Winnie-the-Fritz

Im neuen deutschland berichtet Robert D. Meyer sehr treffend von der allgegenwärtigen Bestürzung über den Tod des Eisbärjünglings Fritz. Wer die Bilder der Pressekonferenz sah, musste denken, hier wäre eben Historisches passiert, heißt es im Bericht. Alle waren gekommen: Reuters, das ZDF, N24, RTL und natürlich der rbb. Und ich habe gestern den herzergreifenden Bericht bei Brisant gesehen, in der NachmittagsARD. Immerhin ging es hier um eine Nachricht, die weit über Berlin hinaus für Aufmerksamkeit und Anteilnahme sorgte. Zumindest hatte es den Anschein, denn #fritz stand seit dem Vormittag deutschlandweit oben in den Twitter-Trends. Zwischen Vermenschlichung des Bären und wortloser Vernutzung des Huhns wird eine große Verdrängungsleistung des geringen gesellschaftlichen Verstands am zweifelhaften Begriff „Nutztier“ sichtbar gemacht.
„Tiere als leidensfähige Lebewesen erkennen“ (Facebookteilnehmerin) ist wohl eine gute Formulierung, schrieb ich dazu. Aber wie erfährt jeder das von Kind auf, wenn reale Tiere im Alltag fast auf Hund und Katz reduziert sind, im Plüschtierkinderzimmer die Exoten und Phantasiewesen die Herrschaft haben. Später macht die Werbung weiter mit lila Kühen, goldenen Bären oder eßbaren Pinguinen. Die Antwort meiner Diskussionspartnerin: „Das Problem ist auf die Entindividualisierung der Tiere zurück zu führen. Welches Kind weiß schon, aus was genau eigentlich eine Frikadelle, oder ein Schnitzel ist? Welches Kind (oder Erwachsene_r) weiß, dass eine Kuh nicht einfach so immer Milch gibt, sondern dafür ein Kalb gebären muss? In der Regel hat man das fertige Produkt auf dem Teller und der Gedanke, dass dies mal zu einem Tier gehörte, wird durch die Verbraucher_innentäuschende Werbung verdrängt.“ (Facebookteilnehmerin)
„Entindividualisierung“ ist ganz treffend, antwortete ich, dann kommt die Vernutzung. Von der (normalen) Nahrungskette zur kapitalen Kühltheken-Verwertung, bei der mehr als ein Drittel der „Produkte“ weggeworfen werden muß. Bin auf dem Dorf aufgewachsen und kannte fast wirklich persönlich jedes Tier und Tierprodukt, das mich groß gemacht hat. Auch so Sträucher, aus denen Brot und Bier gemacht wurde. Denke schon, daß ‚moderne Erfahrungslosigkeit‘ mit diesem emotionalen Cut zwischen einem zu einem Plüschtier gemachten Fritz und einer fertigverpackten Hühnerbrust zu tun hat.

Möchte obiges hier persönlich ergänzen: Bei uns liefen ein Dutzend Hühner, ein Hahn, ein paar Enten und Gänse und Truthähne frei herum, auch immer zwei Schweine – und ein paar Kaninchen im Stall. Als mein Opa, der mit Oma gut fünfundzwanzig Jahre lang als Renter diese Nebenerwerbslandwirtschaft mit Vieh rund ums Haus nicht mehr betreiben wollte wegen des immer wiederkehrenden Schlachttermins (Holzbock und Beil, wegen der Schweine kam ein Schlachter), gab es keinen Nachfolger und alle Tiere erhielten ihr Gnadenbrot. Weiterhin gab es aber die Apfelbäume – Jakob Lebel, Boskop, Ingrid Marie -, einen Glaskirschenbaum und einen Sauerkirschbaum. Auch Stachelbeere, Erdbeere, Rhabarber, Kopfsalat, Erbsen, grüne Bohnen, Kartoffeln und wie das ganze Zeug so heißt. Mit den Jahren, als auch diese Bewirtschaftung nicht mehr gestemmt werden konnte, schmolz der fruchtbare Acker zu einer Rasenfläche dahin, die zuletzt mit einem Aufsitzmäher gerade gehalten wurde. Ich kaufte da schon lange in der großen Stadt am Kühlregal und in anderen Frischeshops.
Und Brot bei aussterbenden Bäckern und Bier von riesigen Industrieunternehmen.

Advertisements

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Zeitdiagnostik abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Winnie-the-Fritz

  1. rainer kühn schreibt:

    Die sympatische Antagonistin auf Facebook ist mir allerdings aufgrund der Länge und Verve und Vielzahl ihrer Beiträge suspekt: sie hat bestimmt noch nie selbst einer Mücke was zuleide getan. Denke ich, traurig. – Es gibt viele Genoss_inn_en, denen man selbst nie begegnen möcherte. (sic)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s