Du heißt

Er hatte kein Gedächtnis mehr, und
und jeden Morgen erwachte er ohne Erinnerungen,
jung wie ein grünes Blatt.
Jules Renard

Nachdem nun endlich mal alle über Antisemitismus reden, erzähle ich euch nun etwas über meine persönlichen Erfahrungen zum Thema als Unbeteiligte. Dass ich den Vornamen Sarah trage, ist allein der Tatsache geschuldet, dass ich Großeltern hatte, die sich nicht leiden konnten.
Sie waren nämlich beide dagegen. Meine Oma Maria fand es unmöglich, einem Kind einen „jüdischen“ Namen zu geben, weil sie zeitlebens dem „Führer“hinterherweinte. Meine andere Oma Ruth fand es auch untragbar, dass nun ausgerechnet die einzige Enkeltochter jenen Namen tragen sollte, den man ihr Jahre zuvor zwangsweise im Ausweis vermerkt hatte. Da waren sie sich einmal einig, die beiden Damen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Meine Eltern beugten sich dem und gaben mir einen anderen Namen, den ich hier nicht erwähnen möchte.

Ich habe erklärt und erklärt, mich rechtfertigt, dass ich gar nicht „jüdisch“ bin.
Gar keiner Religion angehöre. Konfessionslos. Egal, jüdische Verwandte, das wird doch vererbt, nicht wahr!
Rechtfertigen musste ich mich niemals für den Nazi-Zweig. Rechtfertigen musste ich mich für meinen Namen.
(…)
Inzwischen ist der Name Sarah auch nur noch ein Modename. Inzwischen ist mir auch bewusst geworden, dass leider zwischen all dem Verschweigen auf allen Seiten niemand mehr da ist, der mehr erzählen könnte. Und die ganze Rücksichtnahme meinerseits einfach nur ein riesengroßer Mist war. Und es absolut unzumutbar ist, dass ich mich jahrelang punktuell für etwas rechtfertigen musste, was ich nicht lebe.
(…)
Ich bin nicht mehr bereit dazu, nach 39 Jahren Lebenszeit über all das zu diskutieren. Ich möchte darüber reden, dass der Antisemitismus so tief in den Köpfen verhaftet ist, dass wir vermutlich noch mindestens 100 Jahre brauchen, um das zu ändern.

Der letzte, erinnere ich mich, macht`s Licht aus. Und
dann beißen ihn die Hunde.
Uli Becker

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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