Früher war „Amateure“ ein Schmähruf

POKALAMATEURE

Was ist Professionalität*

Professionalität? Auf den ersten Blick durchaus etwas Positives. Etwas, das sich absetzt vom amateurhaften, dilettantischen Agieren. Professionalität kommt nicht aus dem Bauch, sie scheint es eher mit dem Kopf zu haben. Kühle Sachlichkeit, überlegene Rationalität, gekonntes Handwerk – das alles gut gemischt, mit einem Schuß Erfolg garniert, und schon haben wir sie: die Professionalität, und: den Profi.
Profis stehen im allgemeinen hoch im Kurs, sowohl bei den Fans wie auch bei der Bezahlung. Von Profis erwartet man, daß sie ihr Bestes geben für den, der sie angestellt hat. Sie brauchen sich nicht zu identifizieren mit ihrem Verein, ihrem Arbeitgeber, nein, sie sollen 90 Minuten – Profis in anderen Branchen länger – alles geben, danach zählt erst wieder der nächste Einsatz. Solche Professionalität ist in unserer Gesellschaft hoch anerkannt. Sie bezeichnet ein Verhalten, welches gesellschaftlich erwünscht und gefördert wird. Derjenige, der sich professionell verhält, sammelt die Lorbeeren, welche als Erfolg wiederum auf jede professionelle Einstellung zurückstrahlen. Professionalität ist die Tugend der Leistungsgesellschaft, ist das in den marktwirtschaftlichen (früher auch: kapitalistischen) Alltag beförderte Prinzip bürgerlicher Rationalität. Der Profi trägt die Ware Arbeitskraft so zu Markte, wie der es sich vorstellt. Professionalität hat einen guten Klang innerhalb einer Mentalitätsstruktur, welche außer den Tauschwert keinen anderen mehr kennt.
Wer braucht Professionalität? Wer braucht eine Einstellung, ein Verhalten, eine Mentalität, die nicht über eine gemeinsame Sache vermittelt ist? Wir kennen zum Beispiel den Profi-Killer, der seine Sache versteht, von der Sache, um die es bei seinem Mord geht, jedoch nichts zu wissen braucht, ja, nichts wissen sollte. Professionalität, die bei ihm gesucht wird, ist abgekoppelt von ihrem Zweck. Sie ist ein gegen ihr Ziel blindes Mittel. Der Profi verübt sein Handwerk ohne innere Beteiligung, ohne Liebe, ohne Haß, nach Maßstäben einer bloß formalen Logik, einer instrumentellen Vernunft, sachlich, kühl, professionell.
Das aber bringt die Tugend der Professionalität auch in die Kritik. Der Polit-Profi zum Beispiel ist derjenige, der ohne Bindung an den eingebildeten Souverän eine Legislaturperiode lang nur noch seiner Karriere verpflichtet ist. Das nehmen altmodisch meinende Menschen übel, welche manchmal den Profis, manchmal aber auch den Amateuren zujubeln. Aber die einen sind eben nicht ohne die anderen.
Was also schlußfolgern wir: Professionalität berührt nicht eines der Ideale, welche sich die bürgerliche Gesellschaft (oder die sozialistische) auf die Fahnen geschrieben hat. Schon gar nicht streift sie den Horizont von Humanität und Aufklärung. Eigentlich bezeichnet sie eine Killer-Mentalität, der nichts heilig, aber auch nichts profan ist. Sie ist geradezu eine Errungenschaft der bürgerlich-kapitalistischen Welt. Wahre Professionalität, welche immerhin vorstellbar ist, hätte – wahlweise: wird haben – einen ganz anderen Namen.
(In der Seitennavigation bei ‚Krisen + Kritiken‘, ein Text aus einem anderen Jahrhundert)

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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