Turbopolitik am Brocken

Thorsten Keller: Graben diese ganzen Figuren nicht richtigen Spaßpolitikern wie Ihnen das Wasser ab, auch in der öffentlichen Wahrnehmung?

Martin Sonneborn: Das verbittert mich natürlich, weil wir seriösen Populismus anbieten seit 2004. Wir sind zwar populistisch und arbeiten mit satirischen Mitteln, haben aber einen moralischen Standpunkt. Jetzt kommen dahergelaufene Gangster wie in den USA und Unsympathen wie die AfD, arbeiten mit unseren Methoden und ziehen auf dem Weg zur Machtübernahme an uns vorbei. Dass das Zeitalter der grotesken Politclowns angebrochen ist, wissen wir aber nicht erst, seit Trump gewählt wurde. Das war mir klar, als Sigmar Gabriel SPD-Vorsitzender wurde.

Und: Die Zeit ist auf unserer Seite. Wenn Sie Schülerwahlen oder U-18-Wahlen betrachten, dann liegen wir da bundesweit bei fünf bis sechs Prozent. Ich glaube, dass viele „Partei“-Wähler nachwachsen, während viele CDU-Wähler und AfD-Wähler aus biologischen Gründen das Feld räumen.
Und: Gabriel ist für mich ein standpunktloser Opportunist und Populist. Das verärgert mich fast mehr als die Konservativen. Es ärgert mich, dass es kaum noch sozialdemokratische Politik in Deutschland gibt. Der alte Spaß von der „sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft innerhalb der SPD“ ist ja bezeichnend. Ganz Europa krankt daran, dass es kein Konkurrenzsystem mehr gibt und dass der Kapitalismus ungezügelt wirkt. Wir brauchen eine funktionierende, sozial engagierte Partei, die sich für Menschengruppen starkmacht, für die jetzt niemand mehr eintritt.
Und: Aber im Europaparlament gab es in dieser Legislaturperiode eine Koalition aus Konservativen und noch Konservativeren. Es wird eine industrie- und wirtschaftsfreundliche Politik gemacht, führend gestaltet von Elmar Brocken (Anmerkung der Red.: gemeint ist Elmar Brok, CDU) und Manfred Weber, die Merkels Politik in Europa umsetzen. Und die ist wesentlich konservativer, wesentlich wirtschaftsfreundlicher als das Bild, das die CDU in Deutschland abgibt. Das öffentliche Bild der CDU ist bestimmt weiter in der Mitte angesiedelt als noch vor einigen Jahren. Aber europaweit und hinter den Kulissen sieht das anders aus.

Thorsten Keller: Sind Sie nun der Azubi im Politbetrieb oder der Klassenclown? Was ist Ihr Selbstverständnis als Europaparlamentarier?

Martin Sonneborn: Das ist einfach eine sehr lange „heute show“-Aktion. Ich habe ja nichts anderes gelernt bei „Titanic“, als mit satirischen Mitteln zu arbeiten. Ich dokumentierte die unseriösen Seiten des Europaparlaments, etwa in Berichten für „Titanic“ und „Spiegel TV“. Meine zweite Aufgabe ist, dass ich Leute ärgere. Ich bin ja schnell an Elmar Brocken geraten, den Mann, der über 30 Jahre schon im Parlament sitzt, 172 Kilogramm konzentrierte CDU, der früher Kohls Willen in Europa umgesetzt hat. Da hat sich eine schöne Feindschaft entwickelt. Ebenso zu Jo Leinen, SPD, 183 Jahre alt, der gerade versucht, europaweit das Wahlrecht ändern zu lassen, damit Parteien wie wir wieder rausfliegen. Die dritte Aufgabe ist moderne Turbopolitik.

Und: Schulz ist, glaube ich, schon ein Sozialdemokrat mit einem sehr fundierten Standpunkt. Schulz ist ein brillanter Taktiker und Machiavellist und hat – auch mit juristischen Grenzüberschreitungen – das Europaparlament so geführt, dass diese große Koalition funktionieren konnte. Das hat er, im Zusammenspiel mit Juncker, schon sehr geschickt angestellt. Aber er hat dem Europaparlament eine Stimme gegeben, die es nicht mehr haben wird. Es ist sehr schade, dass der Mann geht. Das Parlament wird wesentlich an Bedeutung verlieren. Ich glaube schon, dass Schulz Merkel gefährlich werden kann und dass er eine verantwortlichere Politik betreiben würde.

Thorsten Keller: Sie stimmen im Europaparlament immer abwechselnd mit Ja und Nein ab. Was steckt hinter diesem Zufallsprinzip?

Martin Sonneborn: Das ist kein Zufall. Ich stimme immer abwechselnd, weil ich sonst gucken müsste, worüber ich abstimme. So viel Zeit habe ich nicht. Ich betreibe ja keine normale Politik. Kaputtmachen kann ich die EU aber nicht, ich bin einflusslos, als Fraktionsloser in einem Parlament, das von einer großen Koalition gesteuert wird.

N.b.: In der biographischen Notiz wird die Schulzeit und Studienzeit in den beiden westfälischen Friedensstädten leider verschwiegen. Dafür ist das von KSTA gegebene dpa-Foto sehr schön.

– Quelle: http://www.ksta.de/25395754 ©2016 (Gekürzt vom Schwarzen Raucher)

64
Werbeanzeigen

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Zeitdiagnostik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Turbopolitik am Brocken

  1. Manfred Voita schreibt:

    Dass Martin Schulz so gut bei ihm wegkommt, das überrascht mich am meisten. Sonst: Die Union gibt natürlich die Volkspartei, aber jeder, der Zeitung liest und Radio hört, kann wissen, auf welcher Seite sie steht, nämlich nicht auf der der Bürger, sondern auf der der Wirtschaftsverbände, der Industrie und der Steuervermeider. Wild entschlossen, alles aufzuhalten, was den Gewinninteressen deutscher Unternehmen schaden könnte, selbst wenn das langfristig zum Schaden der gleichen Unternehmen ist.

    • rainer kühn schreibt:

      Die endgültige und einzige Satire hierzulande hat eben ein gutes Fundament. 😉 Ich lese die Titanic tatsächlich seit der ersten Ausgabe, die ich im Partykeller der Eltern meines Freundes 1979 gefunden habe. Die anderen haben getanzt und geknutscht, ich habe gelesen. Beste Party ever. Seitdem mein extremer Populismus links der extremen Mitte!

    • Manfred Voita schreibt:

      Links der extremen Mitte? Schön verortet! Die Titanic kommt bei mir eher selten auf den Tisch, aber das gilt für alle Zeitschriften. Konkret habe ich mal regelmäßig gelesen, Pardon davor. Sogar mal den Spiegel. Aber ich muss zugeben, dass die Titanic ab und an wirklich hervorragend ist!

    • rainer kühn schreibt:

      Ja, mit den schlechteren Tagen meiner Lieblingszeitschriften (Konkret seit 74) kann ich leben. Zu Hochzeiten hatte ich elf private Abos, die links, die Beute, die Spex usw. Heute lese ich nur noch online. Aber selbst im Netz bin ich Zeitungsleser geblieben. Den anderen Quatsch überlasse ich den Quatschmachern. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s