Die Forderung – die ‚Argumente‘

Heute vor 72 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Die Frage, wie es um „das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie“ und „das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“ (Adorno) bestellt ist, ist weiterhin und gar so dringend wie selten.
In literatur konkret 41 (2016/17) beschäftigte Roger Behrens sich mit Pädagogik und Bildung 50 Jahre nach Theodor W. Adornos Vortrag »Erziehung nach Auschwitz«.

„Es gibt keine Erziehung nach Auschwitz, und es hat nie eine gegeben; jedenfalls keine, die auch nur im Ansatz, das heißt in ihrer grundsätzlichen pädagogischen Intention, in der Lage ist oder wenigstens sein will, Auschwitz oder ähnliches zu verhindern.“

Und zum Schluß berichtet Behrens: „In einem erziehungswissenschaftlichen Seminar, in dem Adornos Vortrag von 1966 Thema ist, frage ich die Studierenden, was ihre Forderung an Erziehung ist. Dass Auschwitz sich nicht wiederhole, sagt niemand. Was indes einhellig gesagt wird: dass Kinder und Jugendliche kritikfähig werden und irgendwie soziale Kompetenz erlangen. Auf die Rückfrage, was das bedeutet, vermag allerdings niemand zu antworten.
Wie alles, was durch die Studierendenköpfe geschleust wird, ist auch Adornos Vortragstext »nur seine Meinung«, und zwar auf allen Ebenen: Sein Begriff von Erziehung ist seine Meinung, die Forderung, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, ebenfalls und eigentlich auch Auschwitz. Schließlich sei ja alles »irgendwie subjektiv«. Jedoch: Weniger die Verteidigung der eigenen Meinung als vielmehr der Nachweis, dass Adorno auch nur eine Meinung habe (oder ein arroganter Besserwisser sei), bestimmt als Tenor eine Diskussion, die so »lebendig« zu keinem anderen Thema und Zeitpunkt im Seminar war.
Den Vogel – nicht den deutschen Adler, sondern die Eule der Minerva – hat eine Studierende abgeschossen, die nach der Seminarstunde über Adornos Text hochmotiviert war, ihre Hausarbeit über Erziehung nach Auschwitz zu schreiben. Die Hausarbeit war schnell fertig; Adorno wurde allein mit dem Titel seines Vortrags »zitiert«. Erziehung nach Auschwitz bedeutete für sie zu »untersuchen«, wie »man« in dem Städtchen Oświęcim versuchte, nach dem Zweiten Weltkrieg das Erziehungswesen aufzubauen. Von der Männertoilette habe ich noch am selben Tag ein Plakat des Asta entfernt. Es war mit Kugelschreiber bekritzelt: »Judenpack« war zu lesen, daneben ein Hakenkreuz.“

Trotz des niederschmetternden Schlußbefunds (Rainald Goetz, Festung, Kommunikation über Vernichtung, Katarakt): lesen! Obwohl mein Freund und kritisch-theoretischer Erziehungswissenschaftler Dr. Michael Tischer (*1963-2014) schon anfangs der 90er auf meine lektorische Anfrage zur Lage der Universität mir schrieb: „Die Kids sind schlechterdings desinteressiert.“ Wozu auch paßt, daß der Arbeitskreis Kritische Theorie in Münster seit längerem die öffentliche Erziehung mit Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen eingestellt hat.

 

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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