We will make Five Points (Scorsese) great again, worldwide


Einen Film zu lesen schrieb er auf, was er sah, vor dutzend Jahren …

… und hörte: und atmete die Worte.

„Nein, mein Sohn, tu das niemals. Das Blut soll an der Klinge bleiben. Eines Tages wirst du es verstehen.“
Wer ist das?
Sankt Michael.
Und was hat er getan?
Er hat Satan aus dem Paradies vertrieben.
Gut, mein Sohn.
„An manches kann ich mich nur vage erinnern, das andere sind meine Träume.“
Er sah die natives gegen die foreign invaders antreten. „Um ein für allemal zu entscheiden, wer die Herrschaft in den Five Points hat.“ Mit Schlachterwerkzeug, Prügel und Messer. Er sieht den weißen Schnee sich röten.
Wer ist das unter meinem Messer?
Vater, oh steh auf, steh auf!
Mein Sohn, du sollst niemals wegsehen.
Er sah, wie der butcher, der Anführer der natives, dem geachteten Anführer des Feindes, Priest Vallon von den dead rabbits, den ehrenvollen Gnadenstoß versetzt. „Die dead rabbits sind ausgelöscht, und wir wollen von dieser Stunde an nicht mehr ihren Namen erwähnen.“ Er sah, wie der Sohn schon den Kampf weiterführt.
Er sah, wie der Sohn erwachsen geworden ist. Er sah, wie die Bibel der Reformer im Fluß versinkt. Er sah, wie der zurückkehrende Sohn sagt, was er sieht: Die glühende Esse, aus der in Zukunft vielleicht einmal eine Stadt geschmiedet werden würde. Er sagt: Ich kam aus Hellgate. Er weiß, Hellgate ist eine christliche Erziehungsanstalt. Er sagt zu dem Platz, auf dem sein Vater starb: Paradise Square.
Er sah, daß Bill the Butcher den Paradise Square beherrscht. Er sah, daß Bill the Butcher Politik mit den Demokraten macht, mit Mr. Tweed in der Tammany-Hall. „Oh mein Gott nein: Wir müssen den Anschein der Rechtmäßigkeit wahren. Besonders wenn das Gesetz gebrochen wird.“
Er sah, wie der spätere Verräter des Sohns von Priest Vallon sagt: Weißt du, ich sag da nie was. Ich laß mir jedesmal was von ihr klauen. Er sah, wie sie ihm den Zeitanzeiger geklaut hat. Der Sohn sagt, weil er von der Turteltaube ironisch Volksredner genannt wird, nachdem er in der diebischen Begegnung schwieg, wir können vielleicht nicht sprechen, aber denken. Er sieht später, wie der Sohn sich seine geklaute Medaille bei der Turteltaube wiederholt. Wo der Erzengel drauf ist.
Er sah, wie ein Feuer in den Elendsquartieren der Five Points nicht gelöscht wurde, weil die konkurrierenden Feuerwehren die Besitzverhältnisse nicht aushandeln konnten in der nötigen Zeit. Gerettet wird, was noch geraubt werden kann.
Er sah eine für ihn neue Brot-und-Spiele-Variante: Ein Hund beißt auf engem Raum in satan´s circus unter dem Gejohle des Mobs fünfundzwanzig Ratten tot.
Und: Ghoul Gang slaughters. Eine Schlagzeile.
Er sah, wie der Sohn den Freikaufhinweis der Aushebungstruppen für den Bürgerkrieg kommentiert: 300 Dollar. Aber wer von uns hatte schon 300 $. Ebensogut hätten sie 3 Millionen Dollar schreiben können.
So eine Turteltaube muß eine Menge Schneid haben. Sie schleicht sich rein bei den Reichen und Mächtigen wie ein offener Brief und nimmt mehr mit als nur heiliges Wissen.
„Leb wohl, mein Sohn. Ich habe niemals unter die Gürtellinie gezielt noch die Karten gezinkt. Möge Gott mich als Freund empfangen!“ sah er das willkürlich ausgewählte Abschreckungsopferlamm vor seiner öffentlichen Hinrichtung mit falschem Stolz delirieren. Er sah den peinlichen armen Sohn, der kaum hinsehen konnte.
Er sah auf dem Ball der Reformer, die immer da sind, wo es immer schlechter wird, daß der Verräter immerhin in die Turteltaube verliebt ist. Er sah, daß die Turteltaube den Sohn von Priest Vallon liebt. Die Turteltaube sagt: weil ich ihn nicht haben will. Die Turteltaube sucht nämlich ihr Spiegelbild.
Hast Du irgendwelche Narben?
Ein oder zwei.
Er sieht, wie sie sich die Narben küssen. „Ich, der Sohn meines Vaters“, und sie, die Turteltaube.
Wessen Mann bist du? Für wen arbeitest du?, sieht er den butcher den Attentäter anschreien, bevor er ihn erschlägt. Dann kann das Theater fortgeführt werden. Shakespearerisch. „Macht weiter ihr Tragöden, die Pause ist vorbei.“
Bist du nicht stark, sei zumindest klug, sieht er Monk zum Sohn von Vallon sagen. Bei all seinen Fehlern war dein Vater ein Mann, der sein Volk geliebt hat.
Er sieht den butcher traurig sagen, daß man ein Feuerwerk der Furcht abbrennen muß, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Und der Tod von einem namenlosen Attenlosen schmachvoll gewesen wäre.
Priest Vallon und ich, wir haben dieselben Prinzipien, nur der Glaube hat uns getrennt. Er war der letzte ehrbare Feind. Gott sei mit dir.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, von einem Drachen unter die Fittiche genommen zu werden. Es ist wärmer als man glaubt.
Er sah die Turteltaube zum Sohn sprechen: Du sollst wissen, daß er mich nie angerührt hat. Er wollte nichts von mir wissen, bevor ich es nicht selbst wollte.
Er sieht die demokratische Rede des Mr. Tweed, der Wählerstimmen aus den ankommenden Schiffen mit Suppe empfängt, dem butcher zum zweiten Mal sagen: „… daß du die Zeichen der Zukunft nicht verstehst.“
„Das ist nicht unsere Zukunft.“
Er sah das Fest des Jahrestages des Sieges mit dem Schandmal am erkannten, verratenen, einzigen Sohn enden. „Sein Name ist Vallon.“ Wußte er vom Verräter Johnny vorher, und so sah er aufmerksamer als je, daß Vallon sein in Ernst kippendes Spiel „Schlachterlehrling“ mit Jenny zum Messerwurf provozierte. Er sah, wie der butcher sein Handwerk versteht, und genauer wirft. Er sah, wie er triumphiert. Er sieht das Publikum bekommen, was es will: „Was das Publikum wünscht, das soll es kriegen“, sieht er William Cutting sagen, der der butcher ist.
Aus Leid und Blut sind wir erschaffen, sagt Vallon, Sohn und Priest.
Er sieht die Turteltaube den Sohn pflegen. Er sieht Turteltaubes schön gemalte Flucht von der Ostküste mit dem Schiff um Feuerland an die goldverheißende Westküste. Das ist der kürzeste Weg. Wirst du mit mir gehen?
Er sah den Legionär der dead rabbits, Monk, der stolz auf 44 Kerben im Prügel ist: Damit ich weiß, was ich Gott schulde, wenn ich sterbe.
„Dein Vater hat versucht, eine Nische zu schaffen, in der unser Volk leben kann.“ Er sieht das Zeichen, den Fehdehandschuh der dead rabbits, das Hasenfell. Und daß das Blut an der Klinge bleiben soll. Den Satanskopf, die Wahl der Waffen. Er sieht, daß es keine Nischen gibt. Er hört noch Monk nach, der nicht wußte, wie weit Priest Vallon noch gehen wollte.
Er sieht, daß wie immer an der Kirche gebaut wird. Zum Verräter: Rückgängig machen? Ich wollte Dich töten. Verschwinde und komm nie wieder in die Points zurück! Er sieht, daß der butcher das auch so sieht. Er sieht, daß der butcher, der sein Werkzeug immer scharf hält, den Verräter aufgrund seiner anatomischen Kenntnisse ausbluten lassen will. Er sieht, daß der Verratene dem Verräter den Gnadenschuß gibt. Hier tatsächlich die Feuerwaffe, die Fernwaffe der Moderne.
„Die Erde dreht sich, aber wir können ihre Bewegung nicht spüren, und dann, eines nachts, blickt man auf, ein Funke fliegt, und der Himmel steht in Flammen.“
„Die Vergangenheit ist die Fackel, die unseren Weg erleuchtet. Unsere Väter haben uns den Weg gewiesen, den wir beschreiten. Unser Glaube ist die Waffe, den unsere Feinde am meisten fürchten. Wir nennen uns dead rabbits, zur Erinnerung an unsere Väter.“
Er sieht den Wahltag, die Furcht des trotz Betruges knappen Ausgangs. „Nicht die Wahlzettel machen das Resultat. Die Zähler machen das Resultat, die Zähler.“ Sagt der, der mit allen Mitteln ein Amt gewinnen will. Mit Stimmvieh, nicht für Menschen.
„Klären wir unsere Differenz auf demokratische Weise. Fragen wir die Wähler. Siehst du, das Volk schweigt, wenn es das Wort Gewalt nur hört. Und Schweigen ist Zustimmung.“ „Dies ist das Minderheitenvotum“ fliegt des butchers Schlachterbeil in Monks Rücken.
„Und nun mach das du wegkommst. Laß mich in Ruhe speisen, ich bin fertig mit dir. Bau deine dreckige Welt ohne mich auf.“ Er sieht, wie der über den Mord an einem gewählten Amtsträger empörte Demokrat Tweed, der auf beide angewiesen ist, und dem es nur um ehrloses Geld geht, gehen muß.
Er sieht, wie der junge Veraltete den älteren Veralteten fordert: Ich fordere Dich. Ganz persönlich, aus persönlichen Motiven.
Er sieht die Ideen der reichen Herrschaften, die das Queue und die Kugeln beherrschen: „Man kann immer eine Hälfte der Armen kaufen, um die andere umzubringen.“
Er sieht das Gebet der natives
Allmächtiger Gott, Du bist der Dolch in meiner Hand. Vor Dir kann weder der Schnelle entfliehen noch der Starke entkommen. Denn Du bist der Gott, der Vergeltung übt.
Amen
Er sieht das Gebet der foreign invaders
Führe meine Hand an diesem Tag der Rache. Möge mein Schwert wüten, bis sein Blutdurst gestillt ist und meine Feinde auf ewig ruhen. Denn der Herr zermalmt die Verderbten.
Amen
Er sieht das Gebet der reichen Herrschaften
Wir danken dem Herrn, denn er ist gütig. Der Herr ist voller Gnade und seine Liebe währet ewiglich.

Amen

ER sieht, in der Schlußformel, die Scheiben klirren, den Aufstand des Mobs für die einen, den Aufstand der Armen für die anderen, derer, denen die neue Welt, die nahe Zukunft nichts verspricht. Er sieht die modernen Fernwaffen der zwangsrekrutiert wehrpflichtigen Demokratie. Der erste Einberufungstag, nur vier Generationen zurück.
Er sieht den Paradise Square, die Five Points als erneuten Kampfplatz der natives und foreign invaders. Er sieht die Irritation über nie gehörten Kanonendonner. Er sieht die Irritation über die Nichtlokalisierbarkeit der Einschlagziele. Er sieht einen unsichtbaren Feind der Alten Welt. Er sieht, wie Bill Butcher und Sohn Vallon sich dann doch in Rauch und Staub für überfälliges Gefecht finden. Er sieht, wie Vallon Butcher den Gnadenstoß gibt. „Gott sei Dank. Ich sterbe als aufrechter Amerikaner.“
Er sieht die Augenklappe fallen über das Glasauge mit dem Adlersymbol auf den stripes.
Wir beerdigen viele Wählerstimmen heute.
Er sieht, daß demokratische Politik arme Menschen braucht, die sich gerne kaufen lassen, um den Zwang zu vergessen. Er sieht, daß eine gekaufte, weil mit dem Notwendigen versorgte Hälfte die andere Hälfte der Armen, die Reservearmee, in Schach hält. Er erinnert sich: „Man kann immer eine Hälfte der Armen kaufen, um die andere umzubringen.“ Er rechnet, daß halb und halb ein Ganzes ist. Er fragt sich: Wer spricht?
Freund oder Feind, das macht jetzt keinen Unterschied mehr.
Er erinnert sich an klare binäre Ordnungen. Himmel und Hölle, flüssig und fest, Mann und Frau, Freund und Feind, Herr und Knecht, Lehrer und Schüler, Kapital und Arbeit, Deutschland gegen England, Geh doch nach drüben.
„Freund oder Feind, das macht jetzt keinen Unterschied mehr.“
Wer ist der Dritte? Wer spricht? Welche Gebete? Welcher Religion gehören Sie an?
… aus Blut und Leid erschaffen …
Vergraben das Medaillon mit dem Erzengel Sankt Michael.
„Die Esse, aus der in Zukunft vielleicht einmal eine Stadt geschmiedet werden würde.“
Das Aussterben des Alten Handwerks.
… es würde so sein, als ob es uns nie gegeben hätte
Tote Hasen wären wir. Tote Angsthasen. Schlimmer als die Väter.
Und Haken schlagen könnten wir auch nicht mehr.
Aber:
„Gewiß: die Verhälnisse bewegen Menschen nicht so,
wie das Queue eine Billardkugel bewegt.“
(Peter Brückner, der in Hannover politisch prekär als Professor gelehrt habende Soziologe, in einem Buch beim Wagenbach Verlag von ihm, der Gangs of New York nie gesehen hat,
oder doch, geahnt?)

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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