Nachklänge zum antisemitischen Anschlag Halle

Hanning Voigts, Frankfurter Rundschau (gekürzt)
Ein rechter Terroranschlag ist weder „unvorstellbar“ noch ein „Alarmzeichen“. Alarmierend ist aber, wie konsterniert die Politik auf Halle reagiert.
Viele Reaktionen aus Politik und Medien belegen nämlich, wie schlecht die deutsche Gesellschaft nach wie vor aufgestellt ist, um dem Terror von Rechts die Stirn zu bieten.
Man kann die Unfähigkeit (oder gar den Unwillen?), sich der mörderischen Gegenwart von militantem Antisemitismus und Naziterror zu stellen, an zwei Zitaten ablesen. Bundespräsident Steinmeier sagte in Leipzig, ein Angriff auf eine vollbesetzte Synagoge in Deutschland sei für ihn „unvorstellbar“ gewesen. Man möchte das Staatsoberhaupt bei allem Respekt fragen, ob es die letzten Jahre hinter dem Mond gelebt hat.
Diese Frage geht übrigens auch an die Polizei in Sachsen-Anhalt: Warum war die Synagoge in Halle nicht besser geschützt? Weil ein Anschlag „unvorstellbar“ war?
Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ließ ein Statement verbreiten, in dem sie den Anschlag als „Alarmzeichen“ bezeichnet. Ihr möchte man zurufen: Ein Terroranschlag ist kein Alarmzeichen. Alarmzeichen, das sind Schilderungen von Juden, die angespuckt und geschlagen werden, die auf dem Schulhof beschimpft werden, die im Alltag ihre Kippa oder ihren Davidstern verbergen. Die sich fragen, warum ihre Kinder hinter Stacheldraht in den Kindergarten gehen. Wer offene Ohren hat, hört diese Berichte seit vielen Jahren.
Und noch ein Wort, das am Tag des Anschlags leider wieder sehr beliebt war, beweist, dass Medien, Sicherheitsorgane und Gesellschaft weit davon entfernt sind, die aktuelle Bedrohung überhaupt nur zu begreifen. Es lautet: Einzeltäter.
Dabei war der Mörder von Halle ebenso wenig ein Einzeltäter wie der hessische Neonazi, der mutmaßlich den Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen hat. Selbst wenn der Mann sich seine Waffen allein besorgt hat: Er ist offensichtlich Teil des völkischen Diskurses von „Großem Austausch“, „Überfremdung“, „Volkstod“ und „Soros-Verschwörung“, der in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks nicht mehr nur in der klassischen Neonazi-Szene gepflegt wird, sondern auch von manchem AfD-Politiker in die Talkshows getragen wird und sich über Webforen und Imageboards längst transnational organisiert.
Es spricht einiges dafür, dass der Täter von Halle mit seiner Kamera auf dem Helm auf den Beifall genau jener weltweiten, rechtsextremen Netzszene abzielte, die bereits die ideologische Heimat des Attentäters im neuseeländischen Christchurch war. Und wie dieser dürfte auch der Täter aus Halle darauf hoffen, mit seinem Mordvideo weitere Attentäter zu motivieren.
Viel wird in den kommenden Wochen davon die Rede sein, dass man Judenhass und Rechtsradikalismus jetzt entschiedener bekämpfen müsse. Doch Zweifel sind angebracht, ob die deutschen Sicherheitsbehörden mit ihrem letztlich noch aus RAF-Zeiten stammenden Terrorismusbegriff und die deutsche Gesellschaft mit ihrer fatalen Blindheit für die lange Geschichte des Rechtsterrorismus seit 1945 und ihrem Hang zur Verharmlosung des Antisemitismus willens und in der Lage sind, diesen Kampf anzutreten.
Es gibt noch so eine Floskel, die man nach rechten Anschlägen oft lesen muss. Sie lautet „Wehret den Anfängen“. Solange Deutschland sich 2019 der Illusion hingibt, es gelte nur, irgendwelchen Anfängen zu wehren, hat dieser wichtige Kampf noch nicht einmal begonnen.

Christian Bangel, DIE ZEIT
Es heißt, der Täter von Halle sei Einzeltäter. Das darf nicht verschleiern, dass er Erzählungen benutzte, die auch von Rechtspopulisten in Talkshows vorgetragen werden.

Nach dem Anschlag auf eine Synagoge mitsamt tödlicher Schüsse hat die Polizei eine Spezialeinheit eingesetzt. Erfahrenes Personal aus allen Sicherheitsbehörden des Bundes und der Länder sollen die Ermittlungen leiten und mit ihrer Erfahrung dafür sorgen, dass doch noch ein rechtsradikaler Hintergrund ausgeschlossen werden kann.

 

Micky Beisenherz, via Facebook: „Wissen wir, ob der Mann ein „Einzeltäter“ war?
Oder doch Teil eines rechten Netzwerks?
Für die Tat von Halle erscheint mir all das aber gar nicht entscheidend,
denn in einem gesellschaftlichen Klima, in dem jemand wie Andreas
Kalbitz vielen Menschen als Ministerpräsident wählbar erscheint,
wähnen sich Ein-Mann-Milizen wie der Attentäter von Halle auf sicherem, gesellschaftlich legitimierten Grund.“
Ein kurzer Text zu #Halle. Über das, was wir wissen. Was ich zu wissen glaube.
Und die Ehrlichkeit im „nie wieder!“

Markus Feldenkirchen, via Facebook
Was für ein armseliger deutscher Mensch! Steht da, den Holocaust leugnend, in Armee-Outfit und mit Helmkamera vor der Synagoge in Halle, will jüdische Mitbürger an Yom Kippur hinrichten – und nur weil er am Eingangsschloss scheitert, tötet er frustriert an anderen Orten.
Wie entstehen solche Biographien?
Natürlich muss man über politisches Versagen reden, aber es gibt auch ein Versagen im Privaten. Dieser Mensch hatte Familie, hatte Freunde, Nachbarn, vermutlich auch Kollegen. Jeder von denen trägt eine gewisse Mitschuld, weil sie in der Vergangenheit gewiss Zeugen von menschenfeindlichem Gerede wurden – und vielleicht nicht energisch genug widersprochen oder eben keinen Hinweis an die Behörden gegeben haben, dass hier ein neuer Möchtegern-Hitler heranreift.

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Hier fällt die richtige Oberflächenkritik auf,
die nichts, gar nichts erklärt, erklären kann. Bürgerliches 
Streben ohne Kenntnis kritischer Sozialforschung.
Letztlich damit gemeint: ALLES GUT, WEITER SO.

 

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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