ja Vertreter gesellschaftlich relevanter Kreise behaupten, sie könnten überhaupt nicht alle gelesen werden und was überhaupt dabei sozusagen hinten rauskomme? Nun, die Frage nach dem Wozu, nach Sinn und Zweck der zur Unternehmung gewordenen Dampfbootbücherproduktion läßt einfach abschreibend sich beantworten: um »aufklärend in die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen einzugreifen«. So sagt es jedenfalls stetig der Hinweis auf den Vorschauen für die jeweilige Halbjahrsproduktion. Doch halt, liest man genau, so ist da gar nicht von dem westfälischen Verlag aus Münster die Rede, sondern von jenem Blatt, das – anderthalb Jahrhunderte später namenspendend – im Vormärz schon versuchte, »aufklärend in die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen einzugreifen«. Das Dampfboot zitiert also mit seinem Verlagsnamen eine Tradition, an die anzuknüpfen es sich als Aufgabe gestellt hat. Bedeutet wird mit solcher Namengebung jedoch auch notwendig ein gesellschaftlicher Kontext, der weiterhin des aufklärenden Eingriffs bedarf. So weit, so schlecht? Aber nein: Wie gut, daß es das Dampfboot gibt! Aber ja doch: Wie schlecht, daß es das Dampfboot geben muß. Trotz alledem: Herzlichen Glückwunsch zum ersten Dezennium!
Ja, das Dampfboot – das Dampfboot ist also seinem Selbstverständnis nach ein engagierter Verlag und hat sich, ganz Tendenzbetrieb, der ein Verlag im vorgefundenen Rahmen nun einmal ist, ein heute fast vergessenes Wörterbuch auf die Fahne geschrieben. In diesem Wörterbuch stehen an prominenter Stelle die Einträge Aufklärung, Interessenpolitik, Emanzipation, Kritik, Solidarität, Antagonismen, Krise, Internationalismus, Freiheit, Ideologie, Imperialismus, kritische Wissenschaft, Radikalität, Gleichheit, Herrschaft. Im Verweissystem des Lexikons wird man noch viele Dinge finden, die, ebenso prominent, dazugehören. Revolution und Reform etwa, Staat und Gesellschaft, Gesellschaft und Gemeinschaft, Sozialismus und/oder/statt Barbarei. Das ganze Universum der Zusammenhänge und Gegensätze, die Totalität des widersprüchlichen Ganzen, kurz das, womit es das sozialwissenschaftliche, das politische Buch letztlich eben zu tun hat: mit Geschichte und Gesellschaft, Personen und Parteien, Strukturen und Prozessen, Klassen und Schichten, Interessen und Kompromissen, Hinzen und Kunzen. Mit allem also, was menschlich ist und doch von Humanität nicht zeugt.

Eine Politikwissenschaft, die nicht bereit ist, ständig anzuecken, die sich scheuen wollte, peinliche Fragen zu stellen, die davor zurückschreckt, Vorgänge, die kraft gesellschaftlicher Konvention zu arcana societatis erklärt worden sind, rücksichtslos zu beleuchten, und die es unterläßt, freimütig gerade über diejenigen Dinge zu reden, über die »man nicht spricht«, hat ihren Beruf verfehlt.
Ernst Fraenkel

In diesem Universum engagiert sich das Dampfboot aufklärerisch, würde wahrscheinlich im Wörterbuch ganz unbeliebig ordnen Inter- statt Nationalismus, Befreiung von konkretem Mißstand statt abstrakte Freiheitsforderung, radikale Kritik statt pragmatische Sozialdemokratisierung. Die Parteinahme ist dem Engagement eingeschrieben, für die Geknechteten, Entrechteten, gegen die Verhältnisse, die die verächtlichen Wesen machen. – So etwa jedenfalls macht man sich ein Bild von einem engagierten Verlag, welcher mit sozialwissenschaftlich orientierter Literatur politische Bücher mit wissenschaftlicher Parteilichkeit und entschiedenem Urteil auf einen Markt bringt, der allgemein nichts gegen solche Bücher hat, weil er sie zu bloßen Waren macht.
Das Wozu seines Tuns hat der Verlag also eindeutig beantwortet, und die Zwänge, auch längerfristig, zum Beispiel eben zehn Jahre und noch viel mehr, Antwort geben zu können, sind dieselben, denen andere Verlage unterworfen sind. Das Besondere bei einem kleinen, engagierten, ja linken (nun ist’s heraus) Verlag ist, daß sein Programm diesen Zwang der Gegenwart reflektiert, ihn aufklären will, ja ihn abschaffen helfen will.
Ein Unternehmen, welches mit Büchern wie mit beliebigen Produkten handelt, beantwortet die Frage nach dem Wozu eher automatisch: Es will Gewinn erwirtschaften und versucht das einfach mit dem, wovon es meint, daß es gewinnbringend verkauft werden kann. Über solche Unternehmen wollen wir aber hier nicht reden, auch nichts von ihnen hören. Die finden wir so oft wie abgedroschene Phrasen, die es wie Sand am Meer gibt. – Wie aber kriege ich nun die Kurve vom gemeinten Geburtstagsgruß ans Dampfboot zu einem einigermaßen akzeptablen Beitrag, der dem gelobten Verlag angemessen ist und der den geneigten Leser nach Abschluß dieser Lektüre zur Überzeugung führt, daß tatsächlich letztlich hinten etwas rausgekommen sei? Wie komme ich zu einem (ganz?) anderen Verlag, z. B. zu dem, bei dem ich arbeite? Da gut gemeint nur halb gewonnen und zur Entschuldigungseinleitungsformel geronnen ist, wahrscheinlich nur durch ein herbes Bremsmanöver, das uns mit Hilfe der hier nur kurz eingeführten Zeitmaschine in die Anfänge der Bundesrepublik zurückschleudert. Wir stoppen dann in der Gründerzeit der deutschen bundes- und demokratischen Republiken, sehen 1949 auch die Wissenschaftliche Buchgemeinschaft im Südwesten entstehen, die dem heute immerhin als Buchgesellschaft tätigen Verein seine Geschichte machen wird. Und was da so unter der Obhut des schon in der Zeitschrift für Sozialforschung treffend rezensierten Ernst Anrich zusammen- und hinten rauskommt, ist nicht nur die akademisch disziplinierte deutsche Wissenschaft, die das Programm machen soll, sondern auch die Wissenschaft, die im Zuge halb und also gar nicht geglückter Entnazifizierung nicht mehr an deutschen Universitäten stattfinden sollte. Manchen Unterschlupf und manches Überwintern von im wahrsten Sinne ausgedienter Wissenschaft gab es bei dem entstehenden Reprintverlag mit geschlossenem Publikum, und was anderes konnte erwartet werden bei einer Programmatik, die »durch Kriegseinwirkung« Verlorenes bei genügender Subskription wieder zugänglich machen wollte. Programmprofil wurde so von hier wie von da, vom »Verlag«, der damals noch bloß ein akademischer Buchklub war, wie vom Vereinsmitglied der verkäufliche wissenschaftliche Mainstream der Vor- wie Adenauerzeit.
Das klingt verächtlich, ist aber nur in einem speziellen Sinn so gemeint: Über die satzungsgemäße »Neutralität« und »Objektivität« wurde früh ein inhaltliches Profil entwickelt, welches als konservativ zu bezeichnen manches Mal noch links danebentrifft. Die typischen Stärken der alten Programmschienen – in den Fachwelten kompetenten Überblick zu geben – in Reihen wie »Wege der Forschung«, »Texte zur Forschung«, »Erträge der Forschung«, »Grundzüge« und »Einführungen« waren zugleich die politisch-programmatisch entscheidenden Schwächen: Sie schrieben »objektiv« auf, was bis zum Erscheinen eines Titels Sache war, und sie mogelten sich in solcher Scheinneutralität um die konkreten gesellschaftlichen Interessen einer politisch neutralen, das Erkenntnissubjekt ausschaltenden und nur in ihrem Selbstbild objektiven Wissenschaft vorbei. Kurz: Die alte WB machte und vollstreckte als vom Selbstverständnis her unengagierter, d. h. auf Objektivität, Neutralität und Wertfreiheit selbstverpflichteter Verlag die »Anliegen« der Zeit. Die Parteilichkeit eines solchen sich der Unparteilichkeit verschreibenden Programms trat spätestens mit der Fritz-Fischer-Kontroverse offen zu Tage, als sich die WB – wie sie liebe- bis respektvoll genannt wird – mit ihrer Veröffentlichungspolitik auf die Seite der Fischer-Gegner stellte. Hier zeigte sich, daß die Ideologie der Ideologielosigkeit eben das Gegenteil kritischer Gesellschaftstheorie ist.
Die ganze alte Geschichte ist aber in ihren Facetten besser in den alten Büchern nachzulesen, die in bundesrepublikanischen Aufbruchzeiten endgültig das Tendenziöse des nur scheinbar Tendenzlosen aufdeckten – Büchern aus engagierten, oft kleinen Verlagen, die sich bis vor kurzem (bis heute?) dafür auf die Schulter klopfen durften, die Bundesrepublik wenigstens auf westlich-aufgeklärtes Normalniveau zu heben mitgeholfen zu haben. Bücher, Programme, Reihen und Verlage, die Aufklärung im Sinn hatten, haben geholfen, den vielzitierten Muff unter Talaren, zwischen Buchdeckeln und allenthalben riechbar und unausstehlich zu machen. Die Beantwortung der Frage nach dem Wozu von Engagement scheint also eindeutig zu sein: Hilft es nicht zu einer Revolution, so doch zu einer Studentenrebellion, die die vermuffte Gesellschaft (und ihre Medienwelt) so aufschreckt, daß sie aus eigenem Interesse die Kritik hier und da aufnimmt, um sich selbst erneuert zu erhalten. Freilich hilflos steht dann der Aufklärer dabei, dem die Reform einen Streich gespielt haben mag, der ihm vielleicht gar nicht so unrecht war (ist?). Die Spanne, die Differenz zwischen radikaler Kritik und konkretem Fortschritt mag manchem Engagement die Erfolge betonen, dem anderen das Scheitern erkennen lassen. Das Zwischenspiel von Wut und Trauer, Hoffen und Bangen, Kaufen und Sichkaufenlassen ist dann ja sattsam bekannt.

Vom kritischen Aufbruch zur realistischen Wende

Damit sind wir auch schon beim neuen alten Hauptproblem. Wie ist das heute mit Wissenschaft und Parteilichkeit, mit Bildung und Herrschaft, Moderne und Postmoderne, Kritik mit wissenschaftlichen Mitteln, Eingriffen, Stichworten und historischem Bewußtsein? Was ist links?, fragt die FAZ und Rotbuch fazzt’s zusammen; was ist rechts?, fragt die FAZ und sucht die neuen (nationalen) Grenzen. Die ZEIT steht wie immer nicht daneben, sondern in der Mitte und fragt: Was heißt heute noch liberal? Nach der ausgefallenen Gründungsdebatte einer neuen Bundesrepublik in veränderter globaler Konstellation nimmt sich die Öffentlichkeit also der geistigen Situation einer brutalisierten (Straßen-)Politik an.
Und die neuere, inzwischen auch schon wieder ziemlich seniorisierte WB fragt engagiert für den Kontext von gesellschaftskritisch aufgeklärter Wissenschaft: Wozu Politikwissenschaft? Wozu noch Soziologie? Was heißt Rassismus? Was sind die zeitdiagnostischen Aufgaben einer jeden wissenschaftlichen Disziplin?
Wer nicht fragt, bleibt dumm, heißt es im Kinderfunk; aber die Antworten, die man kriegt, bleiben natürlich auch ein Kriterium. Sowie man aus Schaden nur klug werden soll, bleibt doch das Gelingen eine Unmöglichkeit in dieser unserer schadhaften, ja geradezu schadstoffreichen und zugleich schadstoffarm (gar nicht mehr -frei?) sein wollenden öko-ökonomisch umzubauenden Industriegesellschaft des Spätkapitalismus. Trotzdem »brachen« »im Wendejahr 1989« aber »die kommunistischen Diktaturen Osteuropas zusammen. Die offene Gesellschaft ging siegreich aus dem Kalten Krieg hervor. Doch just in der Stunde des Liberalismus stellt sich für viele die Frage: Was heißt heute noch liberal?« Diese wurde »von Robert Leicht« in der ZEIT vom 3. Juni leichthin zum ohnehin nicht ersten und letzten Mal in aller Fragwürdigkeit beantwortet. Schon die Frage selbst kommt aus einer sinnfrei-formal selbstdefinierten Mitte des verantwortungsfülligen Wir-Gefühls als Reaktion auf die relevanten discussions, what’s denn nun right and what’s left sei. Die Mitte muß freiparlamentiert werden von den formal total gleichgemachten Extremen rechts wie links. Da sind nicht nur wie gehabt die »rechten Diktaturen von Hitler über Mussolini, von Salazar über Franco [und nun nicht ‚bis zu‘, sondern fälschlich:] und die griechischen Obristen« gleichgesetzt mit den »kommunistischen Regimen im Osten«, da gibt es nicht nur die wider untrügerischem Augenschein durchgesetzte politische Farbenleere (rot = braun, außen grün = innen rot, und eine Honigmelone ist dann schon gelblich), fröhliche Urständ feiert auch die Legende der zwischen Extremen zerriebenen Weimarer Republik, was als Angstbild zwar die Gefahr von rechts heute betonen muß im Wissen um den Fortgang der Geschichte, dabei aber keine Schwierigkeiten hat, die behauptete eigene Mitte in der neuen Spiraldrehung der Selbstbehauptung zurechtzurücken und als »Sachfrage und Interessenslage« zu tabuieren. Liberalismuskritik und Kritik eines antitotalitären Konsenses der Nation soll ebenso Tabu sein wie Antikapitalismus und Antifaschismus. Das formalisierte Denken erst in Rechts-mitte-links-Konstellationen macht dessen Klischee, das Aussparen der Frage nach den materialen Inhalten macht auch heute die stattfindenden Diskussionen zu einem bloßen Verfahren – des Ausschlusses, nicht der Aufklärung.

Die Soziologie befaßt sich vielfach nur mit der Beschreibung des Faktischen; die politische Theorie mit der Wahrheit. Die Wahrheit der politischen Theorie ist die Freiheit. Daraus ergibt sich ein grundsätzliches Postulat: da keine politische Ordnung die politische Freiheit vollkommen verwirklichen kann, muß die politische Theorie immer kritisch sein. Eine konformistische politische Theorie ist keine Theorie.
Franz L. Neumann

Um die Diskussion in idealen Bahnen zu halten, wird der Weg zur geschehenen Geschichte einfach abgeschnitten: »Aber wozu so viele mörderische Umwege [meint: die rechten und linken Diktaturen] zur Einsicht, die schon am Anfang [der bürgerlichen Ordnung] hätte stehen können: daß nur in einer pluralistischen, in einer liberalen Gesellschaft die Probleme der Neuzeit friedlich zum Ausgleich zu bringen sind?« Alle Geschichte, alle Opfer wie Täter weggewischt mit dem Hinweis: Wäret ihr bloß dem Liberalismus gefolgt, dann wär‘ das alles nicht passiert!
Nach dem damaligen 68er-Aufbruch zu neuen Ufern z. B. mit den »Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft« und denen anderer, aller Disziplinen ist heute wiederum ein Wendepunkt erreicht, auf den seit Mitte der 80er Jahre zugesteuert wurde. Und »nur zu rasch sollte sich bewahrheiten, was 1872 der gewiß konservative Schweizer Historiker Jacob Burckhardt aus der politischen wie intellektuellen Distanz zum deutschen Reichspatriotismus spöttisch voraussagte: die deutsche Historikerzunft hat nach der Reichsgründung tatsächlich ‚die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/71 orientiert’«, schrieb Imanuel Geiss 1974, und auch heute scheint kritische Wissenschaft wieder zu einer Wunde in der dickbäuchigen Bundesrepublik geworden zu sein. Kritische Wissenschaft (und die wollen »wir alle« ja nun mal verlegen) gilt, wenn nicht weiterhin – wie im günstigen Fall – als schmerzhafter Stachel im Fleisch des Objektivismus, dann gleich als gleichsam fachfremd und ehrenrührig, als Politik (gegen den Zeitgeist) eben; ganz verschwiegen bleibt dabei nur noch das eigentliche Ziel, die wirkliche Bestimmung des akademischen Geistesbetriebs: daß nämlich Emanzipation befördernde Kritik (mit wissenschaftlichen Mitteln) erst die Wahrheit historisch-kritischen Forschens ausmacht. Der Totalitarismus einer auf Wahrheit verpflichteten Gesellschaftskritik ist wahrscheinlich nicht so totalitär wie die repressive Toleranz einer Wissenschaftsgemeinschaft, die im Bekenntnis zum Methodenpluralismus ihre Arbeit im Ethos des »Was machbar ist, wird gemacht«-Konsenses differenzierend definiert. Ihr Zweck ist Selbstgenügsamkeit und Ausgrenzung als tolerierte Ausdifferenzierung, während jene noch einen selbstgestellten Auftrag erinnert: Ausgang aus falschverstandener Mündigkeit. – »Ernsthafte Aufarbeitung« (Adorno) der Vergangenheit und Aufklärung über gesellschaftliche Verhältnisse können nicht ohne die Reflexion auf eine Gesellschaft stattfinden, welche sich gerade wieder einmal dazu entschließt, in die Zukunft zu marschieren ohne Erinnerung, ohne Bewußtsein der in ihr waltenden Dialektik von Kultur und Barbarei.
Die prinzipiellen Ansprüche einer Neuen Wissenschaft – die vor zwanzig und mehr Jahren angestrebt wurde – sind wert, neu ins Bewußtsein gerufen zu werden. Sie verdeutlichen zudem manche Stagnation und zeigen nicht zuletzt, daß bloßes Fortschreiten des Kalenders durchaus mit Rückschritten im Geiste gekoppelt sein kann, z. B. wenn es um die Wiederkehr der »historischen Methode« geht, um konfuses Methodengemixe oder um die strategische Frage, wer oder was revolutionär genannt werden kann (wie der Zitelmann den Adolf). Die postmoderne Hintergrundideologie ist nicht mehr die des sich als objektiv mißverstehenden Historismus, sondern eine balancierte Vielfaltsmenge, in der sich einige Elemente mit dem Hinweis profilieren können, daß man ja noch bitte schön fragen dürfe, oder ob der linksliberale Mainstream, der behauptete kulturelle Hegemon, das auch schon verboten hätte. – Jedenfalls, der Provokanten Schwäche korrespondiert die Blässe der Gegenargumentanten, und interessant bleibt oft nur, worüber sie alle, zusammen und darin gemeinsam, schweigen.
Liest man in den Kinderjahren der neuen Weltordnung mal nach, wo sich kritische Wissenschaft heute befinden sollte, so kommt man nicht umhin zu zitieren, daß auch diese Geschichte allemal dasselbe war, nämlich Vorgeschichte einer Utopie gebliebenen Utopie. Und das wiederum hätte Auswirkungen auf die Kritik, auf die Mittel zur Emanzipation, weil ja der fast gänzliche Ausfall eines utopischen Horizonts, einer Geschichtsphilosophie, einer Erlösungshoffnung deren gegenwärtige Arbeit in Produktion und Rezeption affizierte. Aber, nur leicht akzentuiert, immer noch bleibt es so, daß die Kritik des Historischen das Potential der Tradierung ist.

Zur Dialektik von Kursbuch und Zielvorstellung

Sozialwissenschaftliche Theoriebildung und Forschung erhält immer noch erst in der Reflexion auf den historisch-politischen Ort, an dem sie (ent)steht, und durch die historisch-kritische Rekonstruktion der Problemlage, innerhalb deren ihr Gegenstand sich bewegt, Erkenntnis- und Wahrheitswert. Spezifischer: Nur, wenn der Sinn der Beschäftigung mit Geschichte und Gesellschaft nicht abhanden gekommen ist, entwickeln sich relevante Fragestellungen, welche die Potentialität von Geschichte und Gegenwart einklagen und nicht nur deren Faktizität behaupten. Nur, wenn Geschichte als Prozeß (emphatisch: der noch ausstehenden Menschwerdung) begriffen wird, findet Wissenschaft als Aufklärung in politischen und sozialen Umbruchzeiten statt. Ist es anders, funktioniert Wissenschaft als Ideologie. – Solche Selbstverständlichkeit, solche Ansicht (daß Erkenntnis ein Interesse hat) mußte erkämpft werden gegen Positionen, welche vorgaben, überhaupt nicht Position zu beziehen und beziehen zu dürfen. Weltanschauliche Neutralität, Objektivität und Wertfreiheit hießen die Kampfbegriffe einer Zunft, welche sich in ihrer überwältigenden Mehrheit bis Ende der 60er Jahre weigerte, Engagement und Parteilichkeit, so sie explizit formuliert wurden, überhaupt für den Wissenschaftsbetrieb zuzulassen. Herrschaftslegitimation oder Ideologiekritik, so hieß die Alternative, mit der zu Zeiten der Studentenbewegung angehende Wissenschaftler konfrontiert waren. Und wesentlich, im tiefsten Grunde wie auf höchsten Wipfeln, hat sich daran nichts geändert.
Heute finden wir einen Wissenschaftsbetrieb vor, in dem sich seit dem Aufbruch zwar manches getan hat, der aber auch den eigenen Anspruch nicht nur der Revolutionierung des akademischen Bereichs, sondern vor allem der Gesellschaft schlichtweg vergessen zu haben scheint. (Nun, die Verhältnisse, auch die außerparlamentarisch-oppositionellen, sind auch nicht so.) Die Kritik, die emphatisch gemeint war, bezogen auf eine »Gesamtgesellschaft«, hat sich reduziert auf eine gleichsam interne Kritik. Dann geht es nicht mehr um die Totalität gesellschaftlicher Verhältnisse und ums Glück für alle, sondern um Methoden, Theoriemodelle und Detailkritik. Nicht mehr um Kritik interessegeleiteter Politik in Geschichte und Gegenwart, sondern um die Abwägung von historischen und aktuellen »Lösungen« zu Sachfragen. Dann hat sich die Tradition in der Form durchgesetzt, daß Kritik kritisch wird, konstruktiver Bestandteil dessen, was ehemals wahre Kritik als falsches Ganzes verworfen hatte. –

… der Positivismus ist ihre Wissenschaft. Die Löschung des Geschichtsbewußtseins wird somit noch schneller besorgt, als es die gewaltige Veränderung der objektiven Bedingungen veranlaßt, das veitstanzartige Vorwärtsschreiten der historischen Zeit. Wie in vielem besorgt auch hier eine bildungslose Linke die Geschäfte des Kapitalismus.
Heinz-Joachim Heydorn

Unbekömmlich und reizend ist – neben Altbackenem, Petrifiziertem und durch Steinschlag dumpf Erwachtem – manche »realistische« Wende der akademisch gewordenen Achtundsechziger, eine genaugenommen – von heute aus gesehen – vorgezeichnete Wende, welche damalige »künftige Wissenschaft« wieder etablierte »Normalwissenschaft« sein läßt. Der ehemalige Anspruch der Kritik, mehr zu wollen als wahre Wissenschaft, nämlich auch deren Bedingung: eine globale Gesellschaft der Freien und Gleichen, muß mit der Lupe, wenn nicht gar mit dem Mikroskop gesucht werden.
Nicht mehr Lernen aus Erfahrung und in aktuell fortwesenden Verhältnissen, sondern Handhaben scheinbar sicheren Wissens ist die schleichende Konsequenz des Weges von der Kritik zur bloßen Wissenschaft. Handhabung dessen, was uns dann eigentlich nichts mehr angeht. Sozialtechnische Begutachtung von Totem.
Wir sind so ziemlich am Ende – um nicht zu sagen hinten, wo’s ja rauskommen soll – angekommen, vom schleichenden Vergessen des eigenen Anspruchs habe ich letztlich berichtet, aber auch von schönen Gärten auf dem Boden, aus dem Geschichte bisher kroch, und habe doch nur Bruchstücke zusammengetragen, welche in Zeiten neuen, gar Querdenkens alten Ansichten von Kritik und historischem Bewußtsein zu schaffen machen.
Wollen wir zusehen, daß sie einen Publikationsort finden: beim Dampfboot, der Buchgesellschaft oder wo es sonst noch schön ist bzw. heiter werden kann.
P. S.: Grüßen möchte ich (ehe wir nun wieder buchmessentechnisch nach Uli Becker »messen, wer den längsten hat«) an dieser Stelle alle Bekannten, Verwandten und Freunde, um auch hier letztlich die Überlegenheit des Buches auch für zweifelhafte Situationen gegenüber sowieso zweifelhafteren Medien zu dokumentieren.
P. P. S.: Und damit da keine Mißverständnisse aufkommen: Wissenschaft, das Medium der Autonomie, bleibt auf theoretische, nicht politische Kriterien verpflichtet, so sie nicht ihre Selbstauflösung betreiben will.

_______________________________
Sehnsucht nach dem Feind
Das Unbehagen an der Verständniskultur

Zwei »vage Beobachtungen« waren es, die die Herausgeber Helge Malchow und Hubert Winkels veranlaßt haben, zum »unscharfen Thema Feindschaft« neue, man kann auch sagen: junge deutsche Literatur zu sammeln. Zum einen sehen sie die (Schreckens-)»Vision einer zu bürgerlicher Friedfertigkeit erpreßten Medien- und Kulturgesellschaft« sich verfestigen, in der Gegensätze, Frontbildungen kaum noch wahrnehmbar sind, weil beispielsweise die Regierung auch schon die Aufgabe der Opposition übernimmt bzw. diese von jener nur noch graduell zu unterscheiden ist, zum anderen verzeichnen sie seit Beginn der 80er Jahre sich vermehrende Beispiele für eine »aggressive, geradezu haßerfüllte Literatur«, die dem Versöhnlichkeitsgebot, dem Kompromißzwang zu entkommen sucht.
In einem eigenen Beitrag deutet Winkels das Paradoxe dieser gegenläufigen und doch zusammengehörigen Entwicklung an, indem er feststellt, daß die aus der (Medien- und Kultur-)Gesellschaft ausgetriebene Verweigerung, das »Nein zum Ja«, ausgerechnet in den Produkten eine Heimstatt findet, aus denen sich die Kulturindustrie wiederum zusammensetzt. Das Widerständige in diesen Produkten, den Kunstwerken, wie auch das Aufbegehren innerhalb der Gesellschaft werde nun permanent »entschärft«, und die Hauptwaffe im Kampf gegen eine unbedingte Opposition wird das Verstehen. Zum Austragungsort und zur »Hüterin der Feindschaft« kann die Kunst also nicht werden, denn mittels kritischer Würdigung werde sie dem Betrieb vollends gleichgemacht.
»Ganz allgemein verliert im Verlauf der Siebziger der kulturelle Habitus der Unversöhnlichkeit an Attraktivität. Und mit ihm die Denkform des Antagonismus. Aus der Klassengesellschaft wird die Solidargemeinschaft. In ihr findet die Feindschaft kaum noch zu einer Form. Gestützt von Bildungsreform und der Rechtfertigungsideologie einer erschöpften studentischen Protestgeneration, dem ‚langen Marsch durch die Institutionen‘, setzt sich auf breiter Front die Kultur des Verständnisses und der Verständigung durch.« Von den Rändern der Gesellschaft her werde nun dieser vernünftig kommunizierenden Öffentlichkeit der Diskurs verweigert, weil ein öffentliches Nein-Sagen bloß die Variante zum Ja in einer freiheitlichen Streitkultur sei. In Vernunftfeindschaft überhaupt scheint der radikale Bruch mit einer total vernetzten, medialen Gesellschaft zwanghaft einmünden zu müssen. Misologie wird dann zur Hüterin der Feindschaft.
Hat solche, Carl Schmitt von links zitierende Phänomenbeschreibung auch ihre Gültigkeit, so fragt Michael Wildenhain in seiner Antwort auf Hubert Winkels nach dem Wesen dieser Erscheinung und erklärt das – in Wirklichkeit doch sehr brüchige – Szenario universeller Verständigung mächtiger Gruppen und ohnmächtiger Einzelner zur entsolidarisierenden Ideologie der immer noch fortbestehenden Klassengesellschaft. Lapidar schreibt er: »’Feindschaft‘, denke ich, das ist ’ne ziemlich simple Sache, im Sinne des Wortes meint es so was wie Klassenfeind«; und auch mit der Literatur bleibe es in der derzeitigen Phase gesellschaftlicher Restauration so, wie es war: »daß Literatur nichtsdestotrotz entweder affirmativ oder kritisch ist, wie gehabt«.
Was die 26 Autoren in Geschichten, Gedichten und Essays zum Thema »Feindschaft« beitragen, liest sich denn auch in dem Spannungsfeld, welches die Debatte zwischen Winkels und Wildenhain umreißt. Wo Argumente nicht schlagen, sondern den Gegner verstehend und klüger machen, dort wird die Vernunft zuweilen aus ihrem angestammten Platz ins Existenzielle gedrängt: eben in Feindschaftsverhältnisse. Die sind dann legitimationsfrei, stehen damit in Gefahr des Unreflektierten und haben doch ihr Recht daran, daß sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr reden läßt, nämlich genau dann nicht mehr, wenn es um materielle Interessen und um Machterhalt geht.
Ins Zentrum der aktuelleren Debatte um politische Kultur in einer Mediengesellschaft stößt Christof Wackernagel, wenn er in ein science-fictionales Szenario zwischen »Generalbundesanwalt Professor Kurt Rebmann und dem zur Genüge bekannten Herrn K. das Programm Habermas« schiebt, das Aufschlüsse über die Ursachen innerstaatlicher Feinderklärungen geben soll. Der hier beschriebene Prozeß der versuchten Verständigung endet jedoch mit einer – schön getitelten – »Verselbständigung«: Die Ausgangsfrage nach Ursache und Wirklichkeit eines unversöhnlichen Verhältnisses verflüchtigt sich in die Debatte, welcher Wirklichkeitsdarstellung des Szenarios, dem nur sieben Journalisten bekannter Zeitungen beiwohnen durften, Glauben geschenkt werden kann. Versöhnlich erheben sich sieben Wirklichkeitsvarianten kommunikativ über eine fiktionalisierte, aber eindeutig freund-feindliche Wirklichkeit. Das jedenfalls ist die ganze Wirklichkeit, die Wackernagels Literatur beschreibt.
Auf klassischem Terrain bewegt sich dagegen die Geschichte von Ulrich Peltzer aus dem ersten Weltkrieg, die den wahren Frontverlauf in den Schützengräben erläutert, indem die nationale Verständigung darauf, gegenüber Franzosen Deutsche zu sein, schon durch einen Titel kommentiert wird, welcher allein aus den Namen der einzelnen Soldaten besteht, sie also nicht reduziert auf ihre Nationalität und Feindschaftsgefühle allein bei denen ausmacht, die mit Verachtung gegen menschliches Leben ihre Untergebenen nötigen, einander gegen ihr gemeinsames (Klassen-)Interesse niederzumetzeln. Da gibt es aber auch bei Bodo Morshäusers »Kellinghusen«-Bericht den gewalttätigen Skinhead, dessen Tatmotivation nicht restlos in sozialpädagogischen, milieutheoretischen oder politisch-ökonomischen Kategorien beschreibbar ist. Es bleibt dort eine nicht erklärte (unerklärliche?) Lust an legitimationsfreier Gewalt, etwas, das nicht zur Sprache kommt, das sich dem Verstehen sträubt.
Zwischen diesen Polen rationaler Erklärbarkeit und existenzieller Wirklichkeit siedeln sich die »Feindschaftsverhältnisse« an, die weiterhin thematisiert sind: Meister gegen Lehrling in der schweigsamen Geschichte von Manfred Seiler, Homosexuelle gegen Heterosexuelle – in frischer Aggressivität von Detlev Meyer erzählt -, Mann gegen Frau, Geschichte gegen Gegenwart, Ich gegen Ich usw. Und wenn das Thema manchmal aufgesetzt wirkt – vielleicht zeigt sich darin doch nur »der Schmerz, keinen Feind mehr zu haben«, wenn es nur noch soziale Partner gibt; zumal wenn selbst Adenauer einem lieb wird, ist er erst einmal von Joachim Lottmann als Deutschlandhasser porträtiert; und auch Walter Klier und Maxim Biller stehen nicht zurück, wenn es darum geht, gerne gepflegte Frontverläufe aus der jüngsten deutschen Geschichte zu irritieren.
Im Vorwort heißt es, daß, wer heute etwas zu sagen hat, versöhnlich gestimmt ist. Das scheint die einzig zutreffende Beschreibung einer Gesellschaft zu sein, in der die Opfer mit den Tätern versöhnt werden sollen. Diese wütende Harmonie versöhnlich gestimmter Macht ist es, gegen die die hier versammelte Literatur anschreibt. Sie hat wirklich etwas zu sagen, weil sie unversöhnlich ist gegen erpreßte Gemeinsamkeit. Verliert sich allerdings die Erfahrung von Antagonismen im Versöhnungsterror einer falsch verstandenen bürgerlichen Öffentlichkeit, dann kommt es entweder zu – sehr lesenswerten – privaten Ausbrüchen von Barbarei (Hansjörg Schertenleib läßt einen seiner Helden mit Inbrunst und missionarischem Eifer Tauben, diese wahrlich nicht immer Frieden assoziierenden Stadtvögel, töten), oder es geht einem doch, so wie in Andreas Neumeisters Geschichte »Die Läuterung« formuliert, ums Ganze: »Fast fühle ich mich schuldig dafür, daß ich offenbar nur milde bedroht aufgewachsen bin und mich an nichts wirklich bedrohlichem (Hunger, Krieg, Trinker-Eltern) abarbeiten mußte. So spreche ich in platonischem Haß von mir selbst in der Mehrzahl: We don’t want this world and we don’t want it now.«
Feindschaft. Neue deutsche Literatur, hg. von Helge Malchow und Hubert Winkels, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1989 (KiWi 180), 317 Seiten

_______________________________
„und einer singt was“.
ästhetische und soziale praxis heute.
Rainald Goetz schreibt den kategorischen Imperativ kritischer Theorie fort

Neue Fronten zu schaffen in Fragen der Ästhetik war ein Anliegen der sog. Pop- und Haßliteratur der 80er Jahre, zu der Rainald Goetz seit dem Erscheinen der von Peter Glaser herausgegebenen Anthologie „Rawums“ gezählt werden kann. Heftig, „mit Fanfare und Getöse“, wurde die eigene Sache vertreten und wurden neu „die Debatten ausgetragen, die ihrerseits uralt sind“, und im Rückblick stellt der zu recht und zu unrecht Popliterat genannte Rainald Goetz auch für diesen eigenen Kontext fest, daß der, wie jede Neuheit, alt wird und „inzwischen längst schon wieder [!] etablierte Attitüde“ ist. Auch vom „inzwischen plötzlich [!] komplett imaginären Geist der achtziger Jahre“ ist die Rede, die nach der „Ernstenge“ der siebziger einen „gnadenlosen Terror der guten Laune“ und „Massen an Spaß und Meinung und Blödmannkultur“ etabliert hätten und nun selbst zum „Jüngstvergangenheitsmüll“ zählten. Trotz solchen Urteils wird aber das Ausgangsmotiv weiter verfolgt, sich zum „radikalen Weltempfänger“ zu machen, ’neuartige Signale‘ statt altbekannte Bilder und Geräusche zu empfangen und weiterhin zu ‚testen‘, „wie die traditionellen großen Formen (Der Roman, Der Fünfakter, Der Zwölfzylinder) heute ausschauen müßten“. Geblieben ist trotz solcher Rückschau auf die „Tempojahre“ (Maxim Biller) auch der entschiedene, ‚extremistische‘ und zugleich widerstreitend ambivalente Schreibgestus, das Unmittelbarkeitspathos eines ‚direkten Weltzugriffs‘ und das ‚antiliterarische‘ ästhetische Programm eines weiterhin „nüchtern die Fakten mitschreibenden Notars“ („1989“) der Zeit mitsamt der durchgängigen „Autobiographietarnung“ („Ästhetisches System“) der ebenso weitergeführten Ästhetik der Lebensmitschrift.
Der Text „Drei Tage“ beginnt mit der kritischen Sicht auf das „Erwachsenwerden im Schreiben“ und befragt „im nachhinein alles bisher Gesagte“, welches durch neue, fortgesetzte Autorenschaft „in einer immer wieder neuen Perspektive“ erscheine. Gegeben wird dieses Neue für Goetz durch „eine echte Revolution im Leben der Nacht“ mit einer „noch richtigeren Musik“: Techno. Die Erfahrung von Techno und Ecstasy – „Quantensprung in meinem Denken“ – wird beschrieben als „neue dritte Möglichkeit“, als „völlig neuer Raum“ mit offenem Horizont, welcher das „Wissen von Punk und Pop“, aktuell bloß noch „tot gefälschte Erinnerung“, ablöst. „Nichts ist zu verwerfen. Doch jedes neu anfallende Quant Zeit, ewig gleiches altes Lied, kann alles neu beleuchten“. Die Ausgangsfrage „So wäre ich also im richtigen Kampf gestanden, nur auf der falschen Seite?“ – in mancher Kritik vorschnell zu einer 180°-Kehre gemacht – relativiert sich jedoch im weiteren konsequent zum Finden einer neuen Form immer noch gemeinter Dissidenz bzw. Weigerung.
Die Nachtwelt wird zwar „hell“ – „ein völlig neues Gelb“ – im „Kollektivspaßkörper“ Techno; Realisation von Dissidenz für Augenblicke des Glücks ist aber auch hier das zu ertanzende Erlebnis von Rausch, Extase und weltentrückter Erschöpfung, nicht mehr als jungenhafter Kampf gegen die Bühne, nunmehr als gemeinschaftlicher „Triumph aller zarten Kräfte“. Weiterhin vornehmer „Ort dieses Draußen ist die Jugend“ als einzige reale Möglichkeit noch unverstrickter „Abweichung vom Bestehenden, vom Herrschenden, von der Macht, vom Faktum, von der Realität“ („Drei Tage“/„Schlagabtausch“). Genauso wie jener von Goetz bevorzugte „goldrichtige Hammer einer unmittelbaren Vernunft“ in der ‚Welt der Literatur‘ hat diese Dissidenz in der ‚Welt der Wirklichkeit‘ ihren Fluchtpunkt letztlich in einer als „besinnungslos“ bezeichneten „Praxis“, welche radikale Individualität, Authentizität, ‚Jetztsein‘ allein zu verbürgen scheint. Hier allein sei das kategoriale Nein zuhause, die radikale Dissidenz, die alles ablehnt. – In blinden und letztlich blindwütigen Akten, die sich selbst nicht mehr befragen, läge also das befreiende Potential? Solche Konsequenz ist für Goetz‘ ästhetisches Programm oft befürchtet worden, und genügend Textstellen ließen sich finden und zitierend aneinanderreihen, um diese Sicht in einer Sammlung scheinbar untrüglicher Indizien zu unterstützen. Eine solche Position konnotiert jedoch die Blindheit oder Besinnungslosigkeit widerständiger Handlungen in einer oftmals nicht mehr befragten und selbstgefälligen Kulturkritikautomatik negativ, belegt sie mit einem etablierten theoretischen Rahmen, der die Akte der Verweigerung unweigerlich integrierend oder ausschließend entschärft, sie durch – durchaus konträres – zeitgemäßes Verstehen entkräftet, während Goetz genau deshalb solche Praxis von allen gängigen Diskursen abkoppeln will: um ihre Radikalität und besondere Qualität zu retten. In seinen Augen wird sozusagen dem Vorschein der Praxis im theoretischen Nachhinein einer etablierten kulturkritischen Zeitdiagnostik seine bloße Scheinhaftigkeit nachgewiesen unter Verkennung eines letztlich nicht mitteilbaren Moments im Akt der Dissidenz: „Die Praxis beinhaltet mehr als das, was verstanden wird“.
Daß der abweichenden Wirklichkeit nicht wirklich ein Eigenrecht zugestanden ist in ihrem Nachdenken und sie immer wieder eingeholt, „gejagt“ wird von der Theorie und einverleibt von der Gesellschaft, leitet über zur Goetzschen Affirmation der Beuysschen These, daß jeder Mensch ein Künstler sei. „Kunst ist genau an diesem Faktum interessiert, daß dieses Leben in seiner permanenten Wiederholung ein Kunstwerk ist“, „daß die Kunst eben nicht in der Natur ihr Vorbild hat, sondern in dem Leben und in der Praxis, in der Wirklichkeit dessen, was einzelne Leute leben“. Goetz spricht damit letztlich der sozialen Praxis, dem ‚Leben‘ einen Status zu, der gemeinhin im Vergleich von Kunst und Gesellschaft ersterer vorbehalten ist: den autonomer Unverfügbarkeit. Und der utopische Horizont der Kunst, vernünftige Gesellschaft, verwiese dann wieder auf gegenwärtige soziale Praxis als unbewußt-bewußtes dissidentes Agieren; und dieses wiederum in einer Endlosschleife auf unbewußt-bewußte künstlerische Praxis, und das Gemeinsame des Differenten läge in der jeweiligen, auch gegenseitig unverfügbaren, individuellen, lebendigen Eigensinnigkeit. Was Goetz in dem Gespräch „Schlagabtausch“ argumentativ entwirft, findet eine Entsprechung im Kontradiktum vom „idealistischen Materialismus“ einer Ästhetik, die ihr „Maß hat einfach an der Summe von allem, was in der Wirklichkeit da ist“, in dem Text „Drei Tage“. Aller Theorie und „ihrer poetischen Schwester Kunst“ wird dort auch eine jeweilige ‚antipolitische Dissidenz‘ zur tatsächlichen Wirklichkeit zugewiesen (was meint, daß es hier um Grundsätzlicheres geht als um eine politische Position), während in der Wirklichkeit selbst solch dissidente ‚Politik‘ ihre Parallele in der „definitiv richtigen Position“ einer opponierenden „Partei der Negativität“ habe. –
Mit dem Buch „Festung“ setzt Goetz seine mit „Hirn/Krieg“ begonnene „Arbeit am Echo vom Echo der Welt“ fort, hier werden „die altvertrauten Argumente wieder einmal neu für heute durchgetestet“. Es zerfällt auf den ersten Blick in seine drei getrennten Teile: in die Sammlung des Stoffes in „1989“, in die tagebuchartigen Berichte in „Kronos“ und in die unter dem Titel „Festung“ gesammelten drei Theaterstücke „Kritik in Festung. Institut für Sozialforschung“, „Festung. Frankfurter Fassung“ und „Katarakt“.
Vom Kinderfest beim Bundeskanzler bis zur Meldung „München Regen neunzehn Grad“ halten Zitate und Exzerpte aus „Buch / Bild / Zeitung“, aus Radio, Fernseher und Sudelbuch fest, was als aktuelles und sich permanent reproduzierendes Grundrauschen der Welt beim Mediennutzer nachklingt, auch im „historischen Jahr“ 1989, nämlich „Tennisspiel – Fernsehshow – Popkonzert – Familientisch – Nachrichten – Philosophie – Vorlesung“. Die völlige Fragmentierung, das Stückwerk, der Trumm der nicht ausgewiesenen Zitate betont, das die Summe des Materials, das „1989“ reiht und anhäuft, die wirklich vorgefundene (Medien-)Welt ist. Addiert werden die Elemente der Summe zwar zufällig, d.h. von einer subjektiven Position aus, welche die Mediensequenzen cuttet und damit zu einem eigenen Film schneidet, zur eigenen Musik das Grundrauschen sampelt. Diese subjektive Position des „Autors“ einer etwa tausendsechshundert Seiten starken „Zeitmitschrift“ ist aber mit dem Wort „Weltempfänger“ zugleich als entsubjektivierte Position umrissen. Der Autor macht sich hier, allein durch Mitschrift, zu dem, was jeder prinzipiell auch ist: Medium, genauer: Empfänger und gleichzeitig wieder Sender von Botschaften, die erst einmal ganz unstrukturiert auf jede Person einstürzen. Und die ‚Auswahl‘ der dokumentierten Nachrichten aus aller Welt und fast jedem Gebiet ist eben keine Auswahl, sondern steht für das ausschnitthaft empfangene Ganze der objektiven Welt, die ein Subjekt wahrnehmen kann. Das „reine Material“ bleibt noch ohne Überblick, Falschschreibungen/Hörfehler und die räumliche Gestalt der Textanordnung dokumentieren das, es ist in seiner Unmittelbarkeit, in seiner texträumlich übersetzten Gleichzeitigkeit, in seinem Neben- und Über- und Ineinander offen und geschlossen zugleich. Offen als Möglichkeit zur Aufnahme differenten neuen Materials, geschlossen deshalb, weil eine solche Neuaufnahme nichts änderte am Gattungsbezeichnungsversuch „Wortgebirge gegenwärtig gesprochener Sprache, in praktisch automatischer Textgestalt, die Stimme des reinen Materials“. Beginnt die dreibändige Aufzeichnung unter der Vorgabe „Studien Material Bau“ wie ein Arbeitsbuch, so wächst sich dieses im Verlauf eines halben Jahres aus zu einem „Sprachgebirge“, um dann als „Weltgedicht“ fortgeführt zu werden. Am Ende der Aufzeichnungen, die mit dem Datum 10.2.1989 beginnen, steht als Abschnittsüberschrift die aus dem Tennissport bekannte Aufforderung „time“: Die Materialsammlung endet dann mit dem Vereinigungstag Deutschlands, dem 3.10.1990, und ist zugleich ein time magazine tiefgreifender Veränderungen der Gegenwart, vom Umbruch in Osteuropa bis zum Golfkrieg geworden. Das protokollierte Ganze wird zum exstatischen Material, zur rauschhaften Verzeichnung einer zwischen Dichtung und Wahnsinn changierenden Zeit mittels einer dramatischen Ordnung der Schrift. Der superlativischen Kommentatoraussage „das ist der / reine WAHNSINN / liebe Zuschauer“ zum an Spannung nicht mehr zu überbietenden Tennisfinale gegenüber findet sich die gescratchte Beanwortung der Frage „- sagen sie einmal / was machen sie da? //- ich dichte / ich dich dich dichte“ („1989“, I, 36). – Diese zugleich dokumentarische, dramatische und popmusikalische Anordnung der Schrift, in „1989″ sichtbar gemacht durch das Schriftbild und die Bearbeitung des Materials und den aus ihm gezogenen Abschnittsüberschriften, widerspricht einer Auffassung von Zeit, die das „Wortgebirge“ als reines Material betrachtet zum Ende hin immer deutlicher hervorbringt: Jetztzeit als leere Zeit. Die Fernsehmoderatoren der deutschen Einheitsfeier warten berichterstattend, wie die Zeit vergeht „in Richtung auf das große Ereignis / zu dem es ja jetzt nur noch / eine Stunde und ä / zwanzig Minuten sind“, um dann den Zuschauern zu sagen „vielen Dank meine / Damen und Herren / das war / unsere Livesendung / wachen Sie auf im / geeinten Deutschland / guten Abend“.
Die Bezeichnung des dokumentierten und zugleich bearbeiteten Materials als „time“ entsprechend einer Welt aus Spiel, Satz und Sieg findet analoge Perspektivwechsel im Theater „Festung“, wo der Akt als Satz, die Szene als Spiel und das Theater als Partie sichtbar gemacht wird und so in der Bandbreite möglicher Stellungswechsel auch hier der Raum zur Musik aufgeschnitten wird. Theatertheoretische Reflexionen verweisen immer auf dieselbe Szene, von der aus dann das Ganze je neu perspektiviert wird. Der Ort der Handlung ist die Bühne, die Rampe, die Wannseevilla, das Literarische Colloquium Berlin, die Hanns Martin Schleyer Halle Stuttgart, das Institut für Zeitgeschichte München, das Fernsehen, und in der Konferenzschaltung prinzipiell alle denkbaren Orte. Hinter der Bühne spielt „Kritik in Festung“ als Familienstück, ortlos am Rande setzt der Monolog „Katarakt“ ein, und im Zentrum der „Festung“, im „Achsenkreuz des 20. Jahrhunderts“, ist die Sprache „elektrisch / neu geboren“: Die mediale Revolution versetzt die „Frankfurter Fassung“ an alle möglichen Orte in der Zeit, und zwar nach dem Live-Prinzip, denn „schließlich geht es hier um heute dauernd“. Die „Mannschaften der deutschen Unterhaltungsindustrie“, das „Team Politik“ und das „Trio der Beobachter“ evozieren „die Daten / neunzehn achtzehn dreiundzwanzig achtunddreißig / alles heuer heute Nacht gefeiert“, heißt es in der Szene „9. November 1989“. Durch solche scheinbar dem Infotainment nachgebaute Oberflächenstruktur haben völlig verschiedengelagerte Kritiken sich geeinigt, „Festung“ werde zur „Schlacht eines Einverstandenen“, zum „patriotischen Beitrag“. Nur, wenn das Dilemma der Machtlosigkeit des Einzelwortes in der Kulturindustrie, die letztlich auch den Holocaust zum Unterhaltungsstoff herabzwingt, in ‚materialistischer‘, ’naturalistischer‘, in ‚mediengetreuer‘ Weise in die ästhetischen Formen gegossen wird, denen schon lange ihre Folgenlosigkeit bewiesen wurde, dann wird in dieser doppelten Verneinung wohl doch paradoxal auf die humanen Potentiale des einzigen Orts „nichttoter Kunst“, aufs Theater, vertraut. Im Bühnenereignis kommt einen Augenblick lang modellhaft die ganze Verfaßtheit der Welt zutage, ist unmittelbar zugegen als lebendiger Text einer stattfindenden und zugleich eben nicht stattfindenden „Kommunikation über Vernichtung“, und die Möglichkeit solcher Wahrheit und Synthesis zerfällt sofort wieder, wo mit partikularen Worten in parzellierten Welten beispielsweise von Politik und Kultur die „Kritik in Deutschland“ – so heißt die im Theater gespielte Sendung der „Frankfurter Fassung“ – als durchgesetzte angestrebt wird. Der kurze Moment ästhetischer Totalität auf einer ‚interaktiven‘ Bühne, besser: im Theaterort, ist der einzige Punkt, der ein Widerstandspotential aufblitzen läßt, das einer bloßen Oppositionalität auf ein und derselben Systemebene entkommt; denn dort mutiert „das einstige Rechthaben zur Rechthaberei“, stellt die Figur Alter in ihrer reflektierenden Ausblendung aus der Szene „Ermittlungen gegen die deutsche Bank“ fest.
Und solches Ausblenden insgesamt ist konstitutiv für das Theater, das heutiges Reden über den deutschen Beschluß zur Vernichtung der Juden zum Thema hat. Über Anfänge und monologisches Sprechen kommt die mißlingende „Kommunikation über Vernichtung“ nicht hinaus, sie wird immer wieder unterbrochen, und Versuche der Neuaufnahme finden ihr Ende im Wegschalten zum nächsten Live-Bericht und zur nächsten Diskussionsrunde. Nur die deutschen Worte tragen allgegenwärtig die Last der Geschichte durch die Reden der Figuren. Das zwanghafte Gegenwärtigsein dieser Geschichte in „amtlicher Erinnerung“ macht die deutsche Sprache nochmals zu einer „Totenmördermaschine“, die mit ihrer „zwangsvernünftig maschinistisch ausgewogenen“ Rede ein nicht enden wollendes „Ko hm m muniä ka tionslager“ evoziert oder in aller richterlichen Strenge „unweigerlich ein neues Leiberbergebildbezeichnungswortverbot“ gebietet. Diesem Paradox ist nicht zu entkommen, und auch der runde Tisch des Chors der Dichter und Denker bleibt viereckig, wenn er dem medialen Chor der Mädchen neu ersehnte „Unschuld und Naivetät“ „andichtet“. Die Obdachlose formuliert die schmerzhafte Utopie emphatischer Kommunikation des Nichtkommunizierbaren im Konjunktiv: „daß das was keiner aushält trotzdem / selbstverständlich da ist ständig / daß es jeder denken kann / in sich für eine Zeit / dann ein anderer / dann wieder andere / so daß immer alle anderen es meistens / überhaupt nicht denken müssen / das wäre das Schöne“. In einem solchen „geglückten Fall intimer Kommunikation“ wäre Sprache und Denken nicht nur elektrisch neu geboren im dann nicht mehr obdachlosen Raum zwischen zwanghafter Erinnerung und nicht gelingendem Vergessen, indem sie genau davon „nicht reden aber auch nicht schweigen“ müßte, sondern „von was reden“ könnte, „was was anderes ist / und nicht das / das wäre das Gute theoretisch“.
Die immer wieder auftauchenden selbstreflexiven und interpretationsanweisenden Bündelungen als „Zwischenfinish“, als „Fragen an die Geschichte“ und als „Schlußbefund“ haben einen korrespondierenden Höhepunkt in den Szenen Back to life back to reality und Kronos, die unter dem Motto „Vergessen / ist besser / als Bohren“ Walter Benjamins neunte geschichtsphilosophische These reformulieren. Nicht mehr der Sturm des Fortschritts als „eine einzige Katastrophe“ weht den Engel der Geschichte vom Paradiese weg, vielmehr ist es die Vernichtung der europäischen Juden, die nun die einst „gütigste Pfeilin“ Zeit, die alle Wunden heilte, innehalten lassen wollte, aber sie rückt, geblendet von dieser Katastrophe, immer noch „weg davon und zurück, weil sie noch immer, was sie da war, jetzt ist“. So wird „Festung“ zum abstrakten Bild deutscher Vergangenheit in der Jetztzeit. „Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. (…) Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte“ (Benjamin). „Festung“ zeigt im „Paradox der Kunst“ das widerstreitende Dilemma zwischen Erinnern- und Vergessenmüssen als unentrinnbare Aufforderung der Zeit, das Kontinuum Geschichte aufzusprengen: „deprimierend / dieser Schlußbefund / doch leider nicht zu ändern / vorerst nur angerannt im Kollektiv / die Richtung hat gestimmt / ein schwacher Trost / gegen die Gegenwart die nicht vergeht“.
„Festung“ insgesamt baut in der rezeptiven Produktion interpretierten Sinns Augenblicke größter Klarheit auf, die dann wieder in ein Dunkel des Verstehens kollabieren; „Festung“ sträubt sich dem vereindeutigenden Verstehen und bietet dafür „Spurenkreuzungen“ für glückhafte und schmerzhafte Erkenntnismomente, die nicht auf Diskursivität und ewige Dauer angelegt sind, sondern immer wieder neu wegen der noch dauernden „Unaussprechlichkeit der Schuld“ in einer permanenten „Arbeit am Echo vom Echo der Welt“ aufgesucht werden müssen; „Festung“ ist ein labyrinthischer, katakombischer Speicher für die Erinnerung der vergessenmüssenden Weiterlebenden. Denn „wir sind die Fürchterlichen / wir sind Menschen / und die ganz normalen und das schönste was es gibt“.
Ein Alter führt das „Wortgebirge gegenwärtig gesprochener Sprache“ in elf Gesängen, damit auf Peter Weiss‘ Dokumentarstück „Die Ermittlung“ anspielend, monologisch zuende. Er vollendet in seinem Lebensbericht „die umgehende Redeweise / von Festung“, indem allein die Form geschehene Geschichte doppelt erinnernd erinnert. Wie der Zeuge im Frankfurter Auschwitzprozeß, Filip Müller, als Figur in „Festung“ Lyrik nach Auschwitz konstatiert – „und einer singt was / und nicht nur Nichtschönes / auch schon Schönes“ -, so sehnt sich die Figur Alter nach humaner aufklärender Kommunikation: „das wird sicher toll / wenn da mal jemand normal / darüber reden kann schriftlich / ohne künstlichen Käse, ohne Kryptik / direkt halt / und trotzdem nicht brutal“. – Der existentielle, gegen den Identitätsterror geschleuderte Schlußschrei aus dem Roman „Irre“ (1983), „Ist endlich alles eines, meine Arbeit?“, findet am Ende von „Kronos“ (1993) seine hegelsche Aufhebung im „Triumph aller zarten Kräfte“: „Wir konnten uns alles erklären gegenseitig, durch Schweigen und Zeigen, oder durch Reden. Wir waren nämlich Menschenkinder.“ Das Ganze – das Material „1989 als Zeitmitschrift, die Berichte „Kronos“ als Lebensmitschrift, die Stücke „Festung“ als Theater – ist dann das eine Buch „Festung“, oder: die ganze Welt des Menschen, der ein Künstler ist, im Drama des ästhetischen Modells.

Rainald Goetz, Festung. Blaue Bände, Natürlich bei Suhrkamp!

_______________________________
Wetterlagen und Jahreszeiten
Stürmische Brisen – Gewitterhagel – Theaterdonner
Altes Schubladenmanuskript, wegen des
Zentrums für politische Schönheit rausgekramt

Irgendwo hat der Endlostextschreiber D. Diederichsen mal formuliert, „Lebensqualität bis an den Hals“ in medioker-starrer (Klein-)Bürgerlichkeit, das sei die langweilige Ausgangslage gewesen, gegen die zu protestieren die Nach-68er-Punker&Hipster zusammenfanden: Überall Brandt/Scheel-bewegte Sozialarbeiter, die den Wohlstand und die gute Meinung im Modell Deutschland verteilten, das dann im Deutschen Herbst sein vergemeinschaftendes Stahlbad nahm. Keine Aussicht auf Bewegung damals, wo alle sich bewegt fühlten, und die radikale Kritik meinte, Knarre und Knast gehörten dazu.
Damals war der Protest gegen eine satte und zugleich selbstgerechte Toleranz gegenüber sich selbst übende brd-Gesellschaft wohl berechtigt; und dagegen jugendlich und heiß erregt aufzubegehren in einem Bolshevik Chic, der nach Stalinnoten gegen pfadfinderhafte Jugendzentren sang, oder im coolen schwarzen Ledermantel, der den Schrecken gegen Wohlmeinenden schleuderte, war schön/häßlich und hatte zudem Form: hatte eine eigene Ästhetik.
Im großen und ganzen wollte der Rückgriff auf gegensätzliche Zeichenelemente des katastrophischen frühen 20. Jahrhunderts vom Hakenkreuz bis zum Leninorden das 68er-movens radikaler Gesellschaftskritik weiter radikalisieren, es aus seinem Stillstand reißen, den vom Marsch Müden und bald die zum verweilen ladenden Institutionen Liebenden einen neuen Marsch blasen. In manche Töne und Kompositionen dieses Großen und Ganzen und genaugenommen wohl in all die schönen Protestnoten & schnittigen Aktionen schlichen sich doch auch Abwendungen ein, Abwendungen von erkämpften, institutionalisierten und selbstverständlich gewordenen „emanzipatorischen Errungenschaften“ (wie man in den 70ern noch ohne in selbstbeobachtende Distanz zu kommen selbstverständlich sagen konnte; heute klingt das seltsam und anachronistisch, wie schon die ganzen 80er Jahre hindurch). Die sozial-liberale Variante radikaler Gesellschaftskritik mit Stoppschild beim Berufverbot war verpönt; weiches Wasser statt Feuerwasser, bäh; ihre Kritik aber wurde (bloß keine „abgehobene“ Gesellschaftstheorie) ästhetisch formuliert: „langweilige, bärtige, karohemdsärmelige Sozialdemokratie“, nicht politisch: „revisionistische Sozialdemokratie“. Ästhetik und Politik gingen so auf fröhliche Kreuzfahrt mit unkanntem Zielhafen.
Wild & gefährlich & nachts & und ganz sich selbst wollte man leben & erleben (J. Ditfurth) statt in relativ sicheren Verhältnissen einen Plan vom guten Leben sich und anderen auszumalen und dessen Skizze mit festen Strichen zu zeichnen. Man wollte in heimliche Gesellschaft, nicht in die heimelige.
Die berechtigte Kritik gegen den Mief, der auch ganz unspektakulär durch banales und regelmäßiges Lüften zu beseitigen gewesen wäre, übersteigerte sich bei Zeiten, in denen jeder ein Künstler war, zu (theatralischen) Aktionen, in denen das revolutionäre Interesse stürmerisch umschlug in hohle Pathetik. Über die Form und die verwegene und immer verwegenere Formung der Kritik der Sache entschwand langsam aber sicher die Sachhaltigkeit der Form aus dem provozierend-protestierenden Bewußtsein: entschwand das, was die Form überhaupt beinhalten sollte.
Und mit einem Mal dann, aber eben nur scheinbar plötzlich, verselbständigt sich die Form in blanken Ausdruck: und sagt permanent, daß es überall so leer sei, daß das Leben nicht lebe (gleichwohl die Zeit nicht stehengeblieben ist). Und die leergelaufene Form, die allesvergessene Provokation pur, schreit nicht mehr danach, daß es anders, also besser werden soll, sondern die leere, den verachteten trivialen Problemen der langweiligen Sekuritätsgesellschaft abgewandte hohle hohe Form verkehrt sich. In Überhöhung ihres eingebildeten Gegensatzes zur Gesellschaft fordert sie blind deren innerste Prinzipien, die sie nicht mehr kennt: Wildheit, Regellosigkeit, Gefahr, Risiko, Kampf. Die vitalistischen, freund-feindlichen Bilder, die für Protestzwecke gestürmt wurden, sind in zwei Jahrzehnten vom damals nicht unbeliebigen Mittel zur fixen Sackgasse mutiert. Verstanden damals die Älteren nichts, so heute die Ältergewordenen sich selbst nicht mehr.
Die im kurzen historischen und ästhetischen Prozeß sich verselbständigende Form kann nicht mehr produktiv gewendet werden, konsequent schreit sie nach dem Ende, weil nur so wieder von vorn begonnen werden könne. Der Neuaufbau, der neue Mensch müsse kommen, die geschichtsblinde Illusion von der Stunde Null ist wieder voll da.
Wußte man in der Ausgangslage bei der ganz persönlichen und doch generationsgeprägten „Du mit mir/Du nich“-Konstruktion noch, was Sache war und was (bloß) Form, so ist heute alles vergessen, und auch das geht noch durcheinander: „Frontabschnitte“ stehen noch im Sandkasten des Jugendzimmers, die in Wirklichkeit aber schon abgetragen oder umgebaut sind, manchmal nur eingebildet waren. Grenzen sind offen, Mauern gefallen, und Festungen und Schießscharten werden schon neu gebaut vom neuen Menschen der einen ganzen und ganz dummen Welt – daß der ganz der alte ist, so wie ihn seine Geschichte schon zur Genüge kennt, wird da gerne übersehen. Dazu kommt noch der Zeitfaktor, der den bekannten Ungleichzeitigkeiten einer z.B. in Stadt und Land strukturierten Gesellschaft noch verschiedene Systemzeiten wie Ost und West hinzuaddiert.
Frank Castorf fünfzehn Jahre eher im „Raumschiff Größenwahn“ der aufstrebenden Subkultur, niemand hätte an solcher oder ähnlich formulierter Rede Anstoß genommen als die damaligen Mainstream-Langweiler; aber heute ist das anders. Die Langweiler langweilen sich inzwischen selbst, und das ist gefährlich. Immer nur betroffen sein, immer nur Mahnwache im Regen stehen, immer nur kleine Vollkornbrötchen backen, immer nur Stellvertreterkriege führen, immer nur immer schlechtere Tarife erschlichten lassen, immer nur Wolfgangsee wahlweise Mallorca. Sie wollen raus aus ihrem Freizeitpark, die weite Welt steht wieder offen, ganze Länder können neu umzäunt werden. Sie wollen raus aus dem Trabbi und keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Sie geben Gas, sie wollen Spaß, O.R.A.V. Sie wollen das Verpaßte aufholen, imaginieren sich als Herr über Zeit und also Raum. Denn sie wissen nicht, was sie tun.
Zwar sage deshalb keiner, die Kunst solle nicht machen, was sie wolle – macht sie sowieso; aber auch in Zeiten heutiger Politik werden die relevanten gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse woanders abgesteckt. Der Produktionssektor Ästhetik sollte sich dabei nur überlegen, wann bei soviel Rage und Ekstase über leidvoll erkämpfte Zivilisiertheit die Form gänzlich verloren gegeben ist: ans fortwesende Leben.
Und an die eigene Nase fassen dürfen „wir alle“ uns allemal, ob wir auch keine Kehre (der Gesellschaft) verpaßt bzw. die Verkehrungen des Denkens Kehre sein lassen haben. Denn wo Gefahr ist, „wächst das Geschwafel auch“, wie Willi Winkler treffend (um-)formuliert hat. Doch wo’s noch brodelt, soll man mit dem Essen warten.

______________________________
Kontexte. Über Bücher und Gesellschaft
Darüber reden sie alle. Anmerkungen zur debattierenden Gesellschaft

Eine wesentliche Aufgabe des Intellektuellen sei es, öffentliche Debatten auszulösen, Kontroversen zu entfachen, Diskussionsfelder zu eröffnen, sagt Edward Said in seinen Rundfunkbeiträgen für die BBC. Und sein intellektuelles Mandat nehme jemand gerade dann wahr, wenn er über den Tellerrand seiner Profession hinaus sich einmischt. Said plädiert damit für ein kritisches Verhalten, das sich nicht durch Expertentum legitimiert, sondern in der Sache begründet ist, die letztlich alle angeht.
So mischte sich 1986 mit Jürgen Habermas ein Philosoph in Thesen der Historikerzunft ein und entfachte damit den »Historikerstreit« der die Diskussion um die deutsche Nazivergangenheit weit ins öffentliche Bewußtsein trug. Hans-Ulrich Wehler hat schließlich mit seinem »polemischen Essay« im Ausgang der Debatte Partei genommen. »Entsorgung der deutschen Vergangenheit?« überschrieb er seine »abschließende Zwischenbilanz«, und der Büchergilde-Leser konnte damals miterleben, wie erfrischend und klar konturiert eine Sache cum ira et studio ausgefochten werden kann. Polemik als treffende Form aufklärerischen Engagements. Genau dieses ist auch Motivation und Stil des Essays von Viviane Forrester, die als Schriftstellerin und Intellektuelle ihre Kritik am entfesselten Kapitalismus nicht durch einen vorschnellen Blick auf Lösungsvorschläge gängeln läßt. In der Debatte um das wohl meistdiskutierte Buch des letzten Jahres ist ihr jedoch gerade dieses oft vorgeworfen worden: daß sie keine »konstruktive« Kritik leiste. Aber genau diese Forderung setze schon die Scheuklappen auf, verpflichte auf die gängige Logik und behindere so eine rückhaltlos kritische Beschreibung dessen, was ist, sagt sie. Es komme eben darauf an, gegen den starren Blick auf das Bestehende das Denken nicht zu verlernen, sich die Fähigkeit zu erhalten, »dem System nicht in den reduzierten Begriffen zu antworten, die es uns anbietet und die jeglichen Widerspruch verhindern«.
Dieses Überschießende ihrer Kritik an er bestehenden Wirtschaftsordnung provoziert dann die unausbleibliche Form der öffentlichen Diskussion. Kaum eine Redaktion ließ es sich nehmen, selbst Pro und Contra in mehreren Beiträgen zu formulieren und abschließend die Autorin noch einmal höchstselbst zu befragen. Damit ist dann der Debattenkreis geschlossen, aber der Anlaß liegt wieder, wenigstens zur Lektüre, auf dem Tisch. Die eine Kritik bleibt unentschieden, die andere damit unabgegolten.
Und wenn dann die Debatte neu entfacht werden soll, wo das Feuerwerk der Meinungen schon abgebrannt ist, dann kommt wieder der Verweis auf die Spezialisten, die jetzt ohne größere Öffentlichkeit professionell weiterdiskutieren. So zuletzt in Sachen Daniel Goldhagen, als der Spiegel Norman Finkelsteins Einlassungen für die deutsche Öffentlichkeit bekannt machte, die Zeit aber, damals Motor der Goldhagendebatte, auf neuere Beiträge aus der hiesigen Wissenschaft verwies und damit ein erneutes öffentliches Aufflammen der Diskusion im Keim erstckte. Daß es dafür auch andere Gründe gab, war später in Konkret nachzulesen. Denn die Debatte an sich ist noch lange kein positiver Wert.
Debatten sind wichtig als Austauschforen vernünftiger Argumente. Debatten werden zu bloßen Ritualen, wenn das bessere Argument in der Sache keine Folgen zeitigt. Die Fritz-Fischer-Kontroverse, der Historikerstreit, die Goldhagen-Debatte, die Wehrmachtsausstellungsdiskussion – what´s right, what´s falsch, immer wieder in unterschiedlichem Interesse neu aufgelegt im kommunikativen Adel von Kontroverse, Streit, Debatte, Diskussion. Es gibt einen Standpunkt, es gibt einen Gegenstandpunkt, und es gibt unendlich viele Differenzierungen, so lange, bis alles gesagt ist und keiner eigentlich mehr Lust hat, es sei denn, auf die nächste Debatte. Neues Spiel, alter Gegner, ad infinitum. Das ist die Geschäftsgrundlage, und die steht schließlich nicht zur Debatte, genauer: nicht zur Entscheidung.

_______________________________

Das Zeitalter der Gewalt

Das 20. Jahrhundert geht zuende, und es mehren sich die Versuche, es unter einem schlagkräftigen Titel zu klassifizieren. In der Gesamtschau zeigt es sich als ein Zeitalter der Gewalt. Der französische Agronom und Ökologe René Dumont sagt: »Ich sehe es nur als ein Jahrhundert der Massaker und Kriege«, der britische Schriftsteller und Nobelpreisträger William Golding pflichtet ihm bei: »Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, daß dies das gewlttätigste Jahrhundert der Menschheitsgeschichte war« Und der britische Philosoph Isaiah Berlin zentriert solche Diagnosen auf ein Europa, das einmal mit dem Anspruch universeller Aufklärung und Emanzipation nach innen und außen angetreten war: »In meiner Erinnerung ist es nur das schrecklichste Jahrhundert in der Geschichte des Westens.« Dieser Signatur der Gewalt, die die zivilisatorischen Selbstbilder erschüttert hat, widmet sich der Kultursoziologe und Machttheoretiker Wolfgang Sofsky. Er reflektiert anhand eindringlicher Beispiele Kultur/Zivilisation und Gewalt eben nicht als den säuberlichen Gegensatz von gut und böse sondern als integralen Zusammenhang. Damit argumentiert er im Kontext der zeithistorischen und sozialforscherischen Fragen nach einer »Dialektik der Aufklärung« (Horkheimer/Adorno) bzw. einer »Dialektik der Ordnung« (Zygmunt Bauman).
Der zentrale und unhintergehbare Ort und Bezugspunkt der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts ist Auschwitz. Die industriell, nach modernen technischen Kalkülen betriebene Vernichtungspolitik insbesondere gegen die Juden kann dabei als »Rückfall in die Barbarei« nicht hinreichend beschrieben werden. Das KZ-System und noch die Vernichtungslager des Nationalsozialismus waren nämlich durchaus Elemente der Moderne, in denen einfache und »normale« Verfahren der Überwachung, Disziplinierung, Klassifizierung und Parzellierung ohne jeden humanen Zweck gebündelt zur Anwendung kamen. Diese Erkenntnis hält den moralischen Imperativ, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, so verstörend gegenwärtig. Daß eben »ganz normale Männer« (Christopher R. Browning) oder durchschnittliche Deutsche (Daniel J. Goldhagen) zu Mördern und Mordgehilfen wurden, macht die analytische Frage nach den Kontinuitäten eines Denkens, das wertfrei jegliche Moral und humane Anforderung aussetzt, ebenso zwingend wie die konstitutive Frage einer Erziehung nach Auschwitz, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Beziehung setzt. Dazu auch Götz Alys Buch Macht, Geist, Wahn und Micha Brumliks Gerechtigkeit zwischen den Generationen.
Mit zwei Weltkriegen, seinem faschistischen Gesellschaftsmodell, dem Vernichtungsverbrechen, der doppelten Frontstellung im kalten Krieg und der Neuvereinigung hat Deutschland dem Jahrhundert seinen schwarzen Stempel aufgedrückt. Mit einigem Recht benennt der Historiker Eberhard Jäckel es im Titel seiner letzten Publikation deshalb als »Das deutsche Jahrhundert«. Ohne die nationale Perspektive erscheint »das deutsche Jahrhundert« als ein »Zeitalter der Gewalt«, was sowohl die ideologischen Systemgegensätze als auch den Kontrast zwischen arm und reich im nationalen wie im Weltmaßstab meint. Für Eric Hobsbawm ist das »kurze« 20. Jahrhundert, das seine Charakteristik im Bogen vom ersten Weltkrieg bis zum Ende der Sowjetunion entfaltet hat, ein tragisches, da selbst die Verbesserungen »mit riesigen Katastrophen und Tragödien verbunden« waren. Die Entfesselung aller Kräfte unter dem Signum des industriellen, kapitalistischen Fortschritts im 19. Jahrhundert führte eben nicht in eine humane und weltumspannende Moderne mit freien, gleichen und solidarischen Individuen, vielmehr desavouierte die Realgeschichte des westlichen Kolonialismus und Imperialismus die aufklärerischen und universalistischen Ideale des Aufbruchs in die Bürgerwelt. Der Siegeszug bürgerlicher oder westlicher Freiheit entpuppte sich als Siegeszug eines Herrschaftssystems, das sein Glücksversprechen in der Traditon von Aufklärung, Kritik und Emanzipation nicht gehalten hat. Eric Hobsbawm setzt am Ausgang dieses Jahrhunderts auf diese Tradition, genauer: auf Kapitalismuskritik.

________________________________
Offener Brief an den ehemaligen Mescalero Klaus Hülsbrock

Nein, Herr Hülsbrock,
das war nicht „schäbig“, das war der historische Kontext, der zu solcher „antiautoritärer“ und im Sinne des „Volksvermögens“ (Peter Rühmkorf) anarchistischer und genauer Kenntlichmachung in der Wortwahl und dem Duktus geführt hat.
Ich habe Mescalero in der Oberstufe gelesen, habe dann die Dokumentation „Die Mescalero-Affäre“ (Internationalismus Buchladen Hannover 1978) von Peter Brückner gelesen, und war sehr angetan, und bin es heute noch. (Brückners Versuch, uns und anderen die BRD zu erklären, ist zwar auch gescheitert, lohnt aber doch immer noch zu lesen.)
Michael Buback, den ich bei Christiane Sabiensen in der ARD kürzlich gesehen (meine derzeitige Lieblingssendung) und daraufhin seinen Zeit-Artikel über seine Begegnung mit Trittin gelesen habe, muß ich bescheinigen, daß er nicht lesen kann, als Betroffener aber Respekt verdient für seine Äußerungen in diesem 68er- und RAF-Zusammenhang. Aber Michael Buback vergißt, daß die Zeiten damals zwar nicht ganz andere, aber doch andere waren; ich hatte noch die Nazi-, Alt-Nazi- und Neu-NPD-Lehrer (und Verlage), und sein Vater hat diese schreckliche Vor- und Nachgeschichte der BRD mitgeschrieben.
Dagegen & gegen den noch obrigkeitsstaatlichen Adenauermuff gingen auch die 68er und die 70er-Jahre-Nachhut an. Ich will da gar nix zurücknehmen, und Mescalero und Studium der deutschen Geschichte und die Erschießung Benno Ohnesorgs und des Vietnamkrieges und der Gedichte Erich Frieds und der hedonistische und Punk-Poplinken waren Befreiung, ganz konkret für einen 16- bis 17jährigen Schüler in Osnabrück, wohnhaft Osnabrücker Land, Ostercappeln.
Nein, das war nicht schäbig, so waren wir, und wir waren´s gerne, wir hatten nur noch die eingepflanzte Angst vor den echten Kommunisten (der Fehler), die ein ganz normales und menschenwürdiges ruhiges wie lebhaftes Leben wollten, also ohne Kapitalismus, aber (immerhin) auch wir haben´s nicht schäbig gemeint, sondern der Staat und seine Repräsentanten und die Gesellschaft waren schäbig, nicht wir.
Mescalero sprach das auf eine Weise aus, die wir damals richtig fanden und die befreiend war, sprach aus, was vielen auf dem beschädigten Herzen lag, auf eine Weise, die nach links öffnete. Und so würde ich gerne gar nix zurücknehmen, die Debatten heute sind alle Heuchelei, alles Linke soll abgedreht werden, und alle sollen glauben gemacht werden, daß ausgerechnet diese Gesellschaft sich nicht mit Gewalt installiert (spätestens 1789 wurde geköpft unter dem Motto Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und dann das Staatsmonopol darauf sich justiziiert hätte.
Sicher, unser Weg kann nicht über Leichen gehen, die hat die jeweilige Herrschaft ja schon bergeweise aufgetürmt, aber alle Geschichte, die nur von staatlichem und privatem Raub und Totschlag zur Installierung von Staat und sogenannter menschlicher Gesellschaft berichtet, sollte über den Zwang zur Verpflichtung auf Gewaltlosigkeit der Schwächeren nicht vergessen werden. Gewaltlosigkeit? »Freiluftgefängnis« (Adorno) Meinungsfreiheit! –
Ich habe die Woche im NDR-Fernsehen die alte Dokumentation Polizeistaatsbesuch von Roman Brodman über den Schah-Besuch 67 gesehen. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein preist da zum Schluß die Bundesrepublik als einen Staat, der auf demselben Wege wie jenes Blutregime ist. Aber das guckt ja eh keiner, weil´s immer Mitternacht ist, wenn der Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen anliegt. Und die Bücher und Zeitschriften, die es auch sagen, gibt’s in Steinfurt nicht am Kiosk zu kaufen.
Mit freundlichen Grüßen, aktueller Kritik und historischem Dankeschön

________________________________
Thema: Rassismus
genauer formuliert natürlich »Hauptsache Deutsch.«

Da gibt es aber auch bei Bodo Morshäusers »Kellinghusen«-Bericht den gewalttätigen Skinhead, dessen Tatmotivation nicht restlos in sozialpädagogischen, milieutheoretischen oder politisch-ökonomischen Kategorien beschreibbar ist. Es bleibt dort eine nicht erklärte (unerklärliche?) Lust an legitimationsfreier Gewalt, etwas, das nicht zur Sprache kommt, das sich dem Verstehen sträubt.
Zwischen den Polen rationaler Erklärbarkeit und existenzieller Wirklichkeit siedeln sich hier »Feindschaftsverhältnisse« an -:) so vor drei Jahren in einer Besprechung des von Helge Malchow und Hubert Winkels veranstalteten Sammelbandes mit neuer deutscher Literatur unter dem Titel »Feindschaft«, verlegt bei Kiepenheuer & Witsch.
Es ging damals um alle Varianten dieses Themas, die man sich denken kann. Der Krieg Hansjörg Schertenleibs in den Städten gegen die Friedensvögelmassen von Tauben ist mir besonders gut in Erinnerung. Bodo Morshäusers »Kellinghusen«-Bericht, angeregt durch Mitteilungen des Verfassungsschutzes, zeichnete schon damals aus, daß er schnell die Oberfläche des Themas Gewalt und Feindschaft und Haß verließ.
Sein Verlag, Suhrkamp, kündigte dann bald auch den Titel »Abrechnung in Kellinghusen« an, edition suhrkamp 1626, ca. DM 12,-, Auslieferung Oktober 1990. – Aber Denken und Schreiben braucht eben seine Zeit, wovon Bodo Morshäusers Buch »Hauptsache Deutsch« (edition suhrkamp, Neue Folge 1626) auch sehr genau berichtet. –
Aber man muß es von vorne lesen. Hinten drauf, auf dem Buchumschlag, stehen nur Fakten: »Deutsch«, »Hitler«, »Auschwitz«, »Deutsch«, 14 Deutsche Mark.
Von vorne also: Bodo Morshäuser ist Jahrgang 1953, sagt die Rubrik »Zum Autor«. Sein Thema ist Last: »Das Deutsche pflastert seine Wege«, sagt die Rubrik »Zum Buch«. Sie sagt auch, viermal sogar, daß Morshäuser »endlich etwas anderes tun« will. Aber das Deutsche, scheints, kehrt wieder, zu sehr, als daß sich der Autor etwas anderem widmen könnte – ja: dürfte.
Das Bild des Autors, fast Frontispiz, ist Programm: Sakko (ein Bürger !) mit offenem Hemd und also ohne Krawatte in kalter Atmosphäre. Wirken lassen. (Und denken an Adornos Formulierungen von der Bürgerlichen Kälte)
Dann noch ein Bild: Schwarz-graues Meer, kalte Nordsee, deutscher Sommer. Assoziiere Theodor Storm & Husum; wo das Foto in Wirklichkeit die Ostsee abbildet. Provinzielle Enge, Wärme, auch Muff, und weite Seefahrten, Träume. Hoffnungsvolles Bürgertum & Schrecken-machende Realität des Bürgers.
Dann ein Motto: »Alles was jetzt rechts passiert, wurde links versäumt«. – Vorwurf; aber auch Entwurf. Das Versäumnis, von dem Adorno in der Negativen Dialektik sprach, taucht ganz anders wieder auf.
Es geht los: »Ich bin einsneunundachtzig groß und habe blonde Haare, die ich lieber kurz trage.« (Keine blauen Augen?) Also Morshäuser. Nun, Hautsache Deutsch.
»Mich betrifft die Tatsache, äußerlich als Deutscher durchzugehen.« – Ausländern wird »klargemacht, daß sie nicht Bürger dieses Staates, sondern Mitbürger der anderen sind.« – Konstellation 1968: Kommunisten, Gammler, Randalierer gegen alte Nazis, Wohlstandsbürger, Stimmvieh. Jugend gegen Eltern, wie immer. Platter Generationskonflikt. Nicht der Politik, »sondern dem politischen Kitsch entnommen«.
Sentenz: Der junge Protestierer muß auf jeden Fall die andere Seite sein. Nur dort, im Unterschied, lockt Identität. Hautsache gilt also gegen sichtbar andere, gegen Gelbe, Rote, Schwarze, »kleine braune Kinder« (Grüne). – Hautsache wurde das Problem der Identität auch einem anderen, nämlich dem Rainald Goetz in Klagenfurt bei seiner »Subito«-Lesung 1983, wo er sich mit einer Rasierklinge die Haut aufritzte. Aber zurück zum Buch.
Das von Morshäuser gegebene Motto, welches Fronten neu klärt, ist aus dem Arbeitsprozeß wohl gewachsen, dessen Zentrum sich aus dem Bericht »Kellinghusen« von 1989 zitieren läßt: »Da das Modezeichen Skinhead eine starke Ausstrahlung hat, ist es tatsächlich immer öfter so, daß Modezeichen und ideologisch besetzter Hintergrund wechselnde Verbindungen eingehen. Es wäre ein Irrtum, die Kraft des Modezeichens geringer einzustufen als die Kraft einer Ideologie.«
Dies ist ein entscheidender Befund, an dem sich »Hauptsache Deutsch« abarbeitet. Erinnert sei nur zur Verdeutlichung daran, daß Whiteskins diejenigen sind, die schon einmal einen Türken angegriffen haben, und Redskins jene, welche »Nazis raus« nicht nur sagen. Dem Modezeichen entspricht nicht eindeutig eine politische Gesinnung. Die muß per Farbe der Schnürsenkel signalisiert werden.
Entscheidender noch ist aber die Schwierigkeit des Begreifens der Gewalttätigkeit, die von Skins ausgeht. Gemeinschaftliche Gewalt als Lusterlebnis, unbegreifbar. Wirklich unbegreiflich? – Nicht zufällig zitiert »Hauptsache Deutsch« den Soziologen und Zeitdiagnostiker Wolfgang Pohrt, der die Ziellosigkeit, den unüberzeugten Fatalismus von faktischer Herrschaftsnahme immer mehr ins Zentrum seiner Gegenwartsanalysen schiebt. Darauf wird noch zurückzukommen sein. Denn Gewalt, die lustvoll und ziellos ist, wie kann die abgestellt werden mit »normalen« Mitteln, die ja über Änderung von Ziel und Lustbefriedigung arbeiten müssen; wo aber keine Sache mehr ist, versagt alles bisherige aufklärerische Bemühen um menschliche Existenzen.
Als beispielhaft kann da gelten, daß der Kellinghusener H. R., der Kontakte zur FAP hat, von den Einheimischen geduldet wird, er gilt als Narr zwar, aber an Verbote denkt man nicht. Die Reaktionsspielart der »Verharmloser« kommt hier voll zum Tragen. Aber auch das Gegenstück, die »Übertreiber«, instrumentalisieren Politik und Geschichte für bloße Meinung.
Dabei geht es nicht (nur) um Dinge, die (partei-)politisch zu diskutieren wären. Wie Marga T. ermordet wird, spottet jeglichem Versuch einer politisch akzentuierten Beschreibung. In drei Schüben wird sie zu Hause durch die alkoholisierten Wulf, Werner, Olaf und Björn zu Tode geprügelt, letztlich stirbt sie, weil keine ärztliche Hilfe geholt worden ist. – Die Tat ist einfach das Treten mit den bekannten Stiefelwaffen; was für Folgen das haben kann, scheint während der Tat völlig außerhalb der Situation, die kein Ziel hat: Die Mordtat hat nicht das Ziel Mord, sie lebt aus der puren Lust an Gewalt.
Diese Gewalt bleibt ohne Sehnsucht, ist überhaupt kein Mittel mehr zu einem Zweck, ist auch kein politischer Mord, sondern nur ein Mord von (rechten) Skinheads: Und ist doch mehr. – »Daß die Erfüllung der Sehnsucht vorangeht, wird zur Folge haben, daß auf die Sehnsucht Indifferenz folgt«, sagte Hubert Winkels einmal in einem Aufsatz über Bodo Morshäuser. Es scheint hier, daß die Sehnsucht und die Erfüllung in der Mordtat zusammenfallen, danach folgt nichts, davor nur Versäumnisse, und die gehäuft. Hautsache; Hauptsache Deutsch.

Bodo Morshäuser, Hauptsache Deutsch, Frankfurt am Main: Suhrkamp (es, NF 626), 205 Seiten

_______________________________
Der Zögling Buch in der Verwahranstalt Revolution
Französische Revolution und deutsche Literatur

1. Politik: Am Anfang war die Französische Revolution. Für die Deutschen freilich war sie das Ende vom Anfang, denn von nun an standen sie „im Bann fremder Revolutionen“, waren beleidigt, daß eine eigene nie wirklich vollendet war und doch stolz, durch die Unwirklichkeit einer deutschen Revolution nicht deren Idee befleckt zu haben. In Frankreich nämlich geschah, was logisch nicht sein konnte: Das Unmögliche wurde nicht nur gefordert, sondern auch realisiert. Kurz, die Franken machten eine Revolution, die eigentlich eine Kopie des zwar nur gedachten, aber immerhin deutschen Originals war, welches sich in Reformation, Bauernkrieg und Aufklärung bisher so prächtig und fortschrittlich niederschlug, daß die Deutschen nur beleidigt sein konnten ob ihres nunmehrigen historischen Rückstandes und gar als Kompensation die Weimarer Klassik erfinden mußten, die den Geist jetzt über die Macht stellte und so den Deutschen wenigstens den Vorsprung im Dichten und Denken bescherte.
Das ist die noch durchaus eingängige These, die Thomas Rietzschel in seinem „historischen Exkurs zuvor“ – „Die fremde Revolution“ überschrieben – entwickelt, ehe die 76 zusammengestellten „gelungenen und weniger gelungenen“ „Revolutionsgedichte“ aus zweihundert Jahren ihm zum „gleichsam lyrischen Kommentar unserer Geschichte“ bis aufs Heute geraten.
Wie aber soll „unsere“ von den Gedichten kommentierte Geschichte aussehen? So: Weil die Originalitätssucht der Deutschen – und auf solchen Nationalcharakter zielt die Einführung (penetrant) immer wieder ab -, „einmal in ihrem Selbstverständnis erschüttert“ worden sei, so der Herausgeber, deshalb „mußten die Deutschen, wo sie sich auf die Barrikaden wagten, immer aufs neue scheitern“. Fremd sei ihnen demnach nicht nur der historisch ungleichzeitige, sozial mehrstimmige 48er-März, sondern auch die „proletarische Revolution“ vom November 1918 geblieben, bis im Jahre 1968 „ein verwegener Traum der Intellektuellen“ endgültig sein Ende im postmodernen Erwachen gefunden habe. Das Versäumnis: die Nichtverwirklichung revolutionärer Philosophie, wird vom Herausgeber in eindimensionaler Weise auf eine ursprüngliche und mit determinierender Kraft ausgestattete Kränkung der deutschen Volksseele zurückgeführt, und den „Depressionen, ausgelöst von der eigenen Geschichte“, könne die Literatur, welche „die Freiheit wenigstens geahnt“ habe, nur noch folgen.
Was an solch (literar)historischer Exkursion mißfällt, ist – neben einer Fremdheitsthese, die den zurecht kritisierten „Made-in-Germany“-Wahn in allein scheinbar kritischer Begriffsbildung bloß zu verdoppeln, nicht aber zu erklären vermag – die offensichtliche Trauer um das Fehlen eines identitätsstiftenden gesamtdeutschen Geschichtsbewuátseins und im Verein damit die tendenziell übermächtige Wiederkehr eines Revolutionsmotivs: der Forderung nach nationaler Einheit. Das „ein(ig)e Vaterland“ wird zum wirklichen „Neidsyndrom“ gegenüber dem zentralistisch organisierten Frankreich – sofort literarisch entdeckt, laut geworden in den Befreiungskriegen, dann auch im Vormärz. Dieser Gedanke an die „historische Identität“ der Nation läßt das Problem einer im Innern gespaltenen Gesellschaft, das Auseinanderklaffen sozialer Oppositionen, zur Nebensächlichkeit regredieren. Die Diskussion verengt sich auf die Psychopathologie eines territorial zersplitterten Volkes, einer „verspäteten Nation“, ohne herauszustellen, daß Frankreichs Revolution keine nationale Erhebung von oben war, sondern die Ineinssetzung von sozialem und politischem Machtträger, dem Bürgertum, das nun die neu und von unten konstituierte Einheit wiederum nach innen durchsetzte. Die Bedeutungsverschiebung im Revolutionsbegriff innerhalb einer durchgesetzten bürgerlichen Gesellschaft verschwindet aber aus einem Blickfeld, das jede nachbürgerliche Revolution vornehmlich ums Zentrum „nationale Einigung“ gruppiert.
2. Literatur: Diese – unbewußt marktgängiger Perspektive sich angleichende – Interpretation von Geschichte führt notwendig zu einer Auswahl von Gedichten, die bloß das Auf und Ab von mißlungener Nationalgeschichte in quasi-subjektiver Spiegelung wiedergibt. Für zehn chronologische Stationen stehen jeweils sechs bis elf Gedichte. Die hektische Kurzatmigkeit der Oberfläche verdrängt dabei das Bewußtsein vom Fortleben der wesentlichen Widersprüche, welche mit dem Wort von der Revolution, das ja nur deren Aufhebung verspricht, nicht konkretisiert sind. Und mit dem vermeintlichen Zusammenhalt der Gedichte als „Revolutionsgedichte“ zerfällt auch ihr Thema. Enttäuscht von der Banalität von Emphase und bloßer Gesinnung in vielen der versammelten Verse, die sich eindeutig einem „Pro oder Contra Revolution“ verschreiben, empfindet man die wirklich „gelungenen“ Werke so deplaziert, wie sie in Wirklichkeit ja auch sind. Der ehemals starke Sturm wird zu lauen Lüftchen, oder, wie im Pfingstlied von Georg Weerth exakt formuliert: Aus der Revolution werden „Revolutionen ein Dutzend“. Wie das zugeht, weiß auch noch der Tag in Osternähe von Nicolas Born: „die Bäume wachsen und wandern in die Bibliotheken / die Bibliotheken schweigen / wie die Fotos von Massakern schweigen / und ich schrie auf im Schlaf / wie du Entfernter im Wachen schreist“. Diese Verse lassen sich zudem gegen den Fremdheitsbegriff der Einleitung lesen, denn sie stellen der Nationalität das notwendige „Inter“ voran. Und in solcher – künstlerisch ermöglichter – gegensinnigen Lektüre vermögen einzelne Werke der Anthologie die Intention der Sammlung zu sprengen. Ihr letztes Gedicht von Erich Fried, das Rudi Dutschke gewidmet ist, spricht vom Gehör, mit dem auch diesem Buch sein Wert noch zuwächst: „Wie müssen wir / die Ohren halten / um / im Gähnen der Niederlage / schon etwas vom Sieg zu hören? / Und wenn wir diese Haltung / gelernt haben / was / hören wir dann einmal / im Rauschen des Sieges?“
3. Kritik: Die in dieser Anthologie dokumentierten Exemplare des Genres „Revolutionslyrik“ illustrieren als plurale Gesamtheit auffallend die gegenwärtige Hinwendung zur Geschichte als resignative Abwendung vom selbstgestellten geschichtlichen Auftrag: dem Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit – freilich im Gestus linker Melancholie. Und doch wird solcher ja nicht ganz realitätslose Pessimismus allein durchs Thema der Sammlung und durchs widersprechende Individuelle noch trotzig dementiert. Aus Trotz jedoch muß sich wahres Geschichtsbewußtsein erst herstellen. Dazu aber braucht es Anthologien, die offensiv Partei nehmen: gegen bisherige Geschichte. – Und die Parteigänger dieser Partei entwerfen sich heute wie gestern in einer kontrafaktischen Möglichkeit: in einer Individualität, der Kollektivität nicht Gegensatz, sondern herzustellende Bedingung ist, oder, literarisch gesagt: in einzelnen Werken, nicht in der Literatur.
4. Wissenschaft: Wie das so ist. Im Lesen des einen findet sich ein Maßstab fürs andere. In diesem Fall, weil der Untertitel es ausspricht: „Die Französische Revolution in der deutschen Literatur“. Die Ahnung dessen, zu was so ein Arbeitstitel führt, findet sich im Obertitel bestätigt: „Schreckensmythen“ sowohl wie „Hoffnungsbilder“ hat man entdeckt. Über die Frage, was denn nun wirklicher sei, die Hoffnung oder der Schrecken, die Bilder oder die Mythen, vergißt man schnell und gern die Wirklichkeit einer „LiteraturWissenschaft“, die sich allzuoft darum bemüht, im Verfahren der Zuweisung literarischer Rede in den Mund der lebendigen Autoren dieselben nach Gut und Böse zu scheiden. Zur schleichenden Gesinnungsprüfung verkehrt sich dann die immerhin fragbare Frage Wie hielten Sie ’s mit der Revolution?
Der von Harro Zimmermann in seinem „Umriß des Themas“ zitierte Befund von Joachim Wilhelm von Archenholtz kurz vor der Wende zum 19. Jahrhundert, daß nämlich die Französische Revolution in Deutschland „durch ihr gewaltiges Interesse alles verdrängt, die besten Gedichte ungelesen bleiben, man nur noch nach Zeitungen und solchen Schriften greift, die den politischen Heißhunger stillen“, scheint bisweilen zwar dem wissenschaftlich zu verwaltenden Bildungsschatz anzugehören, vom Geist, der sich in dieser Diagnose entfaltet, zeigt sich manche Arbeit jedoch völlig unbefruchtet. Da wird die Literatur, die zum Thema entstanden ist, degradiert zur Zeitung, der man die Meinung der Literaturproduzenten mehr oder weniger direkt entnehmen zu können glaubt. Solches Mißverständnis sinnvoller Arbeitsteilung – durch die Wirklichkeit verschiedener Textsorten doch angezeigt -, bringt aufs scheinbar bedeutsame Klischee, was immer bloß Material von Dichtung ist. Kann in der Zeitung persönlich, aktuell und eindeutig Stellung bezogen werden, so ist die eindeutige Stellungnahme durch Literatur noch etwas ganz anderes: Eindeutig ist ihr nur, daß permanent dasselbe nochmal zu reflektieren ist, auch wenn solche Reflexion Bekanntes wiederholt. Denn ihr Kreuz ist es, diesem Wiederholungszwang sich zu beugen – weil darin gleichzeitig ihr Widerstand besteht.
Dennoch – die insgeamt 14 Aufsätze erzählen Wesentliches. Und Wolfgang Webers am Schluß des Bandes plazierte polemische Wissenschaftsgeschichte der jüngeren Germanistik, am Beispiel der Jakobinismusforschung dargestellt, bestätigt noch einmal, daß der Vorwurf der „Revolutionsfreundlichkeit“ von den Vertretern heutiger Forschung und Lehre bloß noch mit einem Achselzucken notiert wird. Daß die Forschung in der DDR solche Problemlagen nicht kannte, sagt noch einmal Wolfgang Müller. – Sonst aber schreitet Wissenschaft linear voran.
Holger Böning berichtet von der „halben Aufklärung“ in den sogenannten Volksaufklärungschriften, also von der immer noch beliebten Strategie der Erziehung eines aufgeklärten Untertanen. Reiner Wild beschreibt den „Rückzug“ der Literatur in ihre Autonomie zu Zeiten Goethes und Schillers, ohne jedoch wirklich zu prüfen, ob das gute Gründe haben kann und zu sagen, wie sich eine epochenspezifische Literaturkonzeption auf das Verständnis der Werke denn besonders auswirken soll. Christoph Prignitz untersucht das Napoleon-Bild der Deutschen bis zu den Befreiungskriegen, während Gert Sautermeister bis zum ersten Weltkrieg ausgreift, um von der messianischen Allianz zwischen Literatur und Politik vor und während der gescheiterten Revolution von 1848 zum Teufelspakt derselben im Jahre 1914 zu gelangen und so im beliebten Bild zu bleiben. Gerhard P. Knapp legt eine scheinbar lückenlose und doch zum Weiterlesen anregende Stoff- und Motivgeschichte zu „Robespierre in der Literatur des 19. Jahrhunderts“ vor, denn gerne möchte man nachprüfen, wie in der bloßen Vertextung der Revolution bis zur Realitätslosigkeit historische Literatur zum „Wegwerfprodukt der Geschichte“ verkommt. Albrecht Betz und Helmut Peitsch, die sich mit dem Wirken der Ideen von 1789 einmal bei den Exilschriftstellern, ein andermal in der Inneren Emigration beschäftigen, müssen beide ihre nachgelassene Kraft konstatieren. Für eine bewußte Einheitsfront gegen den Faschismus taugen sie sowenig wie für ein Überlegenheitsgefühl gegen denselben. Daß aber Horkheimers Diktum von 1939 – „Heute gegen den Faschismus sich auf die liberalistische Denkart des 19. Jahrhunderts sich berufen heißt, an die Instanz zu appellieren, durch die er gesiegt hat“ – in beiden Arbeiten nicht genannt wird, ist denn doch als Mangel anzusehen. – Sind sich alle Beiträger einig in der herausragenden Stellung von Georg Büchners Dantons Tod unter den frühen Bearbeitungen der bürgerlichen Revolution, so untersucht Christian Bommert das Pendant in unserem Jahrhundert: Peter Weiss‘ Marat-Drama. Und an diesem Beispiel wird wieder einmal deutlich, wie wenig Kunst einen „unmittelbaren“ Beitrag zu Revolutionen leistet.
5. Theorie: Die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit schlagen freilich wie ein Erkenntnisblitz ein, wenn sie in der Form daherkommen, die dieser Band ja anstrebt: im Essay; weil dort a-logisch, oder besser: unorthodox in die Sache gedrungen wird, es auf Seitenwegen weitergeht, ohne daß der Gedanke entschwindet, und der Geist auch mal vorgreift, ohne sich sogleich seiner Wissenschaftlichkeit rückzuversichern. In solchen Essays findet man so schöne Sätze wie den, daß Kleist es mit seinen „gezielten literarischen Exzessen“ darauf anlegte, „sich der Deutung mit realistisch-politischen Maßstäben zu entziehen“ (Dirk Grathoff) – denn wer eine Identitätskarte schon vorlegen kann, der hat bestimmt genau die falsche. Solchem Spiel der Literatur mit und gegen Realität folgt auch Hans-Wolf Jäger in seinen Ver- und Entwickelungen kleiner Stücke von Schnitzler, Heym, Heinrich Mann und Klabund. Und zuletzt sei angemerkt, daß Gerald Sammet das Unmögliche möglich macht und Person und Sache im Essay so zueinanderbringt, daß es trotz des betrüblichen Themas eine wahre Freude ist: Carl Ludwig Sand. Eine deutsche Rebellion. Ohne wissenschaftlichen Apparat.
„Die Literatur als historisches Erkenntnis- und Bekenntnismedium ist keinesfalls per se den Wissenschaften, der Publizistik oder auch der Kulturkritik überlegen“, schreibt der Herausgeber. Mal abgesehen vom Bekenntnis, welches auf Erkenntnis bloß einen schlechten Reim bildet: Per se vielleicht nicht, aber wenn Literalität zu Kunst sich macht (oder zum Essay sich formt), dann wiederum möchte ich sagen: Doch! – Und irgendwie meint dieser Essay-Band das ja auch, oder?

Revolutionsgedichte. Von Hölderlin bis Fried, hg. von Thomas Rietzschel, Zürich: Arche 1989 142 Seiten
Schreckensmythen – Hoffnungsbilder. Die Französische Revolution in der deutschen Literatur. Essays, hg. von Harro Zimmermann, Frankfurt am Main: Athenäum 1989 372 Seiten

_______________________________
Kulturindustrie
Michael Kauschs Entschärfungsversuch der kritischen Theorie

Viel verspricht das Thema von Michael Kausch: »Kulturindustrie und Populärkultur«; noch mehr der Untertitel: »Kritische Theorie der Massenmedien«; und Leo Löwenthal setzt auf der Buchrückseite des Fischer Taschenbuchs 6636 noch einen drauf: »In der fast unüberschaubaren Sekundärliteratur« sei der Kauf dieser »Originalausgabe« ganz einfach »ein glücklicher Griff«.
Stolz trug ich also an den heimischen Schreibtisch, was von kompetenter Seite anempfohlen wurde. Löwenthal bestätigte in seinem Vorwort noch einmal meinen Blick fürs ‚gute Buch‘, heißt es doch da, es sei standzuhalten »gegen eine geschwätzige Postmoderne, die den radikalen Widerspruch zwischen integrer Kunst und der ohne den Marktmechanismus nicht erklärbaren Massenkultur gänzlich aufzulösen sucht«. Hier bin ich also richtig.
Auf in die »Prolegomena« von Michael Kausch. Erster Satz: »Es ist kein Zufall, daß die interessantesten Weiterentwicklungen der kritischen Theorie heute in Kommunikationsmodellen münden.« Genau, denke ich, auf dieses Mißverständnis ist immer wieder hinzuweisen. Aber was dann folgt, ist der 335 Seiten lange Beweis, daß der Kritiker der Kulturindustrie – und es ist nun wohl hinzuzufügen, daß der Rezensent sich selbst damit meint – aus der Flutwelle liberaler Medienkritik wieder einmal eine überflüssige Akademikerstudie in Buchformat gefischt hat, die sich heldenhaft zur Aufgabe macht, »die frühe kritische Theorie der Frankfurter Schule im Rahmen einer kritischen Theorie der Vermittlung für eine dialektische Theorie der Massenmedien fruchtbar zu machen«. Der sterile Wissenschaftsgestus widerspricht der Illusion seiner »Fruchtbarkeit« also gleich schon zu Beginn. Aber von solcher Verwissenschaftlichung verspricht sich Kausch tatsächlich die durch den »eingeengten Blickwinkel« »sozialer Einzelwissenschaften« verstellte – positive – »Sicht auf Wahrheit«. Die ist nämlich – beachtet man die »’Entwicklung‘ Adornos vom negativen Geschichtsphilosophen der vierziger Jahre zum Medienpädagogen der sechziger Jahre« – locker mit den von Kausch verwässerten Erkenntnissen kritischer Theorie zu erreichen. Freie Sicht auf Wahrheit für freie Wissenschaftler – das ist das Motto; und da zitiert man auch massenhaft, was man gar nicht verstanden hat, sondern nur »anzureichern und zu differenzieren« sucht. Kauschs »Kritische Theorie der Massenmedien« kulminiert dann folgerichtig in dem Satz: »Bildung benötigt ein Bild – und sei es ein Fernsehbild!« (und das alles natürlich nach »gründlicher« Adorno-Lektüre). Michael Kauschs »Hoffnung auf ein Wiedererstarken von Subjektivität und Individualität« »wie im frühbürgerlichen Liberalismus« – diesmal natürlich wirklich für alle Menschen – nötigt ihn denn auch, eine »realistische kritische Theorie« zu destillieren. Positive, konstruktive Kritik ist gefragt, sonst ist’s nichts mit Karriere als Kulturindustriekritiker. Die »Naiven« (Negt, Kluge, Marcuse) sind also ebenso wie die »Fundamentalisten« (Adorno, Horkheimer) nur zu bedauern. Übrig bleiben die zu »Realisten« promovierten Benjamin und Löwenthal. Sie dürfen zur Verkündigung »Des Richtigen Neuen« mittels »Erziehung durch Massenkommunikation« herangezogen werden.
Und wenn alle – so beschließt Kausch seine Konfusion – »sich dem Diktat der Vernunft und der Toleranz unterordneten«, dann wäre in der Tat »jede Kommunikation wie eine Kunst«. Aber weil ja »erst der Konflikt die Demokratie« beweist, Demokratie also mühelos mit »Diktat der Toleranz« übersetzt werden kann, muß ich mir das Recht des Diktators nehmen, der seinen lesenden Untertanen unter Berufung auf das »Diktat der Vernunft« jedwede Kontaktaufnahme mit geistigen Dünnbrettbohrern verbietet.
Und sage keiner, das sei keine Kunst. Das ist die Kauschsche Kunst der Kommunikation: die herrschaftsfreie Lizenzierung des Diktators. Denn wie reflektierte Adorno die Klassentheorie? So: »Die bürgerliche Toleranz will toleriert werden.«

Michael Kausch, Kulturindustrie und Populärkultur. Kritische Theorie der Massenmedien, Frankfurt am Main 1988 (Fischer Taschenbuch 6636)

________________________________
Was Europa erspart bleiben sollte: lean-prints

In krisenhaften Zeiten solle man den Gürtel enger schnallen, heißt es oft von denen, die eine Diät wohl vertragen können. Sparen und Einsparen heißt die dann allgemeine Devise. Und Verschlankungen, lean-prints sozusagen, finden wir immer häufiger auch auf dem Buchmarkt.
So entstehen auch da Spar-Bücher, wo nur „Bücher“ draufsteht. Wer drauf steht, bitte schön. Aber, nach Kauf (DM 19,80) und Lektüre (2 Stunden) von Peter Sloterdijks Essay »Falls Europa erwacht«, möchte man doch wenn nicht das Abendland so eine Teilkultur, das Buch, retten.
Konzentriert auf das, was drinsteht, liest man mit zweifelhaften Gewinn auf knappen 66 Seiten die Argumentation, die mit der Wiederkehr einer eigenen ureuropäischen Idee – nämlich der vom Reich, vom Imperium, vom europagründenden Imperium Romanum, und von den vielen Reichsübertragungen bis hin zu jenem hl. Reich dt. Nation – die Zeit von 1945 bis 1989/90 als europäische »Traumzeit«, als Leerzeit ohne visionäre genuin europäische Politikidee stimmig beschreiben kann. Die Idee eines Europas nach dem eingebildeten Zeitalter funktionabler Nationalstaaten durch eine Übertragung der Reichsidee ohne imperiale und partikulare Reichsgründungen steht im Zentrum des Sloterdijkschen Essays: »Mit Recht hat man Europa die Mutter der Revolutionen genannt; eine tiefere Definition würde Europa als den Herd der Revolte gegen das menschliche Elend bezeichnen. Sobald Europa wieder erwacht, kehren Wahrheitsfragen in die große Politik zurück.« –
Die Konzentration auf das, was drinsteht, wird allerdings erschwert durch die Art, wie’s drinsteht: Hier ist Europa noch nicht erwacht, vielmehr im Einschlafprozeß zu beobachten. Entschlafen sieht man die Tradition europäischer Bildung und Buchkunst. Konsequent – denn was schläft, verbraucht weniger Energie, spart also. Öko? Logisch!
Schlafen im Zuge neudeutscher Verschlankung und lean-print-production Lektoren, Redaktoren & Korrektoren zeitsparend gemeinsam, so ist nach differierender Inkubationszeit ein Spar-Buch produziert, um es dann leichthin auf den Markt zu werfen. Daß aber der Essay – wenn auch nur eine kleine – Form braucht, dieser noch in der Wachzeit in der Lindenstraße formulierte Adornismus scheint inzwischen verdämmert & entschlummert.
Schlaf- wie besinnungslos wachen heute Maschinen statt Menschen darüber, daß es keine Regeln für Schlußpunkte mehr gibt, daß dasselbe Buch ganz postmodern in vielen Identitäten bibliographiert wird, daß Verweise latent bleiben und in einer Archäologie der Fußnotendurchsicht gleichsam neuformatiert werden müssen, so daß selbst dem Papst Alexander sein VI. in die nächste Zeile rutscht; und andere europäischer Bildung ferne Dinge mehr.
Wer also den Gürtel enger schnallen und noch sparen will, der greife nicht mehr zum Buch, sondern zum Spar-Buch. – Und letzteres sei hier in seiner ganzen Polyvalenz schlußgesagt.

Peter Sloterdijk, Falls Europa erwacht. Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, Büttenbroschur, 68 Seiten, DM 19,80

________________________________
»Allein als eine solche bestimmte verdient sie einen Namen,
also das großgeschriebene `K´«

In memoriam Dr. Michael Tischer (1963-2014),
Redakteur, Autor, kritischer Theoretiker, Freund

»… indem Menschen, die bei mir allenfalls etwas gelernt haben, vorweg zu schwächlichen Imitatoren gestempelt werden; verdächtigt wird, was man sonst Philosophen ohne Zögern zubilligt, die Entstehung einer Schule.« (Adorno, 1967)

Ein Streit ist entbrannt. Es ist kein Streit um Worte, kein Streit um Buchstaben, nein: es ist ein Streit um die Orthographie – auf deutsch: Die Kontroverse geht um Groß- oder Kleinschreibung.
Den obigen Titel meiner kleinen Klassifizierung größerer Unterschiede habe ich mir bei Michael Th. Greven abgeschrieben. Es ist der Wortlaut der Anmerkung drei zu seinem Initialtext »Kritische Theorie, historische Politik und Politikwissenschaft« in seinem fast gleichnamigen Buch »Kritische Theorie und historische Politik«, erschienen im Verlag Leske + Budrich 1994. Der Autor, Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, will damit kundtun, daß in einer Zeit, in der »kritisch« als epitheton ornans allem und jedem recht ist, die Identität einer »Kritischen Theorie« Horkheimers und Adornos, die sich einmal mit diesem Adjektiv begrifflich von einer traditionellen Theorieauffassung absetzte, gefährdet ist. Und als zweiten Grund für sein Plädoyer des großen »K« führt er an, daß »die Kritische Theorie« — eben die sozusagen klassische eines Max Horkheimers und Theodor W. Adornos — heute in Verwechslungsgefahr mit der »Frankfurter Schule« stehe, die sich um den Namen Jürgen Habermas´ und dessen kommunikationstheoretische und ganz und gar disziplinäre Wissenschaftsauffassung gruppiert. Kurz und knapp gefaßt: Wahre kritische Theorie heiße und schreibe sich »Kritische Theorie«.
Nun. Christoph Türcke und Gerhard Bolte, die, ebenfalls 1994, in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft eine »Einführung in die kritische Theorie« herausgebracht haben, meinen dasselbe, schreiben aber gerade andersherum: »kritische Theorie« als Namen für diejenige Gesellschaftstheorie, die mit der Generation Habermasscher Denkungsart – der »Frankfurter Schule« eben – wenig, ja nichts mehr zu tun hat. In ihrem Vorwort heißt es, für viele sei kritische Theorie bloß »eine philosophische Richtung«, die inzwischen zur Geschichte dieser akademischen Disziplin gehöre; was aber mißgedeutet sei. Zur »Frankfurter Schule« wurde sie dann in der öffentlichen Meinung, als sie sich mit »Meister« Habermas »um ihre eigene wissenschaftstheoretische Begrüblungsfähigkeit zu kümmern« begann. (Psst: Im Original heißt es in Wahrheit Begründungsfähigkeit.) — Drei Herren also, eine Auffassung, eine Intention, aber zwei Schreibweisen. Entgegengesetzte Schlüsse auf die Orthographie bei mehr oder minder doch gleicher Wertung. Hochkomplexe Welt, einmal klein- und einmal großgemacht.
Nach der Gesamtlektüre beider Bücher — so etwas gibt es trotz aller Leseforschungsergebnisse noch, wenngleich Christoph Hein in seiner Eröffnungsrede zur gerade gewesenen Buchmesse natürlich recht hat damit, daß bei einer Null- bis Fünfundsiebzigstundenwoche keinem Normalbürger mehr Zeit und Lust zum Lesen ist, so etwas gibt es allenfalls noch bei Lektoren und professionell Beschäftigten etc. (und mein Freund Michael Tischer formuliert die universitäre Lage so: daß die „kids schlechterdings desinteressiert“ seien) — hat sich mir der Eindruck eingeprägt, daß zweimal mit gleichen oder doch verwandten Argumenten ein Impetus behalten wird, der die Argumente von Horkheimer und Adorno zu aktueller Rezeption retten will gegen ihre Petrifizierung in den Schubladen jeweiliger Wissenschaftsgeschichten zum disziplinären, sei es philosophischen, sei es soziologischen Klassikervorrat.
Während Türcke und Bolte jedoch die immer noch aktuelle Krisentheorie betonen, die in den Schriften der kritischen Theorie gefangen ist, erläutert Greven die Notwendigkeit der theoretischen Flaschenpost, die eben in der »Entmaterialisierung der Praxis der Kritik« begründet liegt. Beides liegt eigentlich auf gleicher Ebene. »Die Kritische Theorie« ist aktuell, einmal, weil es aktuell kein Subjekt der Praxis gibt (Greven), kritische Theorie ist aber auch deshalb aktuell, weil aus ihr heraus nur sich die Diagnostik unserer Immernochgegenwartderaltengeschichte voll erschließt (Türcke/Bolte).
Doch nun kommt die Strategie: Greven plädiert für historische Politik, was heißt, daß die Veränderungsmöglichkeit aktueller Verhältnisse in deren Diagnostik einfließt bzw. bewußt gehalten wird. Kritische Theorie hat nach seiner Auffassung gerade im Hinblick auf die Historizität des Faktischen argumentiert, dahingehend, daß Gewordenes als Entstandenes nie Endzustand, sondern veränderbarer Zustand bleibt. Die Petrifizierung des Jetzt ist allein Sache der Affirmationsfraktion, die jedoch überhand nimmt, das Subjekt der Veränderung zum Stabilitäts- und also Retardationsfaktor macht. Die Enthistorisierung der Verhältnisse arbeite an ihrem Einfrieren: dagegen wendet sich »die Kritische Theorie«. Eine ihr angemessene Praxisform sei »radikale Politik«. Deren Umriß ist sehr schön in Grevens genanntem Buch nachzulesen.
Türcke/Bolte plädieren in ihrer Auffassung kritischer Theorie ebenso für die Inaugenscheinnahme der Zusammenhänge von Krise und Kritik, betonen ebenfalls die Geschichtlichkeit und materialen Hintergründe der Formulierung kritischer Theorie aus dem Geist einer unverschulten marxschen Kritik, jedoch ein kleiner feiner Unterschied bleibt im Nachgeschmack der zwei Lektüren, die so ganz aufs Selbe hinauswollen. Während es Greven im Bestreben um radikale Politik auch um die Definition einer Kritischen Theorie als abgrenzbare Schule geht, die gerade als bewußt historische aktuell bleibt, geht es Türcke/Bolte um die kritische Theorie als immer noch brandaktuelle Krisentheorie, die unabgegolten in prinzipiell denselben historischen Verhältnissen weiterhin vom Mainstream marginalisiert wird. — Das ist ein kleiner Unterschied. In der gemeinsamen Absetzung von der Frankfurter Schule geht es um kritische Theorie — und um Kritische Theorie, oder?
Um nun endlich Adorno zu bemühen, schlage ich noch einmal zum Motto zurück: Schule oder nicht, Peripatetiker oder Hegelianer, Marxist oder Kritischer Theoretiker. Geht es darum? — Ich glaube, weder Greven noch Türcke noch Bolte würden, ganz im Sinne Adornos, solche Frage kritiklos hinnehmen; ja, sie würden sie begründet verneinen. Darum geht es nicht. Und Adornos Äußerung, durchaus gepaart mit der Eitelkeit dessen, der eine Schule begründen konnte in den agitprop-Jahren der Sixties, hat in seinem Offenen Brief an Rolf Hochhuth nur einen Affront zurückgewiesen mit dem formalen Argument der Analogie, daß die genehme Auffassung eben zur Schule promoviert wird, die unangenehme und unzeitgemäße als epigonale, imitathafte gerne denunziert wird. »Nachschreiber«, »Huldiger«.
Um Schulbildung geht es nicht, wohl aber darum, was gelernt wurde aus dem Studium der traditionellen und der kritischen Theorie (Siehe Horkheimers Buchtitel); und weil es einfach weiterging, als wäre nichts wesentliches geschehen, der Traditionellen und der Kritischen Theorie. — Mit der wissenschaftlichen, wissenschaftsgeschichtlichen, theoriegeschichtlichen Perspektive möchte ich mit Greven »das große K« befürworten, mit der historisch-kritisch-politischen Sicht auf die Welt, in der ich lebe, möchte ich die kritische Theorie ganz klein schreiben (auch, um theoriegeschichtlich ihrer wahren ebenso wie ihrer realen Größe gerecht zu werden). Denn gibt es das (kollektive) Subjekt radikaler Politik auch immer noch nicht (wieder), die Diagnostik dieses nicht vorhandenen Kollektivsubjekts gesellschaftlicher Veränderung ist in aktueller Flaschenpost vorhanden.
Hier ist zu erinnern an die Anfänge einer historisch-kritischen Überprüfung der großgeschriebenen Marxschen Kritik, die längst als variantenreicher und gedankenarmer Marxismus zum Zwecke dogmatisch erstarrter politischer Legitimation instrumentalisiert und damit entschärft worden war. Kritische Theorie zu betreiben hieß, die Marxsche Kritik aufzunehmen und …
Rolf Wiggershaus schlägt in seinem historischen Abriß der Geschichte des Instituts für Sozialforschung eine noch andere Differenzierung der Begriffe »Kritische Theorie« und »Frankfurter Schule« in der Weise vor, daß dieser Begriff das IfS unter der Ägide Horkheimers und Adornos erfassen solle, jener aber für heutige und zukünftige kritische Theoretiker innerhalb einer weit offenen marxistischen Tradition bis hin zum grundbürgerlichen Linksliberalismus gelten möge. Man sieht, es geht durchaus um die Besetzung von Begriffen, um Schreibweisen, die mit der Sache vermittelt sind, Bedeutung haben, um Groß & klein.
Das Dilemma der Geschichtsschreibung eines Denkens, welches zwar Schule machte, aber keine Schule ausbildete (eine Grundschule vielleicht an der Senckenbergallee), wird deutlich, zitiert man den Anfang des Vorschlags von Wiggershaus — »Am sinnvollsten ist es wohl, von Frankfurter Schule vor allem in Hinblick auf die Zeit der älteren Kritischen Theorie zu sprechen« (S. 729) —, um ihn mit seinem Ende zu konfrontieren: „den Begriff Kritische Theorie dagegen in einem weiteren Sinne zu nehmen, der abgelöst ist vom Fokus Horkheimer, Adorno und Institut für Sozialforschung“ (S. 729). Und um diese Ablösung der radikal gesellschaftskritischen Penetranz geht es im Wesentlichen, im Sachlichen. Eine Identität von Begriff und Sache stellt sich in WiggersHausBau nicht her, sondern wird erzwungen durch die interpretative Differenzierung, die eine problematische, ja falsche Differenzierung ist. Den Eigennamen »Kritische Theorie« verweigert er sogar ihren Urhebern, die sie als eine »bestimmte« Theorie (Greven), nämlich als »Kritische Theorie« entwickelt haben.
Daß bei Wiggerhaus zum Zwecke der Vereinnahmung getrennt wird, was zusammengehört — das alte Frankfurter Institut und die Ausbildung einer kritischen Theorie —, verweist auf den Identitätszwang einer Gesellschaft, die den autoritätgebenden Namen, die Namensgebung nutzen will, um dann mit der Sache doch zu machen, was alle machen: blanke Wissenschaft statt kritische Theorie der Gesellschaft. Es kommt also darauf an, im historischen Abriß nicht den Totenschein auszustellen (der bei Wiggershaus auf Frankfurter Schule lautet), um im gegenwärtigen Aufriß ein positiv Konnotiertes zu adaptieren (denn wer wollte nicht kritisch sein, zumal als Theoretiker). Anders gesagt: Es geht immer noch um den »Anfang der Geschichte« (Max Horkheimer, Vernunft und Selbsterhaltung), um kritische Theorie, die mit den vielen Geschichtsschreibungen und Einführungen und Interpreationen um eine sogenannte Frankfurter Schule als aktuelle Krisentheorie immer noch unabgegolten ist.

_______________________________
Ansichten einer künftigen Wissenschaft
oder: Fruchtzwerge der Revolte

Nur zu rasch sollte sich bewahrheiten, was 1872 der gewiß konservative Schweizer Historiker Jacob Burckhardt aus der politischen wie intellektuellen Distanz zum deutschen Reichspatriotismus spöttisch voraussagte: die deutsche Historikerzunft hat nach der Reichsgründung »tatsächlich die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/71 orientiert«. (Imanuel Geiss, 1974)

Zuerst erinnern wir uns an ein Buch, welches die Motivation beim Studium der Literatur und der Geschichte stärkte. Dessen Anlaß war die Fritz-Fischer-Kontroverse, eigentlich der erste Historikerstreit der Bundesrepublik. Darum geht es im Anschluß. Auch eine Folge dieser Diskussion um die deutsche Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg war der Aufbruch der Wissenschaften zur Gesellschaftskritik zu Zeiten der Studentenbewegung. Heute aber ist es schwer, die damals künftige Wissenschaft, welche ja heute gegenwärtig sein müßte, in der Verlagspraxis auszumachen. Wie mag das zugegangen sein?

1. Andere Ansichten

In meiner derzeitigen Arbeit im Lektorat eines Wissenschaftsverlages ist es mir widerfahren, daß ich mit einer Projektidee zur Methodologie der Geschichtswissenschaft, die mir unterbreitet wurde, alleine blieb – wohl deshalb, weil ich in meinem großes Interesse bekundenden Antwortschreiben unter anderem auf das Buch „Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft“ verwiesen habe, welches Modell stehen könne – so habe ich formuliert – für ein neues Bedenken der Aufgaben, die kritischer Sozialwissenschaft überhaupt heute und morgen zukommen. Ich freute mich also auf eine Diskussion, die jedoch auf sich warten ließ und schließlich ausblieb. Hatte ich etwas falsch gemacht? – Jedenfalls:
Ich zwang mich zur Relektüre auch der zwei Bände, die 1974 im Carl Hanser Verlag zuerst, dann – in einer durchgesehenen Ausgabe – 1980 im Verlag Ullstein erschienen sind. Und da wurde manches klar. Wahrscheinlich hat allein schon die Nennung dieses Titels an etwas gerührt, was wirklich eine Wunde in der Historiographie der BRD war und wohl noch ist: Kritische Wissenschaft gilt, wenn nicht – wie im günstigen Fall – als schmerzhafter Stachel im Fleisch des Objektivismus, dann gleich als gleichsam fachfremd und ehrenrührig, als Politik eben; ganz verschwiegen bleibt dabei nur noch das eigentliche Ziel, die wirkliche Bestimmung des akademischen Geistesbetriebs: daß nämlich Emanzipation befördernde Kritik (mit wissenschaftlichen Mitteln) erst die Wahrheit historisch-kritischen Forschens ausmacht. Der Totalitarismus einer auf Wahrheit verpflichteten Gesellschaftskritik ist wahrscheinlich nicht so totalitär wie die repressive Toleranz einer Wissenschaftsgemeinschaft, die im Bekenntnis zum Methodenpluralismus ihre Arbeit im Ethos des »Is‘ ja doch alles egal«-Konsens differenzierend definiert. Ihr Zweck ist Selbstgenügsamkeit und Ausgrenzung, während jene noch einen selbstgestellten Auftrag erinnert: Ausgang aus falsch verstandener Mündigkeit. – Die Rekonstruktion der Vergangenheit kann nicht ohne die Reflexion auf eine Gesellschaft stattfinden, welche sich gerade dazu entschließt, in die Zukunft zu marschieren ohne der Opfer ihrer Vorgeschichte eingedenk zu sein.
Die Ansichten einer Neuen Wissenschaft – die vor zwanzig Jahren angestrebt wurde –, sind wert, neu ins Bewußtsein gerufen zu werden. Sie verdeutlichen zudem manche Stagnation und zeigen nicht zuletzt, daß 20 Jahre Fortschreiten des Kalenders durchaus mit Rückschritten im Geiste gekoppelt sein kann. Doch davon später, wenn es um die Wiederkehr der »historischen Methode« geht, der Hintergrundideologie eines sich als objektiv mißverstehenden Historismus – ja, so hieß das damals. Also:
Ich blätterte in Büchern, welche den Herausgebern und Autoren eine Ehre machen, die sie selbst wohl heute nach hier oder nach da »differenziert« wissen wollen. Jedenfalls: Der erste Band hat den Untertitel »Kritik – Theorie – Methode«, der zweite befaßt sich mit »Revolution – Ein historischer Längsschnitt«, also gerade Themen aus der Ferne, an welchen »die kids heute schlechterdings desinteressiert« scheinen, wie mein Freund Michael Tischer mir die universitäre Lage brieflich hinformuliert hat.
Dabei hatte dieser Aufbruch damals – der Wissenschaft in der Studentenbewegung ja rückkoppelte als Produktivkraft – durchaus gesellschaftliche Wirksamkeit, vor allem, wenn man ihn mit Positionen vergleicht, die in der Historikerdebatte des vergangenen Jahrzehnts ihren unsäglichen Ausdruck fanden. Aber es ist wohl richtig gewertet, wenn man der Phase der Bildungsreform unter sozialliberalem Stern gerademal die Modernisierung des Adenauerstaates auf westeuropäisches Normalniveau in Sein wie Bewußtsein gutschreibt. Liest man nach, wo sich kritische Wissenschaft heute befinden sollte, so kommt man nicht umhin zu zitieren, daß auch diese Geschichte allemal dasselbe war, nämlich Vorgeschichte einer Utopie; deren Mittel sind also auch heute noch dieselben – bloß weiß man kaum mehr, was noch alles versäumt werden will, nur um so weiterzumachen wie bisher. Und das wiederum hat Auswirkungen auf die Kritik, auf die Mittel zur Emanzipation, weil ja der fast gänzliche Ausfall eines utopischen Horizonts, einer Geschichtsphilosophie, einer Erlösungshoffnung deren gegenwärtige Arbeit in Produktion und Rezeption affiziert.
Wie behindert ist eine Kritik, die sich kaum noch wirklich um die Sache, um die Durchdringung ihres Gegenstandes bekümmern kann, da sie ständig ihr Ziel, ihren Zweck vergegenwärtigen muß? Verkrüppelt Erkenntnisproduktion, wenn es notwendig wird, rasend an Utopie zu erinnern – wie es Rainald Goetz in den Jahren des anything goes getan hat –, und wenn es notwendig wird, in aller Eile diese und jene Erinnerung zu bewahren – wie eben es Rainald Goetz ein Jahrzehnt lang getan hat –, die von der Gleichgültigkeit der Gegenwart untergespült wird? Sicher, dasselbe muß immer wieder neu befragt und gesagt werden, aber die Bedingungen des Fragens und Sagens ändern sich: immer größer wird das Gebirge der Vernichtung, immer tiefer fallen wir in den Berg der Vorgeschichte. – Das sind Standortveränderungen, die bekannt sind und doch etwas ausmachen, so am Programm der Aufklärung festgehalten wird.
Ich habe nun nicht vor, das angesprochene Buch hier zu referieren, möchte aber doch sagen, daß es – ebenso wie der Titel »Ansichten einer künftigen Germanistik – wesentlich die Argumentation initiiert hat, die ich nun gegen aktuelle Tendenzen richten will; gegen Tendenzen, die auch im Programmteil Geschichte und Politik des Verlages, bei dem ich angestellt bin, immer gegenwärtig waren und nun auf neue Weise Platz greifen.

2. Kritischer Aufbruch und realistische Wende

Der Rückzug von Autoren von ihrem eigenen Interesse an einer Zusammenstellung mit entscheidenden Etappen historiographischer Grundlagenreflexion liegt wohl auch darin begründet, das (theoretisch) Erreichte nicht mit der eigenen Praxis konfrontieren zu müssen, fragen zu müssen, wohin sich das emanzipatorische Interesse verflüchtigt hat und warum. Das aber wäre die mit der Nennung eines Buchtitels angedeutete Zielrichtung gewesen, die das Lektorat verfolgt hätte.
Warum es notwendig ist, gerade anhand solcher Grundfragen berührenden Projekte Selbstkritik der bisherigen Wissenschaftspraxis wie Veröffentlichungspolitik zu üben, zeigt ein Rückblick auf ein Stück Verlagspraxis, welche hoffentlich keine Zukunft mehr haben wird. Ein solcher Rückblick macht deutlich, wie eng die ja nur scheinbar objektive Wissenschaft mit politischen Diskursen in einer interessegeleiteten Gesellschaft verwebt ist.
Sozialwissenschaftliche Theoriebildung und Forschung erhält erst in der Reflexion auf den historisch-politischen Ort, an dem sie (ent-)steht und durch die historisch-kritische Rekonstruktion der Problemlage, innerhalb derer ihr Gegenstand sich bewegt, Erkenntnis- und Wahrheitswert. Spezifischer: Nur, wenn der Sinn der Beschäftigung mit Geschichte nicht abhanden gekommen ist, entwickeln sich relevante Fragestellungen, welche die Potentialität von Geschichte einklagen und nicht nur deren Faktizität behaupten. Nur wenn Geschichte als Prozeß (emphatisch: der ausstehenden Menschwerdung) begriffen wird, findet Wissenschaft als Aufklärung statt. Ist es anders, funktioniert Wissenschaft als Ideologie. – Solche Selbstverständlichkeit, solche Ansicht mußte erkämpft werden gegen Positionen, welche vorgaben, überhaupt nicht Position zu beziehen und beziehen zu dürfen. Weltanschauliche Neutralität, Objektivität und Wertfreiheit hießen die Kampfbegriffe einer Zunft, welche sich in ihrer überwältigenden Mehrheit bis Ende der 60er Jahre weigerte, Engagement und Parteilichkeit, so sie explizit formuliert wurden, überhaupt für den Wissenschaftsbetrieb zuzulassen. Gerade aber ein Blick in die »Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft« macht zum Beispiel deutlich, daß das objektivistische Verstehen die zentrale methodologische Grundlage eines Historismus war, der nicht mehr Geschichtswissenschaft, sondern Geschichtsideologie betrieb. Herrschaftlegitimation oder Ideologiekritik, so hieß die Alternative, mit der zu Zeiten der Studentenbewegung angehende Wissenschaftler konfrontiert waren. Wie schlägt sich ein so vorhandener Dissens nun in einem Verlagsprogramm nieder?
Im ersten Historikerstreit der Bundesrepublik, der Fritz-Fischer-Kontroverse, ging es um Fragen der Kriegszielpolitik und Kriegsschuld des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Fritz Fischers Buch »Griff nach der Weltmacht« (1961) sowie Einzelstudien seiner Schüler waren Anlaß heftiger Diskussion und politischer Polemik. Durch seine Thesen wurde der Grundkonsens der deutschen Geschichtswissenschaft gesprengt (Der durch »Einkreisung« dem Zweiten Deutschen Reich aufgezwungene »Verteidigungskrieg« wurde als annexionistischer Expansionskrieg entlarvt), gleichwohl die immer schon vorhandene Trennlinie von Herrschaftslegitimation und Ideologiekritik in der Debatte um Fischers Thesen erst richtig deutlich wurde. Die Veröffentlichungspolitik meines Verlages in diesem »ersten deutschen Historikerstreit« zeigt, für welche Seite der nach eigenem Anspruch »weltanschaulich neutrale« Verein Partei nahm: »Einige – zu Recht – längst vergessene Beiträge der deutschen ‚Kriegsschuld‘-Literatur der zwanziger Jahre wurden neuaufgelegt und damit einem breiten wissenschaftlich-historisch interessierten Publikum wieder zugänglich gemacht«, schrieb Imanuel Geiss in seinen »Studien über Geschichte und Geschichtswissenschaft« im Jahre 1972. Das wertneutrale Etikett der Wissenschaft färbte sich in der öffentlichen Debatte also haselnußfarben. Geiss, Schüler von Fritz Fischer und heute Professor an der Universität Bremen, vermutete wohl richtig, wenn er den Einfluß von Ernst Anrich auf das Programm des Verlages für solche Veröffentlichungspolitik verantwortlich machte. Anrich war NS-Historiker (Leiter des NS-Studienbundes) und mußte, als er, der nach 1945 keine Anstellung mehr an bundesdeutschen Hochschulen fand, sich Ende der 60er Jahre auch als NPD-Ideologe einen zweifelhaften Namen machte, endlich seine Position im Verlag räumen. Mit solchen – richtigen, jedoch viel zu späten – Entscheidungen ist es jedoch nicht getan.
Noch heute wirkt sich im historisch-politischen Programm des Verlages der Einfluß nationalkonservativer, preußisch-deutscher Geschichtsschreibung und rechtskonservativer Gesellschaftstheorie aus. Wenn nämlich noch 1978 ein Band »Quellen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges« von Erwin Hölzle herausgegeben werden kann, dann war die Entlassung nicht Zeichen wirklicher »Aufarbeitung der Vergangenheit« (Adorno), sondern Verpflichtung gegenüber dem eigenen liberal-konservativem Selbstverständnis und Ruf damals. Erwin Hölzle nämlich hatte sich als antikommunistischer Historiker im »Dritten Reich» so stark kompromittiert, »daß er nach 1945 an keiner deutschen Universität Anstellung fand«. (Geiss, Studien) – Weitere Titel, die allesamt nicht gerade der emanzipatorischen Wissenschaft zuzurechnen sind, haben sich lange, viel zu lange im Programm gehalten. Historisch orientierte Gesellschaftswissenschaftler werden wissen, welches nationalapologetische Programm den Schriften von Walther Hubatsch, Rudolf Buchner, Johannes Haller, Theodor Mayer u.a. beigemengt ist. Ziel einer neuen Programmentwicklung muß es sein, in der Kritik des eigenen Programms das Potential künftiger Programmpolitik zu sehen.
Bisher zeigt sich die Zeit nach der Anrich-Ära eher als ein Sich-Öffnen zu neuen, kritischen Ansätzen mit dem Versuch, der recht einseitigen Tendenz eines politik-, ereignis- und geistesgeschichtlich orientierten Programms durch Methodenpluralismus entgegenzutreten. Das aber ist natürlich auch dem Zeitgeist des sozialliberalen Jahrzehnts geschuldet (nicht nur dem Ausgleich von Mangel und Makel), welcher in der Geschichtswissenschaft nun verstärkt Wirtschafts- und Sozialgeschichte wie Strukturgeschichte und marxistische Ansätze brachte. Stellvertretend kann hier die »Bielefelder Schule« um Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka genannt werden, auch die Neuansätze von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck sind hier zu nennen. Was aber dem Verlagprogramm mangelt, ist die selbstkritische Aufarbeitung der eigenen Verfehlungen. Als gäbe es die ganz und gar eigene Vergangenheit nicht, wurde allein mit dem Blick nach vorne versucht, es nach der Anrich-Ära besser zu machen. Daß aber gerade ein historisch-politisches Programm ohne Erinnern, ohne Gedächtnis nicht auskommt, immer wieder eingeholt wird von den eigenen Verfehlungen und Versäumnissen, wurde verdrängt, ausgeblendet. Geschichte aber ist Erinnern für die Zukunft unter den Bedingungen der Gegenwart. In der heutigen Situation wird der Verlag von seiner Vergangenheit wieder eingeholt, weil er sie nicht wirklich kritisch überwunden hat.
Aber überhaupt scheint »Gesellschaft« in Wissenschaft und Praxis vom Gegenstand der Kritik zur nicht mehr hinterfragten Basis des eigenen Werkelns promoviert worden zu sein. Ein Realismus bezüglich der Bedingungen des eigenen Arbeitens hat sich eingestellt; einer der Herausgeber des schon mehrfach angesprochenen Titels »Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft« soll dafür das Beispiel geben: Imanuel Geiss hat nicht nur in der theoretischen und methodischen Reflexion manchen Geschichtsstudenten seit den siebziger Jahren Einblicke in die Fachwissenschaft gegeben. Auch seine Polemik und das Beim-Namen-Nennen war eine Form der Kritik, welche zeigte, wie die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm heraus sich öffentlich machen konnte als Stimme der Aufklärung einer ganzen Gesellschaft.
Aber wenn heute Imanuel Geiss, einst scharfer Kritiker »meines Verlages«, als Autor in einem Sammelband nun auftaucht, ein Indiz für den Fortschritt von Wissenschaft und Verlagspraxis im Sinne »künftiger Wissenschaft« überhaupt ist das nicht. Gefragt ist Geiss nämlich als Fachmann, nicht als Gesellschaftswissenschaftler. Und bringt man noch in Anschlag, daß gerade das Programmsegment der Zeitgeschichte von Positionen belegt, die eher in der konservativen, »rein wissenschaftlichen« Tradition der Verlagspolitik stehen als eine wirkliche emanzipatorische Wende zu bedeuten, so funktioniert »ein Name« auch als Selbstvergewisserung der beanspruchten Liberalität. Der Kontext dieses Befundes ist jedoch ein Wissenschaftsbetrieb, in dem sich seit dem Aufbruch in den 70er Jahren zwar manches getan hat, der aber auch den eigenen Anspruch nicht nur der Revolutionierung des akademischen Bereichs sondern vor allem der Gesellschaft schlichtweg vergessen zu haben scheint.
Die Kritik, die emphatisch gemeint war, bezogen auf eine »Gesamtgesellschaft«, hat sich reduziert auf eine gleichsam interne Kritik. Dann geht es nicht mehr um Gesellschaft, sondern um Methoden, um Theoriemodelle und Quellenkritik. Dann hat sich die Tradition in der Form durchgesetzt, daß Kritik kritisch wird, konstruktiver Bestandteil dessen, was man ehemals durch Kritik verworfen hatte. –
Manfred Asendorf, neben Rainer Tamchina und Imanuel Geiss Mitherausgeber der »Ansichten«, hält 1986 in der Zeitschrift »1999« seinem ehemaligen Mitstreiter Geiss vor, daß seine Inschutznahme des Historikerkollegen Andreas Hillgruber im zweiten deutschen Historikerstreit gegen den Vorwurf des Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein (Hillgruber sei ein »konstitutioneller Nazi«) und sein Einklagen einer »rein wissenschaftlichen« Auseinandersetzung um die Thesen von Ernst Nolte u.a. ein Rückschritt hinter längst Gewußtes ist: daß es nämlich »auch hier nicht in erster Linie um Wissenschaft geht«; es geht um gesellschaftliche Auseinandersetzungen. »Geschichte als Wissenschaft ist immer Gesellschaftswissenschaft«, schrieb Asendorf 1974, »auch wenn das mancher deutsche Historiker mit Beschwörungsformeln wie ‚Objektivität‘ und ‚Unparteilichkeit‘ wegzaubern wollte«. Objektivität und Unparteilichkeit: beides zeigt die Wiederkehr der historischen Methode an, eine Wiederkehr, die im Kontext der vergrößerten Bundesrepublik nicht einfach das Alte, sondern einen Neohistorismus bedeutet. –
In diesem Zusammenhang muß nachgetragen werden, wie Adolf von Thadden auf Geiss´ Reaktion im Historikerstreit reagierte: »Wenn man bedenkt, daß Professor Geiss einst ganz links angefangen hat, dann ist seine vom ‚Spiegel‘ abgedruckte Entgegnung schon ein beachtlicher Schritt« (Deutsche Wochen-Zeitung, 21.11.1986) Ein Schritt wohin? Man muß wissen, daß die Parteizugehörigkeiten Adolf von Thaddens sich so lesen: erst NSDAP, dann Deutsche Konservative Partei/Deutsche Rechtspartei, dann NPD; 1988 erhält er die Hutten-Medaille der rechtsradikalen Gesellschaft für Publizistik. Gelobt wird hier der Rückschritt eines Gesellschaftswissenschaftlers, der heute in seinen »rein wissenschaftlichen Abhandlungen« keinen Platz in seinen Fußnoten mehr fände, umfassendes Engagement mit der Bekundung seines Eintritts in die SPD im Jahre 1955 kundzutun. So ändern sich die Zeiten, und nicht nur die.
Entscheidend ist die realistische Wende der akademisch gewordenen Achtundsechziger, eine Wende, welche »künftige Wissenschaft« wieder »Normalwissenschaft« sein läßt. Der ehemalige Anspruch der Kritik, mehr zu wollen als wahre Wissenschaft: nämlich auch deren Bedingung: eine Gesellschaft der Freien und Gleichen, findet sich bloß noch bei Außenseitern der Zunft.

3. Historisierung als Normalisierungsbegehren

Der zweite deutsche Historikerstreit, also die von Jürgen Habermas eingeleitete Kontroverse um Ernst Noltes Thesen zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik vor allem gegenüber den Juden, welche Nolte als Reaktionen auf vorgängige Verbrechen des »Bolschewismus« sieht, hat – mit vielerlei politischem Kontext in den 80er Jahren (Bitburg als Versöhnung der Täter mit den Opfern, der Kohlsche Gorbatschow-Goebbels-Vergleich als Reminiszenz an eine antikommunistische Totalitarismusthese) – gezeigt, daß allgemein nicht Aufarbeitung, sondern »Entsorgung der deutschen Vergangenheit« (Hans-Ulrich Wehler) ansteht. Auch hier muß Wissenschaft nach ihrem Zweck, ihrer Nutzbarkeit befragt werden, auch hier muß geschieden werden nach Herrschaftslegitimation und Ideologiekritik. – Erstens: Historisierung ist in diesem Kontext nicht einfach die normale Arbeit des Historikers. Der Begriff zielt hier einmal auf eine Erneuerung des bloßen Zeigens, wie es eigentlich gewesen ist, zielt auf eine Rankesche Epochenindividualisierung, welche sich abgrenzt gegen die Zeitperiode des eigenen Fragens. Zielt auf die Konstruktion einer diskontinuierlichen Geschichte, die keine Schatten mehr wirft in die Gegenwart. Historisierung muß in diesem Kontext übersetzt werden mit dem Verneinen der Auffassung von Geschichte als (unabgeschlossenen, veränderbaren) Prozeß. Historisierung wird hier der Schritt, der nicht das (immer neu veränderbare) Resultat von Geschichte in den Vordergrund stellt, sondern die Intention der handelnden Personen. So aber kommt man vom Begriff, vom Argument, vom Erklären, zum Zeigen, zur Ausstellung des vermeintlich Abgeschlossenen. Nicht mehr Lernen aus Erfahrung, sondern Handhaben scheinbar sicheren Wissens ist die schleichende Konsequenz des Weges von der Kritik zur bloßen Wissenschaft. Handhabung dessen, was uns eigentlich nichts mehr angeht. Vorgedacht hat diesen Weg der scheinbar unverfängliche Martin Broszat mit seinem »Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus« in der Mai-Nummer des Merkur von 1985. Seine Vergleiche der historischen Realität des Nationalsozialismus mit zeitgleichen Regimen dienen nicht mehr der Kritik, sondern dem relativierenden Vergleich im Bezugsrahmen eines westlich-demokratischen Normalniveaus. Später jedoch dazu mehr.
Zweitens: Vorgefunden habe ich im eigenen Programm die der Debatte der Historisierung des Nationalsozialismus zugehörige These, daß »das Bemühen des präzisen ‚Verstehens‘ und ‚Verstehbarmachens‘ des Geschehenen« die vordergründige Aufgabe des Historikers sei: und so sehen die Ergebnisse dann auch aus. Propagiert wird hier – nicht zu verwechseln mit dem geisteswissenschaftlichen Verstehen – das Verständnis für eine Geschichte, welche nicht einmal diesen Begriff – den Begriff von der Geschichte – erreicht. Das Geschehene verstehen und verstehbar machen zu wollen heißt ja, daß die disparaten Taten, die ermittelbaren Fakten so hergestellt und aufbereitet werden (können), daß ein Mensch sie verstehen kann, auch also Verständnis für sie, die Taten, aufbringen kann. Das aber kann nicht Sinn der Beschäftigung mit Geschichte sein, ist es auch nicht, betrachten wir die vorgefundene These aus dem von Ronald Smelser und Rainer Zitelmann herausgegebenen Sammelband »Die braune Elite. 22 biographische Skizzen« mit dem Wissen theoretisch aufgeklärter Gesellschaftswissenschaft.
Historiker rekonstruieren Geschichte, so daß sie zum Begriff wird. Die einzelnen Daten und Fakten erscheinen in einem Zusammenhang dann, wenn das bloß Geschehene sich erklärt als Geschichte, wenn wir das bloß Geschehene begreifen können als unsere Vorgeschichte – ohne gezwungen zu sein, für die Geschichte und für das Geschehene Verständnis aufbringen zu müssen. Die Differenz zur vorgefundenen These wird sehr deutlich, nennt man noch einmal die historische Zeit, um die es hier geht, nämlich um die Jahre des Nationalsozialismus. Wohin führt der Verstehens- und Verständnisdrang – gar volkspädagogisch, fürs breite Publikum biographisch aufbereitet –, wenn Auschwitz Thema des Historikers ist?
Der Zivilisationsbruch, der Metapher geworden ist für den Rückfall in die Barbarei, bedeutet uns Nachgeborenen ein Erinnern, ein historisches Erinnern, welches wohl mit Begreifen, nicht aber mit Verstehen zu tun hat, zu tun haben kann. Hier ist der humanen Vernunft, welche sich dem Geschehenen zuwendet, eine Grenze zum Verstehen gesetzt. Wer auch ein solches Faktum verstehen will (und »verstehen« auch ganz alltagssprachlich meint, weil er sich ausdrücklich an ein breites Publikum wendet), es der menschlichen Vernunft angleichen will, muß einen Zusammenhang erzwingen, den das Faktum nicht bereitstellt. Eher können wir hier erkennen, daß die Welt eben noch nicht nach Maßstäben menschlicher Vernunft eingerichtet ist, daß sie Elemente enthält, die Aufforderung sind, die implizite These der vorgefundenen These zu überdenken, daß nämlich die tatsächliche menschliche Vernunft schon menschlich wäre: Diese Behauptung steckt aber im »Bemühen des Verstehbarmachens von Geschehenem« – Historiographie, die solche vernunftkritischen Erwägungen ausblendet, betreibt nicht Geschichtswissenschaft, sondern klaut ein Etikett zur Apologie aller stattgefundenen Geschichte. (Vgl. Pädagogische Korrespondenz Heft 5, Vom Haus, in dem wir Leben, S. 107ff.)
Im übrigen ist es mit Darstellungen so »arbeitender« Wissenschaftler so, wie es Wolfgang Pohrt einmal in einem anderen Zusammenhang gesagt hat: auf zehn Zeilen so viele Fehler, daß sie auf zehn Seiten nicht erläutert werden können. Man muß schon ganz von vorne anfangen, wenn ein 1957 geborener Historiker von den »bewegenden Kräften der Geschichte« faselt, die es zu verstehen gelte. Schicksal der Aufklärung?
Es geht aber gar nicht um einzelne Entgleisungen oder um manche Argumentationsketten, welche ja durchaus für sich genommen Plausibilität beanspruchen können. Vorhin habe ich gefragt: »Wohin führt der Verstehens- und Verständnisdrang, wenn Auschwitz Thema des Historikers ist?« Hier genau ist der Punkt benannt, welcher nicht Thema wird bei den Historisierern des Nationalsozialismus. Genau wie Martin Broszat Auschwitz ausspart bei seinem Plädoyer für die Integration der »dunklen Jahre« in die deutsche Geschichte, so sucht man den Namen Auschwitz vergebens in den Publikationen der »Gruppe Zitelmann« (Otto Köhler), von Klaus Naumann erläutert als »jungkonservatives Projekt zur Historisierung« der Jahre dreiunddreißig bis fünfundvierzig. Auschwitz bleibt ausgespart im Diskussionsfeld »Nationalsozialismus und Modernisierung«, auf das sich die Gruppe mit einer Publikation bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft eingeschossen hat. Auschwitz wird tendenziell ignoriert, was – freilich mit umgekehrtem Vorzeichen – Dan Diners These von Auschwitz als ein »Niemandsland des Verstehens« bestätigt.

4. Alte Ansichten, neue Ehrlichkeit

Der Kreis ist geschlossen – das wäre ein Bild dafür, daß der historische Protagonist des Aufbruchs in neue Zeiten heute mit »Noltes junger Garde« (Otto Köhler meint Rainer Zitelmann, Uwe Backes, Eckhard Jesse und ein paar andere) in ein und demselben Verlagsprogramm zusammenfindet. Die Fronten scheinen geklärt: sie existieren nicht mehr. Es regiert Offenheit nach allen Seiten, Sieger durch K.O. ist die bürgerliche Toleranz, »die toleriert werden will« (Adorno). Polemik im wissenschaftlichen Streit ist mega-out, wie Jürgen Kocka anläßlich des Bochumer Historikertages bestätigte. In ruhiger Manier macht Jeder das Seine (ohne die angemessene Erinnerung des »Jedem das Seine« am KZ Buchenwald), sein Thema, seine Methode, seinen Ansatz. Wer die Auseinandersetzung mit den Isolierten sucht, den Streit um die (ganze) Sache, landet mit negativem Vorzeichen im »Hysterikerstreit«: So hat Imanuel Geiss seinen »undiplomatischen Essay« genannt, den er gerade in der Schriftenreihe Extremismus & Demokratie als Band 1 veröffentlicht hat. Wer aber gibt diese Reihe heraus? Man lese und staune: Eckhard Jesse und Uwe Backes. Tatsächlich: Der Kreis ist fest geschlossen. Bei den Publikationsringen wie beim Rezensentenreigen.
Wir sind so ziemlich am Ende angekommen, vom Vergessen des eigenen Anspruchs wollten wir berichten, und haben doch nur Bruchstücke bundesrepublikanischer Geschichte und Protestgeschichte zusammengetragen, welche heute alten Ansichten von Kritik und historischem Bewußtsein zu schaffen machen. Manche Namen geben wir verloren, dafür aber haben wir neu zu lesende Texte im Bücherregal. Und wir stehen vor einer Debatte, welche als zweiter Historikerstreit schon angekündigt ist: im ersten Heft der Zeitschrift »Mittelweg 36« des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Worum es dabei gehen wird, ist genau die Historisierung der »jüngsten deutschen Geschichte« im Sinne eines Normalisierungsbegehrens. Zivilisations- und vernunftkritische Rückfragen werden nicht gestellt an eine Geschichte, welche deutsche Identität vergewissern helfen soll. »Welchen Rang könnte Auschwitz da beanspruchen?« fragt Klaus Naumann im »Mittelweg 36«. »Es stände außerhalb der wiedergewonnenen ‚Normalität‘, und es stände auch außerhalb einer Erinnerung für die Zukunft«. – Er kündigt damit einen Vorgang an, der seine historische Analogie im bei Geiss zitierten Eingangsmotto hätte. 1990 freilich wäre dann ein Jahr, welches qualitativ anderes als bloß ‚deutsche Vereinigung‘ bedeutete. »Manche sind da ganz unschuldig hineingeraten«, weiß Otto Köhler. Wollen wir zusehen, daß sie einen Publikationsort finden, der besser ist als das komlettkompatible kleine Steak der notorischen Fruchtzwerge der Revolte.

Literatur

Die neue deutsche Ideologie. Einsprüche gegen die Entsorgung der Vergangenheit, herausgegeben von Wieland Eschenhagen, Darmstadt 1988
Hans-Ulrich Wehler, Entsorgung der deutschen Vergangenhei? Ein polemischer Essay zum »Historikerstreit«, München 1988
Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, herausgegeben von Dan Diner, Frankfurt am Main 1988 (Fischer Taschenbuch 4398)
»Vernichtungspolitik«. Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland, herausgegeben von Wolfgang Schneider, Hamburg 1991
Otto Köhler, Die neue Ehrlichkeit, Konkret 4, 1992
Manfred Asendorf, Aus der Aufklärung in die permanente Restauration. Geschichtswissenschaft in Deutschland, Hamburg 1974

_______________________________

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s