Die objektive Überlegenheit des Atheismus

Im Jenseits drohen Höllenstrafen, in denen der Islam am stärksten schwelgt, dicht gefolgt von Christentum und Buddhismus.
Heute zwingt kaum noch die Angst vor Todesstrafe oder Hölle Kinder in den christlichen Religionsunterricht, sondern eher die Angst vor der mit Einsamkeit assoziierten Individualität. Als grausam gelten nunmehr die Eltern der Ungläubigen, die ihr Kind für die Dauer des Religionsunterrichts aus dem Klassenkollektiv herausnehmen. Moderne Christen verteidigen auch nicht mehr ernsthaft den graubärtigen »Vater im Himmel«, sondern nur noch das vage Gefühl, »dass da etwas ist«. Solche als Erinnerung an Symbiosen von Kind und Mutter zu deutenden Gefühle gehen einher mit der impliziten Behauptung, mehr Gefühlsfähigkeit zu haben als die Atheisten.
Um die christliche Hybris heute noch gegen die kränkelnden Wissenschaften Astronomie, Biologie und Psychologie zu verteidigen, bedient sich das Christentum eines Kategorienfehlers: Es identifiziert einfach ungelöste Naturrätsel mit Gott.
Das ultimative Naturrätsel ist den Menschen der Tod. Einer populären Erklärung der Religionskunde zufolge tröstet Religion über das Unvermeidliche hinweg. Sie sei daher notwendig und respektabel. Epikur indessen, der die Götter recht vorsichtig zwar nicht für unwirklich, aber unwirksam und unbedeutend erklärte, beraubte mit seiner Widerlegung der Seelenvorstellung den Tod seines Schreckens gründlicher als jede durchschaubar infantile Paradiesvorstellung: »Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr.«
Die falsche Aufhebung der Religion führt, wie es Theodor W. Adorno an Martin Heideg­ger bekämpft, in die Verherrlichung des Seins und letztlich des Todes oder aber in die Bräsigkeit des Positivismus. Aufklärung müsse sich »solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes« zeigen, fordert Adorno in der »Negativen Dialektik«. Sind die Antworten der Religionen auch unwahr und grobschlächtig, so sind ihre Probleme meist recht real. Das tiefste Problem des Übergangs von Körper in Geist (wie auch von Gesellschaft in Waren) hinterlässt einen schwindenden, aber immer metaphysisch bleibenden Rest: den Sprung vom einen Zustand in einen anderen als qualitativen Wechsel. Am Ende lässt sich moralisches Handeln nicht durch Experimente, Neuronenfeuer oder Vernunft begründen. Es bleibt im Kern Ergebnis einer quasi-metaphysischen, somatischen Empfindung, die nicht zu abstrakter Frömmigkeit, sondern zu empathischer, konkreter Solidarität anhält.
Noch mehr kluge Gedanken (ohne Auslassungen) von Felix Riedel in der Jungle World.

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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Eine Antwort zu Die objektive Überlegenheit des Atheismus

  1. Manfred Voita schreibt:

    Ich wußte nicht, dass das Zitat von Epikur stammt. Es klingt so taufrisch, offenbar sind wir auch in dieser Beziehung nicht weiter. Falsch: Weiter geht es wohl auch nicht.

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