Zwischen Lesen und Leben

In den siebziger Jahren knüpfte der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann an den Gedanken von Max Frisch an und prägte die Forderung „Kultur für alle!“. Die neue Kultur, so schrieb Hoffmann, solle sich lösen von einer „Tradition, die den Kulturbegriff ausschließlich an die Institutionen der Kultur bindet, dem Museum, dem Theater …“, sie solle stattdessen herausführen auf die Straße, hin zum wirklichen Leben. Dazu solle ein „erweiterter Kulturbegriff“ (Hoffmann) an die Stelle der säuberlich zwischen Kultur und Politik trennenden Elfenbein-Kunst treten. Und hierfür sei es nötig, dass tendenziell jeder, egal wie gebildet oder vermögend er ist, Zugang zur Kultur bekommt. „Der traditionell kleine Kreis der Kenner muss zu einem großen Kreis der Kenner“ werden.

Was ist aus diesem engagierten Anspruch geworden? Sind Kunst und Kultur heute „für alle“? Nein, die Bilanz knapp 50 Jahre nach Hoffmanns basisdemokratischer Kulturoffensive fällt nüchtern aus, denn immer noch sind es überwiegend Bessergebildete, die Museen besuchen. Aktuelle Untersuchungen in den Museen Essens belegen, dass auch heute noch weniger als 1 Prozent der Museumsbesucher einen Hauptschulabschluss besitzen, gut 66 Prozent aber eine Fachhochschulreife oder ein abgeschlossenes Studium vorweisen können.
Zum Problem für viele Museen wird zudem, dass sie einem etwaigen Bildungsauftrag immer weniger gerecht werden können. Statt „Kunst für alle“ sind sie zunehmend eingebunden in den Funktionszusammenhang „Kunst als Stadtmarketing“, sollen also mit spektakulären Blockbuster-Ausstellungen eine Stadt oder Region interessant machen für Touristen. Über 70 Prozent der Museumsbesucher in Berlin sind mittlerweile Touristen. Und auch wenn es darum geht, für Spitzenkräfte der Wirtschaft ein interessantes Umfeld für sich und ihre Familien zu schaffen, gelten aufsehenerregende Kultureinrichtungen als schlagendes Argument.
Der Direktor des Kunstmuseum Bonn Stephan Berg hat dieses Problem so beschrieben: „Häuser, die nicht bei der Eventlogik mitmachen wollen oder können, drohen marginalisiert zu werden“. Kulturinstitute werden immer öfter unter dem Gesichtspunkt ihrer Wirtschaftlichkeit beurteilt und die Schließung „unrentabler“ Häuser gefordert, wie zuletzt im Fall des Leverkusener Museum Morsbroich. „Dem Haus wird das zum Vorwurf gemacht, was politisch zumindest früher erwünscht war“, nämlich: „relativ geringe Eintrittsgebühren“, sagt Berg. „Kunst für alle“ gerät als kulturpolitisches Ziel mehr und mehr in den Hintergrund. (Alles auf art-magazin.de)

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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