Ach ja, Dresden

Dresden Dresden Dresden. Zur  Einheit Vollkost aus Dresden. Ob ZDF Länderspiegel, ARD Tatort, de Maiziere bei Schausten, Thomas bei Bettina oder Halle bei Leipzig und Weimar bei Buchenwald: Dresden Dresden Dresden zum Einheitstag. Na, Hauptsache, die Rente ist sicher und die Kirche wiederaufgebaut und Sachsen ein Freistaat mal im Bonbonhagel. Und Dynamo? Auch Dresden!

Die großen Augenblicke der Menschheitsgeschichte – der Sturm auf die Bastille, die Magna Carta, die Erklärung der Menschenrechte, der 8. Mai 1945 – sind demgegenüber bloß ephemer, Zeiterscheinungen, Eintagsfliegen, einmalig, flüchtig und vergänglich, Dinge also, die nicht dauern, und von denen am Ende nur die Erinnerung übrig bleibt. Sie und ihr Ruhm können mit der Zeit verblassen, und mit ihnen die nationale Begeisterung, die sie zu wecken verstanden. Der deutsche Nationalismus hingegen zehrt nicht von der Erinnerung ans herausspringende historische Datum, sondern er nährt sich, er ist gesättigt vom Alltagserlebnis, von der Lebenserfahrung, er regeneriert sich in jedem Familienkrach, in jedem Zank zwischen Nachbarn, er profitiert von zahllosen kleinen Bürointrigen wie von der einen großen Arbeitslosigkeit.
Basierend auf ihren Mißhelligkeiten, dem Einzigen, worauf im Leben wirklich Verlaß ist, was täglich wiederkehrt und ewig dauert, ist dieser Nationalismus gleichsam auf Granit gebaut. Das Unspezifische, Ahistorische ist gerade seine Besonderheit, seine Eigenart, und sie erklärt, wieso er unter wechselnden Bedingungen immer derselbe bleiben konnte und dabei so zeitlos wie modern, von gleichbleibender Antiquiertheit und Aktualität in einem.
Wolfgang Pohrt, Kreisverkehr, Wendepunkt. S. 113ff.

Wie war Dein Tag, Deutschland? – Och, Gespaltenes Dresden am Tag der Einheit: Während tausende Demonstranten einem Pegida-Aufruf folgen, ruft die Staatsspitze zu Respekt und Weltoffenheit auf. Pöbelnde Demonstranten haben die Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit in Dresden gestört und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach trotzdem von einem Tag der Freude und von Dankbarkeit – und rief zu gegenseitigem (!) Respekt auf.  „Wir leben in Verhältnissen, um die uns fast die ganz Welt beneidet“, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert. Die Kanzlerin, Bundespräsident Joachim Gauck und andere Gäste wurden vor dem Festakt von mehreren hundert Demonstranten beschimpft und angepöbelt. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig (SPD) brach in Tränen aus, als sie durch die aufgebrachte Menge ging. Nach dem Festakt nahmen 4000 bis 5000 Menschen an einem Pegida-Aufmarsch quer durch die Stadt teil. 2600 Polizisten waren im Einsatz. Nach einem ökumenischen Gottesdienst in der Dresdner Frauenkirche fand die zentrale Feier in der Semperoper statt. „Das Paradies auf Erden ist hier nicht. Aber viele Menschen, die es verzweifelt suchen, vermuten es nirgendwo häufiger als in Deutschland“, sagte der CDU-Politiker Lämmert. Am frühen Abend distanzierte sich die sächsische Polizei von der Durchsage eines Beamten, der Teilnehmern der Pegida-Demonstration einen „erfolgreichen Tag“ gewünscht hatte. Bereits am Sonntag sorgten ein Brandanschlag auf drei Polizeifahrzeuge sowie Pöbeleien gegen Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) für Aufregung. Vor einer Woche hatten Unbekannte Sprengstoffanschläge auf eine Moschee und das Kongresszentrum verübt. (Collage aus dpa-Meldungen)

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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2 Antworten zu Ach ja, Dresden

  1. Manfred Voita schreibt:

    In Tränen ausbrechen… klingt nach einer durchaus angemessenen Reaktion. Es ist zum Heulen.

  2. R3BB schreibt:

    Dabei gibt es Stimmen, die diesen Freistaat und seine Landeshauptstadt ganz gut einschätzen, der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke z.B.: „Wir haben dreierlei, was zu verbessern wäre. So könnte ich es formulieren. Nämlich das Polizeiverhalten wie gesagt, das Politikverhalten, klare Kante zu halten und zu sagen, gegenüber sowohl Pegida-Infamien, Aggressionen, Entfesselung von Ressentiments wie auch von Teilen der AfD, denn eins ist klar: In Deutschland, anders als in Österreich bei Rechtspopulisten, gibt es den braunen, den neonazistischen Gewaltsaum, der solche Aufschaukelung von Stimmungen nutzt und zu Gewalttaten schreitet und sie erschreit gewissermaßen. So in Heidenau, so in Freital, so in Bautzen, so an anderen Stellen. Und immer ist auch ein Polizeiversagen vor Ort festzustellen. Sie sehen also: Es gibt ein polizeiliches Versagen wiederholt, es gibt eine politische Schwäche, eine Verharmlosung. Und das dritte ist, dass ein Resonanzboden ins Schwingen gebracht worden ist, der aus Pegida-Kreisen kommt und der zum Teil aus AfD-Kreisen kommt und an den sich Neonazis der schlimmsten Sorte (gerade auch im Kontext von NPD) in den letzten Jahrzehnten andocken.“ (http://www.deutschlandfunk.de/pegida-proteste-auf-einheitsfeier-ein-gedankenloses.694.de.html?dram%3Aarticle_id=367645)

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