. . . und sonntags Kommunist

Hermann L. Gremliza war Kommunist.
Die liberale Gesellschaft verachtete er zutiefst.
Er hielt es mit dem marxistischen Philosophen
Georg Lukács, für den selbst der schlechteste
Sozialismus noch besser war als der beste
Kapitalismus. Doch in einem entscheidenden
Punkt stand Gremliza stets konsequent gegen
seine Genossen: Er war ein geschworener Feind
jedes Antisemitismus, einschließlich des Anti-
zionismus. »Israel ist der Staat, dessen ganzer
Zweck der Schutz jüdischen Lebens ist«,
schrieb er einmal.

Seine sprachkritischen Glossen wirkten als Impfstoff gegen Phrasen
aus allen politischen Lagern; auch aus dem eigenen. Nachdem der
kommunistische Dichter Peter Schütt 1978 mit der Behauptung
hervorgetreten war, dass er in Moskau auf dem Roten Platz in der
Empfangshalle des Weltproletariats eine stumme Zwiesprache mit
dem Genossen Lenin gehalten habe, bescheinigte Gremliza ihm die
Verwendung von »lügenden Adjektiven und verlogenen Bildern eines halbbildungsbürgerlichen Sprachmülls«. Manche »konkret«-Leser
hielten diese Polemik damals für einen Verrat an der guten Sache, aber
während Gremliza sich treu blieb, konnte man einige Jahre später
verfolgen, wie der Genosse Schütt sich vom Weltproletariat abwandte
und seine Neigung zum Islam entdeckte.

Die Liste der Redakteurinnen und Redakteure, der Volontäre, Praktikantinnen und Praktikanten, die für Konkret gearbeitet haben, um dort etwas von Gremliza zu lernen, ist lang. Sie wollten auch zu der damals wie heute einzigartigen und höchst heterogenen Zeitschrift beitragen, in der auf Grundlage eher orthodox kommunistischer Positionen Ansätze der Behindertenbewegung, unterschiedliche feministische Theorien, autonome und anarchistische Konzepte und auch linksökologische Strömungen diskutiert wurden, um nur einige zu nennen.
Für manche sind die Wochen, Monate und manchmal Jahre bei Konkret ­eine Marginalie in ihrer Vita geblieben, für andere haben sich durch oder sogar in Konkret neue Perspektiven ergeben. Als Herausgeber war Gremliza jemand, der gerne Möglichkeiten eröffnete – und vergleichsweise selten eine klare Trennung vollzog. 

* * * * *

Jetzt hat der Leser, hat die Leserin wieder ein Jahr Sonntagsfrühstück vor sich, und vielleicht sogar wieder eins ohne Sommerpause, und wer immer findet, dass ich mal eine hätte machen sollen, der wisse, dass mir meine Idiosynkrasien sogar im Schlaf erscheinen; und ich tatsächlich geträumt habe, ich hätte rote New Balance-Turnschuhe an, und zwei Gedanken parallel hatte: dass das gut aussieht und eigentlich nicht geht.
Dazu muss man wissen (und weiß man aber, wenn man allsonntäglich „dran“ geblieben ist), dass mir ein waches oder mag sein paranoides Empfinden für zeitgenössische Uniformierungen eignet, weil nämlich die Individualität, um die die freie Welt und dieses wunderbar freie Land herumgebastelt sind, meistenteils darin besteht, dass alle ohne weiteres das machen, was alle machen, und das Nachmachen machen gerade die, die sich auf ihre Übersicht Gott weiß wieviel zugute halten.

 

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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