Bloghistorie

Die Lese als Blog: Mein Lindenblatt – hieß dann ‚… worin noch niemand‘, seit Juni 2014 the path und heute, nach einer Balls-Episode, Big Balls – verweist auf mein erstes wwwbüro und die alte Website meines Lektorats- und Textbüros die-lese.de, eine Internetpräsenz, welche sich aus der Vorschau und den Nachberichten einer Veranstaltungsreihe mit Lesungen ausgewählter Autoren auf der Kulturschiene in Münster am Hauptbahnhof entwickelte. Die Mündung war der wesentlich von mir gegründete Oktober Verlag, heute okkupiert durch(s) Falsche.
Flankiert wird mein WordPressblog (seit 6/2010) durch einige Notate auf twoday.net oder blogger.de sowie durch politische Photographie auf dem Berg Wolkmann. Sinnreiche thematische Fotoalben finden sich auf Facebook.

Es war zum Mäusemelken

Ohne diesen Ring gäbe es das Label gar nicht

 

 

 

 

 

 


Nach einem Studium der Literatur, Geschichte, Philosophie und Pädagogik mit editionsphilologischem Akzent habe ich ab 1988 zwölf Jahre als Verlagslektor für Sachbuch und Belletristik gearbeitet. Ich schrieb Kritiken zur Gegenwartsliteratur und gelegentlich zeitdiagnostische Polemiken zur Geschichtspolitik und zum Dummdeutsch. Aus den Zeitungsartikeln, Literaturrezensionen und Buchbeiträgen (Volkszeitung, Stadtblatt Münster, Der Freitag, KLG, Zeitung für Darmstadt, WN, MZ et al.) ist vor vielen Jahren ein selbständig erschienenes Buch in der Reihe ‚einsprüche‘ entstanden.
Meine Stationen: Institut für Pädagogik und Gesellschaft, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Büchergilde Gutenberg, Verlag Westfälisches Dampfboot, Gründungsverleger Oktober Verlag, Freies Lektorat und Korrektorat seit 2001, freier Mitarbeiter der 2015 durch eine Insolvenzfusion mit den Westfälischen Nachrichten verschmolzenen Münsterschen Zeitung. Seither dies & das, Kulturjunkie, Lesepapst, Fußballgänger, Fahrradfahrer, negativer Optimist, Sofahasser, Eventvermeider, Suchtberater (Wein und Bier / berät mich hier), Hirnochse und Schmied immerhin eigenen Unglücks. – Und die Verhältnisse? Ja, die auch.

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Denken in Form bringen
oder: Meine Zeitschrift

Der Gedanke aber läßt sich sein Ressort nicht vorschreiben.
AZWNAVR (alle Zitate werden nicht ausgewiesen, vielmehr reingezogen)

I

Die objektive Fülle von Bedeutungen, die in jedem geistigen Phänomen verkapselt sind, verlangt vom Empfangenden, um sich zu enthüllen, eben jene Spontaneität subjektiver Phantasie, die im Namen objektiver Disziplin geahndet wird. Dem Autor sei jenes, dem Redakteur dieses ins Gebetbuch geschrieben. Anzuwendende Kriterien dafür sind, wie längst bekannt, die Vereinbarkeit der Interpretation mit dem Text und mit sich selber, und ihre Kraft, die Elemente des Gegenstandes mitsammen zum Sprechen zu bringen.

In diesem Sinne gilt die Allergie gegen die Form als bloßes Akzidenzium als Beweis der sturen Dogmatik des szientifischen Geistes. Denn das unverantwortlich geschluderte Wort wähnt, die Verantwortlichkeit in der Sache zu belegen, und die Reflexion über Geistiges wird zum Privileg des Geistlosen. Es ist also die Form anzustreben, die weder den Verdacht falscher Tiefe noch deren Umschlag in versierte Oberflächlichkeit beim Rezipienten objektiv erhärtet.

Weil Meine Zeitschrift ohne Diktionär gelesen wird, hat sich ein Text seines Sinnes derart zu vergewissern, daß er bis zu dreißig Mal in stets wechselndem Zusammenhang seine Sache aufschließen kann. Wiederholungen allerdings werden gestrichen. Begrüßt wird, wenn auf diese Weise an einem ausgewählten oder getroffenem partiellen Zug die gesellschaftliche – oder spezieller: die politisch-künstlerische – Totalität aufleuchtet. Das Gewagte, das Vorgreifende wird nicht ins Bekannte zurückgerufen. Geist selber, einmal emanzipiert, ist also mobil. Sobald er mehr will als bloß die administrative Wiederholung und Aufbereitung des je schon Seienden, hat er etwas Ungedecktes; die vom Spiel verlassene Wahrheit wäre nur noch Tautologie. Gegenstand ist also das Neue als Neues, nicht ins Alte der bestehenden Formen Zurückübersetzbares.

Die Glücksfeindschaft des offiziell kritischen Gedankens wird nicht angestrebt, und so ist das Anachronistische, die Ketzerei das innerste Formgesetz bester Schrift. Denn: An der Sache wird durch Verstoß gegen die Orthodoxie des Gedankens sichtbar, was unsichtbar zu halten insgeheim deren objektiven Zweck ausmacht.

II

Daraus folgt, daß eine zweite Unmittelbarkeit anzustreben ist: das Menschliche, die Sprache selber scheint, als wäre sie noch einmal die Schöpfung, während alles Auswendige im Echo der Seele verklingt. Die spezifische Paradoxie des sprachlichen Gebildes, die in Objektivität umschlagende Subjektivität, gebietet solches. Denn die Sprache ist selber ein Doppeltes. – In der industriellen Gesellschaft wird die sprachliche Idee der sich wiederherstellenden Unmittelbarkeit, wofern sie nicht ohnmächtig romantisch Vergangenes beschwört, immer mehr zu einem jäh aufblitzenden, in dem das Mögliche die eigene Unmöglichkeit überfliegt.

III

Je weniger die Satzzeichen, isoliert genommen, Bedeutung und Ausdruck tragen, je mehr sie in der Sprache den Gegenpol zu den Namen ausmachen, desto entschiedener gewinnt ein jegliches unter ihnen seinen physiognomischen Stellenwert, seinen eigenen Ausdruck, der zwar nicht zu trennen ist von der syntaktischen Funktion, aber doch keineswegs in ihr sich erschöpft.

Gleicht nicht das Ausrufezeichen dem drohend gehobenen Zeigefinger? Sind nicht die Fragezeichen wie Blinklichter oder ein Augenaufschlag? Doppelpunkte sperren den Mund auf: weh dem, der sie nicht füttert. Das Semikolon erinnert optisch an einen herunterhängenden Schnauzbart; stärker noch empfindet mancher seinen Wildgeschmack. Dummschlau und selbstzufrieden lecken die Anführungszeichen sich die Lippen.

Alle sind Verkehrssignale; am Ende wurden diese ihnen nachgebildet. Ausrufezeichen sind rot, Doppelpunkte grün, Gedankenstriche befehlen Stopp. Aber es war der Irrtum nicht nur der besagten Schule, sie darum mit Zeichen der Kommunikation zu verwechseln. Vielmehr sind es solche des Vortrags; sie dienen nicht beflissen dem Verkehr der Sprache mit dem Leser, sondern hieroglyphisch einem, der im Sprachinneren sich abspielt, auf ihren eigenen Bahnen. Überflüssig darum, sie als überflüssig einzusparen: dann verstecken sie sich bloß.

– Vielleicht ist aber die Idiosynchrasie gegen Satzzeichen, die vor etlichen Jahren sich regte und der kein Aufmerksamer sich ganz entziehen wird, gar nicht so sehr Auflehnung gegen ein ornamentales Element, wie daß darin sich niederschlägt, wie heftig Musik und Sprache auseinanderstreben.

Das geschichtliche Wesen der Satzzeichen kommt daran zutage, daß an ihnen genau das veraltet, was einmal modern war. Ausrufezeichen sind unerträglich geworden als Gebärde der Autorität, mit der jeder Blödel von außen her einen Nachdruck zu setzen versucht, den die Sache nicht selbst ausübt, während das musikalische Seitenstück zum Ausrufungszeichen, das Sforzato, heute noch so unentbehrlich ist wie zu Beethovens Zeiten, als es den Einbruch subjektiven Willens ins musikalische Gewerbe markierte. –

Zu den Verlusten, mit denen die Interpunktion am Sprachzerfall teilhat, rechnet der des schräggestellten Strichs, wie er etwa Verse einer Strophe voneinander sondert, die in einem Prosastück zitiert sind. Die Fähigkeit, physiognomisch dessen Differenz zu den Ersetzungen wahrzunehmen, ist jedoch die Voraussetzung für jeglichen angemessenen Gebrauch der Satzzeichen.

Die drei Punkte, mit denen man in der Zeit des zur Stimmung kommerzialisierten Impressionismus Sätze bedeutungsvoll offen zu lassen liebte, suggerieren die Unendlichkeit von Gedanken und Assoziationen, die eben der Schmock nicht hat, der sich darauf verlassen muß, durchs Schriftbild sie vorzuspiegeln.

Anführungszeichen soll man nur dort verwenden, wo man etwas anführt, beim Zitat, allenfalls wo der Text von einem Wort, auf das er sich bezieht, sich distanzieren will.

Durch das Opfer der Periode, durchs Semikolon angezeigt, wird der Gedanke kurzatmig. Die Prosa wird auf den Protokollsatz, der Positivisten liebstes Kind, heruntergebracht. Mit dem Verlust des Semikolons fängt es an, mit der Ratifizierung des Schwachsinns durch die von aller Zutat gereinigte Vernünftigkeit hört es auf.

Die Klammer nimmt die Parenthese aus dem Satz ganz heraus (im Gegenteil zu Gedankenstrichen), schafft gleichsam Enklaven. Ein Unterschied, der etwas – was bloß? – bedeutet.

Den Satzzeichen gegenüber befindet manch Satzzeichner sich in permanenter Not; das blinde Vertrauen ihnen gegenüber wäre illusionär, weil es vom bloßen Mittel erwartete, was einzig von Sprache und Sache selber geleistet werden kann. Jedenfalls wird heute wohl der am besten fahren, der an die Regel: besser zuwenig als zuviel, sich hält. Jedes behutsam vermiedene Zeichen ist die Reverenz, welche Schrift dem Laut darbringt, den sie erstickt. – Ja die Satzzeichen nie waren sie so wertvoll wie heute; – das genau wäre wohl dann doch nicht die richtige Schlußfolgerung …

IV

Der sprachlich Naive schreibt das Befremdende an Texten mit Fremdwörtern den Fremdwörtern zu, die er überall dort verantwortlich macht, wo er etwas nicht versteht. Schließlichgeht es vielfach um die Abwehr von Gedanken, die den Wörtern zugeschoben werden: der Sack wird geschlagen, wo der Esel gemeint ist.

Die Diskrepanz zwischen Fremdwort und Sprache kann in den Dienst des Ausdrucks der Wahrheit treten. Sprache hat teil an der Verdinglichung, der Trennung von Sache und Gedanke. Der übliche Klang des Natürlichen betrügt darüber. In dem Fremdwort steckt der Sprengstoff von Aufklärung, in seinem kontrollierten Gebrauch das Wissen, daß Unmittelbares nicht unmittelbar zu sagen, sondern nur durch alle Reflexion und Vermittlung hindurch noch auszudrücken ist.

Aber: Noch wo die Fremdwörter objektiv richtig klingen, muß man spüren, was ihnen in der gegenwärtigen Gesellschaft widerfährt.

V

Das Leidwesen aber liegt im richtigen Konjunktiv. Nicht daß man nicht auch mal einen richtigen Konjunktiv verwenden könnte, wenn er einem unterkommt, aber das Elend ist der emphatisch richtige Konjunktiv, die emphatische grammatikalische Richtigkeit, das emphatische korrekt Im Bild Bleiben, das Die Stilblüte Meiden, dieser ganze Krampf von Sprachkritik, der mit Pedanten-Akribie am Feuilleton und am Politikergewäsch rum enttarnt, um zu beweisen: schlechtes falsches Deutsch.

Dieser trostlose Sprachkritikkomplex also, der jeden etwas mehr als durchschnittlich Bei Sinnen-Menschen, eine Zeitlang, plagt, aber mit dem man doch bitte nicht lebenslänglich hausieren geht, weil der Feind nicht das fasche Deutsch, sondern das falsche Denken ist.

Nichts liest sich so gut, wie ein herrischer Tagesbefehl vom Führer, eine gestoßene NS-Propaganda-Rede, oder die rechtsradikalen FAZ-Kommentare oder Welt-Feuilletons: alles strotzend von Menschenverachtung, Täuschung, Lüge, Fehler, alles geradezu atemberaubend korrektes Deutsch.

VI

Keine Verbesserung ist zu klein oder geringfügig, als daß man sie nicht durchführen sollte. Von hundert Änderungen mag jede einzelne läppisch und pedantisch erscheinen; zusammen können sie ein neues Niveau des Textes ausmachen.

Nie darf man kleinlich sein beim Streichen. Länge ist gleichgültig und die Furcht, es stehe nicht genug da, kindisch.

Gerade wer der Dummheit des gesunden Menschenverstandes keine Konzession machen will, muß sich hüten, Gedanken, die selber der Banalität zu überführen wären, stilistisch zu drapieren.

Die Besonnenheit, die es verbietet, in einem Satz zu weit sich vorzuwagen, ist meist nur Agent der gesellschaftlichen Kontrolle und damit der Verdummung.

Der Schriftmensch darf auf die Unterscheidung von schönem und sachlichem Ausdruck sich nicht einlassen. Wer unter dem Vorwand, selbstvergessen der Sache zu dienen, von der Reinheit des Ausdrucks abläßt, verrät damit immer auch die Sache.

Anständig gearbeitete Texte sind wie Spinnweben: dicht, konzentrisch, transparent, wohlgefügt und befestigt. Sie ziehen alles in sich hinein, was da kreucht und fleucht. Metaphern, die flüchtig sie durcheilen, werden ihnen zur nahrhaften Beute. Materialien kommen ihnen angeflogen. Die Stichhaltigkeit einer Konzeption läßt sich danach beurteilen, ob sie Zitate herbeizitiert.

In seinem Text richtet der Mensch sich häuslich ein. – Aber das war einmal

VII

Man wird als Schriftsteller die Erfahrung machen, daß, je präziser, gewissenhafter, sachlich angemessener man sich ausdrückt, das literarische Resultat für um so schwerer verständlich gilt, während man, sobald man lax und verantwortungslos formuliert, mit einem gewissen Verständnis belohnt wird.

Belohnt wird der vage Ausdruck statt die Anstrengung des Begriffs.

Erst das Sprechen, das die Schrift in sich aufhebt, befreit die menschliche Rede von der Lüge, sie sei schon menschlich

VIII

Am Anfang ist das Papier wüst und leer, oder: Des Bürgers Weiße Weste ist des Dichters Rotes Tuch. Diese Wüste schreit für ihn nach ein paar Klecksen Poesie, etwas Lebendiges soll her. Ob’s ein Junge oder Mädchen wird: Egal, jedenfalls eine Hausgeburt, hier an meinem Schreibtisch. Und DA! Da kommt es! Kopfüber kommt’s heraus: Und ein Gedicht ist in der Welt, komplett von allem Anfang an. Und lernte, daß, eine barocke Wendung zu gebrauchen, Sprache selber redet.

Und so lernt noch heute, verurteilt im Namen der Sprache zum lebenslänglichen Mißgebräuchel und hilflosreichen Sprachekrakel. Meine schöne sprch, mein scho:n dt. Sprch: Hin in aktu:llen lektu:ren.