Leibesüber gegen Sportfreunde

AliBölzen   Artikel 735834   Montag, 21. November 2016 18:54 Treffpunkt lilaweiss.de
@fajd: Ich finde die Form leider wenig rational, in der Du meine Beiträge als „Stuss“ abwertest. Deine Kritik leidet unter einem Mangel an soziologischer Reflexionsfähigkeit – was ich Dir aber nicht vorhalten möchte, schließlich wurdest Du ja in einer anderen Disziplin promoviert.
Nach wie vor vermisse ich eine Erklärung dafür, warum Du meinst, dass am Samstag der VfL als „Verein“ gegen Lotte spielt. Ich nehme an, dass für Dich selbstevident ist, dass der VfL ein „Verein“ wäre – weshalb Du meinst, auf Argumentationen verzichten zu können, und stattdessen lieber das Stilmittel der Polemik wählst. In einer soziologischen Perspektive ist aber gerade das Selbstverständliche erklärungsbedürftig. Das Alltagswissen mag uns nahelegen, dass wir am Samstag einen Traditionsverein auf dem Rasen sehen, der Soziologe fragt indes, wie BeobachterInnen den „VfL“ sozial konstruieren, also auch jenen „VfL“, den Du als einen „Club mit einer gewachsenen Fankultur“ wahrnimmst, der sich von den Sportfreunden stark abheben würde.
Der systemtheoretisch informierte Beobachter unterscheidet und bezeichnet den VfL als den VfL der sozialen Systeme. So gibt es nicht einen VfL, sondern der VfL ereignet sich mehrfach. Der VfL wird somit in einem Horizont der „Polykontexturalität“ (Niklas Luhmann) konstruiert, was aber ein „alteuropäischer Beobachter“ nicht nachvollziehen kann, der einer Identitätslogik verhaftet bleibt. Derjenige dagegen, der Luhmanns Differenzlogik folgt, kann beobachten, dass das gesellschaftliche Teilsystem des Rechts den VfL als eine KGaA beobachtet, die bestimmte Ansprüche erheben kann und bestimmte Pflichten erfüllen muss, während das wirtschaftliche Teilsystem den VfL als eine KGaA beobachtet, die noch zu wenig Zahlungen generiert, um für Investoren ökonomisch attraktiv zu sein. Im Interaktionssystem der lila-weißen Fußballfans wird dagegen der VfL unter Ausschließung der rechtlichen Perspektive als „Traditionsverein“ sozial konstruiert, und zwar im „Medium der Atmosphäre“. Durch den emotionalisierten Support auf der Tribüne wird kollektiv eine Gefühlsgemeinschaft erzeugt – womit ein Beobachtungsschema verfügbar wird, durch das lila-weiße Firmenmitglieder auf dem Rasen in lila-weiße Vereinsangehörige zurückverwandelt werden können.
In deiner Polemik gegen mich vollziehst Du nun einen gedanklichen Kurzschluss: Den Verführungskünsten einer Identitätslogik unterliegend, verabsolutierst Du das Interaktionssystem der Fußballfans – als ob dort ein privilegierter Zugang zur Wahrheit zu finden wäre. Das, was Du als Beobachter erster Ordnung für repräsentativ hältst, kann ein Beobachter zweiter Ordnung anders sehen, etwa indem er die soziale Konstruktion des Vereins, hervorgebracht im Interaktionssystem der Fankultur, nur als eine Teil-Perspektive wahrnimmt: d.h. lediglich als einen Ausschnitt, der in einer polykontextural hergestellten Wirklichkeit losgelöst wurde.
Selbstverständlich kannst Du weiterhin meine Beiträge herablassend als „Stuss“ bewerten – allerdings wirst Du dann erleben müssen, wie die systemtheoretisch geschulten Mitglieder der soziologischen Gemeinde mit ihrem Kopf auf die Tischkante knallen, wenn Du weiterhin den theoretischen Horizont ignorierst, den Niklas Luhmanns Denken geschaffen hat. Soziologie ist eben kein Garten- und Landschaftsbau. Nur mal so!
Ja, „nordmensch“ bezeichnet meine Beiträge gerne als „Bullshit“. Aber kann man seine Kritik ernst nehmen? Ich kann es nicht – schließlich zeichnen sich seine TP-Artikel durch eine mangelnde Reflexionstiefe aus. Da „nordmensch“ gerne unterkomplexe Beobachtungsschemen verwendet, wäre ich übrigens erstaunt, wenn er meine Beiträge nicht als „Bullshit“ bezeichnen würde.
PS: Im gesellschaftlichen Teilsystem des Sports wird übrigens der VfL als eine Organisation beobachtet, die durch die Ausgliederung der Profiabteilung ihre Siegchancen erhöht.

Nachträge

AliBölzen   Artikel 735837   Montag, 21. November 2016 19:10
Wer eine von Luhmann geleitete Beobachtung als Geschwafel abtut, der offenbart nur seine Verstrickung in unterkomplexe Beobachtungsschemen.

AliBölzen   Artikel 735843   Montag, 21. November 2016 20:25
@fajd: Ich finde es schade, dass Du Dich nicht inhaltlich mit meiner Argumentation auseinandersetzt, sondern an ihrer Form ansetzt, um daran – und das nicht zum ersten Mal – herablassende Kommentare anzuschließen. Zudem habe ich mich mit der Rechtsform des VfL nicht wissenschaftstheoretisch befasst, sondern ich habe den VfL sozialtheoretisch beobachtet, manchmal auch zeitdiagnostisch. Dass der VfL „auch“ ein Traditionsverein ist, habe ich nie abgestritten, d.h. ich muss davon am Samstag nicht erst überzeugt werden. Ja, manchmal habe ich meine Argumentation im Hinblick auf das Kommunikationsverhalten des Geschäftsführers zugespitzt – aber habe ich denn damit gleichzeitig eine Legitimationsbasis geschaffen, auf der Du dann polemisch gegen mich werden darfst? Und so respektlos, wie Du Dich heute morgen in Deinen Beiträgen gegenüber mir geäußert hast, habe ich mich in der Regel gegenüber dem HGF nicht verhalten – zumal meine Kritik an ihm meistens auch an soziologische Theorien anschloss. Interessant ist, dass Du Dir selbst eine Bodenhaftung zuschreibst, mir gegenüber aber häufig sehr belehrend auftrittst.

1899VFL   Artikel 735859   Montag, 21. November 2016 22:50
Hat noch jemand eine Ost-Karte für Lotte abzugeben? Wenn ja, bitte gerne melden!

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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