Matterhorn und Wolkmann

Ende Juli 1969 bricht Adorno mit seiner Frau Gretel in den Sommerurlaub in die Schweiz auf. Es liegen anstrengende Tage und Wochen hinter ihm. Mit Herbert Marcuse war es zu einem heftigen Streit über die Haltung zur Studentenrevolte gekommen. Im Sommersemester hatte Adornos Vorlesung aufgrund von permanenten Störaktionen abgebrochen werden müssen. Einige Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes Frankfurt hatten Ende Januar das Institut für Sozialforschung besetzt, und Adorno hatte es polizeilich räumen lassen. Sein Student Hans-Jürgen Krahl wurde als Rädelsführer verhaftet. Unmittelbar vor der Abfahrt war es zum Prozeß gekommen, in dem Adorno gegen ihn aussagen mußte. „Nach dem Staatsanwalt stand der ehemalige Schüler auf“, berichtet ein Zeitgenosse, „und nahm den Zeugen ins Kreuzverhör. Ob er sich wirklich bedroht gefühlt habe, wollte er wissen, und was er eigentlich gesehen habe, das ihn veranlaßte, die Polizei zu rufen? Studenten, die heranmarschierten. In Reih und Glied? Nein, das nicht, aber … ein skurril-bösartiger Dialog.“ All das setzt Adorno zu. In den Bergen sucht er nun Erholung und Zerstreuung, denn er hat in den kommenden Monaten viel vor. Eine Reise nach Venedig, wo er auf einer Tagung über die Kritische Theorie der Kunst referieren soll, steht für September auf dem Programm. Gershom Scholem hat ihn nach Israel eingeladen, außerdem sind Rundfunkauftritte geplant. Vor allem aber schreibt er an seiner „Ästhetischen Theorie“, die er in den nächsten Monaten abschließen will. Anders als in den vergangenen Jahren geht es dieses Mal nicht nach Sils Maria in Graubünden, ins berühmte Hotel Waldhaus, wo sich schon Friedrich Nietzsche, Hermann Hesse, Thomas Mann und Friedrich Dürrenmatt wohlfühlten. Gretel schmeckt das Essen dort nicht, auch die anderen Gäste sind ihrer Laune abträglich. Also reist das Paar ins Hotel Bristol nach Zermatt, zum Matterhorn, das der angeschlagene Philosoph in der „Ästhetischen Theorie“ das „Kinderbild des absoluten Berges“ nennt, „wie wenn es der einzige Berg auf der ganzen Welt wäre“. Hier will er sich von den Frankfurter Strapazen erholen. „Lieber Fred“, schreibt er am 25. Juli 1969 an Friedrich Pollock  . . . (Weiterlesen bei SINN UND FORM)

Als Horkheimer und Pollock 1958 / 59 ins schweizerische Montagnola zogen, wurde Adorno zum Institutsleiter ernannt. Als public intellectual und geschätzter Hochschullehrer vertrat er weiter die Frankfurter Schule, die einen nicht eben kleinen Beitrag zur „intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“ leistete. Oft wünscht man sich, er könnte noch das Wort ergreifen.

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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