Laufzeit: 26.1.-1.2.2018 / Chicago / Home of Future als Zukunftstraum / Dream on

Kunsthalle Münster
Isa Genzken: Chicago Drive, 1992, 26:40 min.
Video transfered from 16mm film, colour, sound
Camera: Ray Wang
Courtesy Galerie Buchholz (Berlin, Cologne, New York)
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Suche nach der verlorenen „Funkyness“ der 1970er und 1980er Jahre?

Chicago, 1833 gegründet, ist die drittgrößte Stadt der USA. Lag Chicago früher auf Augenhöhe im Wettstreit mit New York, ist die Stadt seit den 1990er Jahren mit schrumpfender Einwohnerzahl als amerikanischer Sehnsuchtsort eher deplatziert. Dabei übertrifft sie New York jedoch als Metropole der Gegensätze, nicht nur klimatisch mit noch schwüleren Sommern und eisigeren, schneereicheren Wintern, sondern auch sozial und gesellschaftlich in den ungelösten Widersprüchen aus höchstem Wohlstand und hoffnungsloser Armut trotz harter Arbeit. Wirtschaftlich ist Chicago traditionell einer der Haupthandelsplätze in den USA, vor allem für Rohstoffe. So galt die Stadt seit dem Ausbau der Eisenbahn auf dem Kontinent als „Tor zum Westen“. Nach einem verheerenden Brand 1871 erfolgte eine Wiederaufbauphase, die neue Konstruktionsweisen und Materialien hervorbrachte. Diese sollten den horrenden Grundstückspreisen und knappen Bebauungsflächen in der rasant wachsenden Stadt Rechnung tragen und zukünftigen Katastrophen standhalten. Bereits in den 1880er Jahren wurde Beton verwendet, die ersten Stahlskelettbauten entstanden und mit einem Vorläufer der gläsernen Vorhangwandkonstruktion war Chicago Geburtsort der Wolkenkratzer sowie des globalen „International Style“ überhaupt. Das heute weltbekannte innere Wolkenkratzerareal bedeckt ca. sechs Quadratkilometer, rund ein Prozent der Stadtfläche Chicagos.

„Chicago Drive“ ist ein professionell aufgenommener und dennoch amateurhaft anmutender 16mm Farbfilm, der sich vordergründig mit der berühmten Architektur Chicagos auseinandersetzt. Mit der Handkamera gefilmt fängt er in knapp einer halben Stunde Fassaden der Skyline, gläserne Atrien, aber auch leere Straßen und triste Hinterhöfe ein. Hin und wieder huschen Passanten durch das flackernde und zittrige Bild. Mal gleitet die Welt vorbei, mal verweilt sie, mal dreht sie sich im Kreis. Immer ist der Blick der Kamera mehr neugierig als dokumentarisch, mehr ortsunkundig suchend als darstellend und entwickelt dabei eine Matrix, die gleichermaßen repräsentierend wie abstrakt erscheint. Dazu passt ein disruptiver Soundtrack: dramatische Chormusik, die plötzlich innehält, ein Piepton wie eine Fehlermeldung, Stille, Ambientsound, Detroit Juniors Modern Piano Electric Chicago Blues „Somebody To Shack“ (1980) und schließlich Luther ‚Guitar Junior‘ Johnsons „Got To Have Money“ (1980). Stets bleibt ungewiss, was als nächstes kommt. Alles wirkt brüchig in dieser ätherisch kalten, blaustichigen Welt, die einem Polaroid gleich zu verblassen droht – die Erinnerung an eine Zeit, deren Faszination noch nachhallt, wenngleich sie schon in den fotografischen Modus des Damals eingetaucht ist. (Ausschnitt aus dem Saaltext: Marcus Lütkemeyer)

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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