Hinrich Braves kritischer Skulpturenclub

Nur Bahnhof verstehen, das ist das Glück.
Hinrich Brave, Universalkolumnist

Natürlich, die meisten älteren Menschen, die ich an den Skulpturen und rund ums LWL-Museum bisher gesprochen habe, sind enttäuscht. Wie ich. Mit älter meine ich diejenigen, die spm97 und/oder gar spm87 schon vor Ort erlebt haben. Alle begeistert von echtem Material (Stahl/Serra, Automedien/Nam June Paik, Pyramiden und Klötze/So Lewitt, historischer Münsterbezug/Buren, Baumgarten, Horn et al.) und wirklich hingesetzter Dreidimensionalität, oder diese mir noch konkret bekannte Geschichte von unten sichtbar gemacht (Paul Wulf/Silke Wagner). Heute wackeln die Felsen (Nietzsches Rock) oder der schöne Granit von Lara Favaretto am Ludgerikreisel ist ausgehöhlt wegen – was Wunder! – der Schieflage der Menschheit (also nur Momentary Monument) zu einer Spendenbüchse für Menschen in Auslieferungshaft. In gleicher Weise bietet Peles Empire nur Fassade statt Standhaftigkeit, und der Tempel von Thomas Schütte ist so mickrig geraten, daß auch kein älterer Kunstinteressierter, der noch über einen kompakten Skulpturbegriff verfügt, dran glauben kann.
Nein, heute muß man Smartphones auf QCR-Codes auf Poster halten, um dann in der Sonne Videofilmchen gucken zu müssen. Oder man muß in drei Stationen vom Teelicht zum W-Lan, also aus der berühmten beuysfettigen Unterführung am heute umbenamten Hindenburgplatz zum häßlichen Sendemast weit außerhalb der Stadtöffentlichkeit. Das ist – wie auch alle (alle!) Performances – den älteren Kunstinteressierten nicht vermittelbar als Skulpturen-Kunst. Aber: Kunst ist heute ja alles im beschleunigten Zuge ihrer Erweiterung, und wenn die Schattenskulptura – wirklich gar kein wirklich kritischer oder gar ansehlicher Versuch einer bewußten Antiskulptur – das Klo auf dem Aasee schippern läßt, ist das zwar lächerlich, hat aber doch einen Witz. Denn r e a d y  m a d e ist bei den aktuellen Skulptur Projekten gar nichts, der Laster von Bonin/Burr oder die zerschittene Wurst von Baghramian vorm Erbdrostenhof deuten an, daß nichts ernst gemeint ist: kommt sowieso alles wieder weg oder ist erst gar nicht fertig geworden (auch Odzuck, auch Huyghe). Selbst der grazienumwobene Brunnen von Nicole Eisenman, an die ewige Stadt gemahnend, ist auf Zusammenbruch gebaut mit den drei Gipsfiguren zuerst, aber auch die zwei Bronzefiguren sagen: Aus dem Wasser kommen wir, im Wasser werden wir uns auflösen.
Heiß ist es dagegen bei Oscar Tuazon (weit weg sein Burn The Formwork) und in der Elephant Lounge, wo Barbara Wagner und Benjamin de Burca schönste Schlager singen, unterlegt mit Bildern der Skulpturentraumwelt in Münster. Zwanzig Minuten Nostalgie im Film, träumen, darniederknien ob der Schönheit, hoffen & dauern: wie schön die: Skulptur Münster früher einmal war.
Sachliches Beleg: Stadtmuseum mit der akuten tollen Ausstellung von Berthold Socha.
Rationales Fazit: Bis auf die Performances, die ich persönlich dem Tanztheater zurechne und nicht der Skulptur im öffentlichen Raum, habe ich innerhalb von zwei Wochen viele Standorte auch mehrmals gesehen, mich bei den jeweiligen Aufsichten immer informiert und überhaupt mit vielen je am Objekt eben über jenes und allgemein den Eindruck des aktuellen Kunstdesasters gesprochen. Kurz: Viele Bildschirme, kaum pralles Handwerk, nur Fragen statt mal ein Antwortversuch oder ein selbstbewußtes kritisches Statement. Alles als vernichtende Kritik gemeint. Die Kunst gibt auf. War die Literatur oder auch vorher die Philosophie einmal die inzwischen auch verlorene Leit/d/kultur verbindlichen Schaffenwollens, so ist die beliebte temporäre Kunst im Sommer in Münster doch sehr temporär. Bloß ein Event? Was soll denn stehenbleiben? Keiner wußte eins. Ich auch nicht. Die Stärke dieser Skulptur Projekte Münster 2017 ist vielleicht die Bankrotterklärung der Kunst als Möglichkeit einer anschaulichen Facette zur Kritik dieser und zum Vorschein einer besseren Welt. –
Ich schalte deshalb immer wieder seit 1977 (erste Lektüre eines Großmeisters der Frankfurter während des Deutschen Herbstes der SPM) um zur kritischen Theorie Adornos und Horkheimers sowie ihrer aktuellen Fortführer in deren kritischem Sinn in allen Sparten der Reflexion. (Marginaler Marginalismus.) – Kaspar König, der geschätzte Permanentkurator, sagt wohl richtig, erst in fünf, sechs Jahren könne man die Werke von heute wirklich einschätzen. Ich denke aber, darin ist auch sein Zweifel über alles von ihm ja auch Gewählte ausgedrückt. –
Bald wieder Hamburger Tunnel (Emeka Ogboh, Passage Through Moondog). Dann neueröffnete Skulptur Hauptbahnhof Münster/Westf. Dann Wassertreten am Hafen. Ohne Käse. Mit Jörg. C-Side. Schön.

xDSCN4355

Habichtshöhe Antikunst

 

xDSCN4356

Habichtshöhe Antikunst

Hausbank.

Leezenskulptur ohne Lodenfahne

Kirschentag

Saucenskulptur Gurme

Mobile Kunstbetrachter

Rixe & Roll

Eins elf

Hauptstadt Zwei: Wegen Rad

Weltkulturerbe

Gold muß es schon sein

MS Aesthetik

The Future of Verwertungszwang

Schattenskulptur

Advertisements

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Kunst & Buch abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s