Erinnerung: Vor einem Jahr und früher

11.2.2016. Alter, Fakt, Facebook. Ich hatte damals in der Jüdischen Allgemeinen über den Prozessbeginn gegen den 94jährigen Reinhold H. gelesen, der gut zweieinhalb Jahre als Freiwilliger der SS an der Rampe in Auschwitz und Birkenau gedient hat. Wachmannschaft Totenkopf-Sturmbann. Der Angeklagte bestritt alle Vorwürfe. – Ich hatte diese Gerichtsbarkeit, der ja noch drei weitere gleiche gegen Über-90jährige folgten damals, mit einer Freundin bei einem Spaziergang mit dem über alles geliebten Hund, er heißt immer noch Hoffmann und ist ein weißer Golden Doodle, am über alles geliebten Aasee zu Münster besprochen. Die Freundin, Psychologin, belesen, wunderschön, klug. Kurz, ohne jetzt durchaus mögliche Abschweifung: Über Verdrängung und Abspaltung ging die Rede. Warum können diese jetzt Angeklagten nicht froh darüber sein, endlich beichten zu können und abzuschließen und historische Details für Abgründe von Humanität zu geben? Statt sich unschuldig zu nennen. Ja, weil sie wahrscheinlich nicht verdrängt, sondern abgespaltet haben: Der Vorwurf ist so fern, daß ein Aufbrechen ein Zusammenbruch der ganzen Lebenslüge wohl bedeutete. Aber: 90jährige haben wohl Kinder, haben Enkel, und für die bricht etwas auf. In diesen vier Prozessen; nicht medienhistorisch, sondern biographisch. Das Nazideutschland west immer weiter ohne korrekte Aufklärung. Und diese 90jährigen haben hier, in der BRD, mit Nachbarschaft und Verein und Viertel oder Dorf wohl frei dumm gelebt nach alledem. Wenn sie nun am Ende sind, vor Gericht, haben sie wahrscheinlich schon beim Katholen im Beichtstuhl den ganzen inhumanen Dreck gebeichtet und sehen die rechtsstaatliche Tortur bloß als Gegenrevolution an. Verdrängen ist das eine, Abspalten das wesentliche. Günter Grass, Helmut Schmidt, ZDF-Derrick usw., SS ok; die Kleinen läßt man nicht laufen, nachdem man in der BRD allen größeren einen guten Posten besorgt hat. Heute scheint alles aufgeklärt, dabei ist der Staat so doitsch wie vor 100 Jahren. Zum Kotzen, aber das ist nur meine kleine Einzelmeinung. – Das Nazivernichtungsrassistentum wird die deutsche Nation noch in vielen Generationen drücken, wenn nicht wirkliche Aufklärung mal rundherum von oben und unten erhellt. Die wäre was anderes als das stattfindende Gedenkweltmeistertum, auf das sich heute (12.2.2017 in der Bundesversamlung) Bundestagspräsident Lammert, der gute, wenigstens symbolisch richtig berufen hat. – – – Der Vater meines Onkels hat als Ludendorffler und Nazi einen Ende April abgeschossenen Britenflieger, der sich mit dem Fallschirm retten konnte, im Dorf meiner Kindheit nach dessen glücklichen Bodenkontakt sofort mit bekannten anderen doitschen Unmenschen erhängt. Ich fuhr an dem Wald immer vorbei, wenn ich zum Training radelte. Und obwohl ich das weiß – man schwieg darüber, zu 99,9%.
– – – Heute sitzen Täter und Opfer in Altenheimen zusammen. Das ist alles grausam. Und wenn Demenz dazukommt, ist der alte Wahn nicht weit und von keinem Pfleger und keiner Pflegerin bei diesen Finanzen und diesen Medien und dieser Nicht-Aufklärung zu besänftigen. Er ist vielmehr alles wieder da.

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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2 Antworten zu Erinnerung: Vor einem Jahr und früher

  1. Manfred Voita schreibt:

    Offenbar sind wir nur bereit, uns mit unserer Vergangenheit zu befassen, wenn das Zeitfenster stimmt. Zu nah: geht nicht, da leben ja noch Täter, denen man nicht zu nahe treten möchte. Zu fern: da muss es doch auch einmal gut sein mit der ganzen Schuldfrage. Und dazwischen: Also so alte Menschen, das geht doch nicht. Das ist doch nicht human.

    • rainer kühn schreibt:

      Drei Treffer, Manfred! – So „funktioniert“ das Zusammenleben, das die Katasprophe überhaupt hinter sich hat und doch nicht. Wie schwierig das alles ist, versucht Sozialpsychologie ja aufzuklären. Und dann kommen doch Höckes und ganz normale Dredner, um das fortwesende Elend z.B. am Beispiel „entarteter Kunst“ wieder an die Oberfläche zuspülen. Oder als Brandanschlag. Und die ganz normalen im Altenheim werden schweigen bis ins Grab. Und alles geht weiter. Es ist zum schreien …

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