Sympathie with Life 4 all

Seit heute im Kino. – Die Sympathisanten galten als Mittäter. Die Hysterie war ein Fressen für die Medien, ein Event nach dem anderen von der und für die Springer-Presse. Berufsverbote. Der Film changiert zwischen dem Schaltjahr 1968, zwischen den Alt-68ern, zwischen Familie und dem, was inzwischen Filmgeschichte geworden ist. Regisseur Felix Moeller lässt in seinem Dokumentarfilm seinen Stiefvater Volker Schlöndorff (»Die verlorene Ehre der Katharina Blum«, 1975) und seine Mutter, die Sympathisantin Margarethe von Trotta (»Das zweite Erwachen der Christa Klages«, 1978), zu Wort kommen. Sie liest aus ihren Tagebüchern der RAF-Zeit vor. Neben ihr erinnern Filmausschnitte und Statements an den Herbst von damals. 40 Jahre danach treffen im Film Sympathisanten und (heute sympathisch wirkende) Täter zusammen. Einer wie Karl-Heinz Dellwo hatte 21 Jahre im Knast verbracht (wegen des Anschlags auf die deutsche Botschaft in Stockholm). Einige reden wie alte Herren: »Heute bin ich für die CDU. Für die Merkel.« Tja. So läuft’s auf dem Klassentreffen. – – – Die Frage, was junge Leute von heute mit den Siebzigern anfangen können. Ich ahne die Antwort: »Keine Ahnung!« Hallo? – – – Die klassische Dokumentarfilmästhetik lässt das Thema in der Vergangenheit ruhen.

Ich war 77 16 und ging aufs Ratsgymnasium Osnabrück, die zweitälteste Schule der Friedensstadt. Von der frisch gegründeten Uni kamen gescheite Referendare, und es gab schon Lehrer der Geisteswissenschaften, die Herbert Marcuse, Uwe Timm oder Ernst Bloch empfahlen. In der Martinistraße nebenan gab es den Autonomiebuchladen, und damit genau das, was ich als Junge zur Befreiung brauchte. Mein familiäres Umfeld war komplett sozialdemokratisch und gewerkschaftlich, was aber heißt, regelkonform und ‚Unsere da oben machen das schon‘. Null Diskussion in meinem engen Alltag. Ich seh die Familie noch im Wohnzimmer am Fernseh die Köpfe schütteln über die Attentate. Über Gründe wurde nie nachgedacht. Die gewerkschaftliche Sozialdemokratie war komplett mit dem Staat einverstanden, besonders mit Kaiser Wilhelm Schmidt. Ich dagegen war Sympathisant der RAF. Ich las Böll, Marcuse, Timms Heißen Sommer, den Hannoveraner Politikprofessor, Tucholsky und andere Sympathiesanten bei revolutionärer Musik. Bis heute eigentlich. Aber man sollte die Welt nicht nur lesen, sondern auch verändern!

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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