Josef und die Kunst – Bruce 75

Nauman und die Ökonomie der Mittel
von Kasper König

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Bordercolliemix Josef 2007 im gesenkten Quadrat von Nauman. R.I.P. Josef, Bester!

Bruce Nauman ist für mich ein singulärer Künstler. Nichts leitet sich von der Kunst anderer ab: Nauman bezieht sich immer auf die eigene Erfahrung, die aber in seinem Atelier wie in einem Labor objektiviert wird. Nicht seine Subjektivität steht im Zentrum, sondern seine Erfahrung funktioniert immer als Pars pro Toto des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Und genau das ist in der Fotoserie von Jason Schmidt sehr genau erfasst. Nauman in seinem Atelier: Da geht es in keiner Weise um Dekoratives, das ist nicht beschönigend und nicht kokett. Stattdessen werden die technisch-medialen Verkoppelungen lesbar, innerhalb derer der Künstler arbeitet.
Nauman biedert sich niemals an. Das war gleich an seinen Anfängen sichtbar. Ich habe Nauman zum ersten Mal 1966 in seinem Atelier in San Francisco besucht. Die ersten Werke, die ich gesehen habe, waren Zeichnungen, die sich auf seine Selbstbefragungen im Atelier bezogen: der Künstler als Brunnen, der aus dem Mund das Wasser spuckt, oder als jemand, der im Atelier sitzt und Kaffee trinkt und darauf besteht, Ideen zu produzieren. Damals war eine starke Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Phänomenen und Verhaltensforschung offensichtlich und der Einfluss der Musik sehr wichtig.
Es ging Nauman nicht darum, Skulpturen zu machen, die man aus der Form, aus dem Anschauen heraus wahrnimmt,  das hatte er rabiat hinter sich gelassen, mit großem Risiko auch für sich selbst. Das Atelier war damals auch Ort einer gewissen Frustration, die er so weit trieb, dass daraus etwas Eigenständiges entstand. Das entfernt sich von der romantischen Idee des Studios und wird wie ein Labor, in dem der Künstler allein ist und aus der Situation heraus tätig werden muss. Das ist absolut kompromisslos, aber verzichtet gleichzeitig auf jegliche Heroisierung der Künstlerfigur – stattdessen sind die gesellschaftlichen Bezüge wichtig.
Naumans Werke sind fern jeglicher Pathosformeln, auch wenn sie oft sehr brutal zeigen, was Menschen anderen Menschen antun können. Beim Thema Gewalt, aber auch beim Thema Sexualität ist Nauman unerbittlich – er verkoppelt Konsumverhalten und physische und emotionale Dinge, sodass sie nicht entflechtbar sind. Das hat eine starke ethische Dimension, aber ohne moralisierend zu werden. Entscheidend bei ihm ist die Ökonomie der Mittel: Das Verhältnis von Input und Output ist erstaunlich. Die Rezeption seines Werks ist stark über Europa gelaufen, aber seine große Pragmatik erscheint mir trotzdem sehr amerikanisch. Immer wieder erreicht er mit überraschender Leichtigkeit und minimalem Aufwand der Mittel eine große Intensität.
Nauman ist ein Künstler, der sich vollkommen zurücknimmt und sich trotzdem immer wieder einbringt, ohne ein Selbstdarsteller zu sein. Er hat ein Anliegen, das sehr tief geht. Und erstaunlicherweise verlieren seine Arbeiten nie an Aktualität. Das habe ich bei den „skulptur projekten“ 2007 in Münster erfahren, wo wir mit „Square Depression“ eine 30 Jahre alte Arbeit von ihm realisiert haben. Das Verhältnis von Öffentlich und Privat, das darin thematisiert wird, ist inzwischen ein anderes, aber das Werk hat von seiner Radikalität nichts verloren.

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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