Mein erstes Radio im Dschungel von (gesungen) Vorwärts & nicht vergessen

Mein erstes Radio war von Philips, weil ein Bekannter eines Verwandten da rabattuell rankam, weil er bei einem Händler usw. usf. Ein Kofferradio natürlich. Knöpfe zum Drehen und Tasten zum Drücken, vorne der krasse Lautsprecherbereich. Zitiere ich also so:
„Für den kleinen Jungen, der als Speichermedium nur Papas Tonband kannte, war der erste eigene Kassettenrekorder der ultimative heiße Scheiß. Freiheit! Selbst aufnehmen! WDR, BFBS, Alan Bangs, John Peel. »Alle mal leise sein, ich darf den Anfang nicht verpassen!« Plötzlich war ich nicht mehr nur Zuhörer, sondern aktiver Erforscher dieser unendlichen Weiten unentdeckter Musik. Mit dem Kassettenrekorder, später mit dem Radiorekorder, wurde das Radio für mich ein verheißungsvolles Medium, das ich Stück für Stück in meine Welt holen, festhalten und dort bewahren konnte.“

dscn0218„»Mixkassetten sind eine Kreuzung aus Liebeserklärung, Selbstdarstellung und Belehrung«, schrieb die Medienwissenschaftlerin Katharina Schaack. Entscheidend ist es, das Werk am Stück zu hören. Am besten ohne Pause, ohne Vorspulen, also 60, oft 90 Minuten – wie bei einem Film, einer Radiosendung oder einem Theaterstück. Das erforderte Geduld beim Hören, ein Würdigen der liebevollen Arbeit, aber auch der inneren Logik eines Mixtapes, des spezifischen Antwortens der Songs aufeinander.“  – – – So ist es: Pop-Misch hießen zuerst die numerierten Dinger bei mir, dann Blues und Rockpalast oder New Wave, da wo ich noch über 120 verstaubte 60/90/120er Cassetten im Regal stehen habe. Nun werde ich sie reaktivieren und mal gucken, ob die zur Verfügung stehenden Abspielgeräte, jüngstes von 1985, noch nicht gestorben sind. Und natürlich: „Zuhörenlernen.“ (Thorsten Ottens, Jungle World)
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Mein erster Laden war übrigens auch musikalisch, was ich dankenswerterweise durch eine nachbarschaftlich tätige Bloggerei wieder erinnerte. Jedenfalls nahm ich so ab 73/74 als busfahrender junger Schüler meistens nicht die nächstgelegene Haltestelle hinterm Schloß, sondern schlenderte zum Neumarkttunnel zu Osnabrück, wo unten in der Ladenzeile auch JPC sein Wesen trieb. Gekauft habe ich jahrzehntelang nur Langspielplatten, so daß die B-Seiten schon wichtig waren für meine ‚Kompact-Anlage‘ von Philips; und irgendwann hing ein vom Chunga Revenge-Cover selbstgemalter/abgepauster Zappa über meinem Schreibtisch. Auf der Busfahrt, meistens vom Berliner Platz dann, immer Palaver mit den Älteren meines Dorfes, die natürlich alle Platten schon kannten, sogar die von Velvet Underground, auf die ich mächtig stolz war. – Im JPC gab es auch die „Musikduschköpfe“ (dank an Manfed!), in Frankfurt gut fünfzehn Jahre später nicht mehr in dem Laden, der unten in meinem Haus einzog: drei Treppen runter in eine beste Second-Hand-Sortierung. Himmel! Diese Musical-Box in der Großen Seestraße 40 nähe der Bockenheimer Warte zählt heute zu den Top-Vinyl-Adressen der Bembelmetropole. – Ich haps doch schon immer gewußt!

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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