Zur Absurdität gegenwärtiger Versuche, kritische Theorie und emanzipatorische Praxis zusammenzubringen

Hier der – und immer noch nicht einmal netzaffin – stark gekürzte (!) Einwurf von Roger Behrens im Countdown zur Staffellesung der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss anläßlich dessen baldigen 100sten Geburtstags. Am Publikationsort des Geschehens habe ich Behrens´ Text mit „So isses“ kommentiert.

Die kritische Theorie ist Arbeit am Begriff, die heute isoliert im stillen Kämmerlein gemacht wird, am Schreibtisch; jeder mit weltaneignenden Erkenntnisinteresse verfolgte Gedanke ist der idiotischen Geschäftigkeit abgerungen, mit der ansonsten der Lebensunterhalt bestritten wird, bestritten werden muss – mit engagierten Eingriff, Courage und sonstigen bescheidenen Unternehmungen, sich zu widersetzen, das Schlimmste zu verhindern und womöglich nebenbei noch ein wenig für den Kommunismus zu machen, hat das alles herzlich wenig zu schaffen. Faktisch ist auch die Theorieproduktion der Restrestlinken, in deren Schublade auch ich mich eingerichtet habe, ebenso organisiert wie ein gewöhnliches Klein- und Ich-Unternehmen: Wirtschaftlich völlig unrentabel, umhüllt von der Lügenblase, sich selbstbestimmt und kreativ ein paar Gedanken machen zu können, schreibe ich seit Jahren den Deadlines hinterher, gegen Termindruck – längst nicht mehr gegen das Kapital. Das Beste, was dabei heraus kommen kann, ist, dass der durchkapitalisierte Kulturbetrieb das irgendwie honoriert.
Als »Politisierung der Kunst« entsteht jetzt (erst!) eine so genannte Gegenwartskunst – als konstitutives Segment der fortgeschrittenen Kulturindustrie, und damit als integrales Moment der Ästhetisierung der Politik. Überdies verdichtet sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Ästhetisierung der Politik zur ›Gesellschaft des Spektakels‹; und gegen diese kann eine Politisierung der Kunst nur in der doppelten Aufgabe gefasst werden: als Aufhebung von »Politik« und »Kunst« gleichermaßen. Ansonsten konvergieren die Ästhetisierung der Politik und die Politisierung der Kunst bloß und es passiert, was passiert: Die Gegenwartskunst ist das Spektakel.
Die Ästhetik des Widerstands als Auseinandersetzung mit der Kunst und den Künsten ist zugleich Auseinandersetzung mit der Geschichte, mit der Vergangenheit, ihrem Ungleichzeitigen und Unabgegoltenen; und diese Auseinandersetzung ist als Ästhetik des Widerstands auch der Versuch, sich als historisches Subjekt seine Identität zu sichern: als »verlebendigte Erfahrung«.
Der Faschismus, von dem ›Die Ästhetik des Widerstands‹ handelt, korrespondiert mit den Veränderungen der Verhältnisse von Individuum, Gesellschaft und Staat in der Zeit, in der Peter Weiss’ Roman erscheint (zu Ende der 70er Jahre) – und die von vielen, die den Roman diskutieren, als »Faschisierung« begriffen wird (diskutiert wird der Roman ja gerade in Hinblick auf seine praktischen Konsequenzen für die damalige Linke vor dem Hintergrund dieser Faschisierungs-These – Stichwort: Heißer Herbst).
Heute: (desintegrative Gesellschaft mit totalem Integrationszwang, Kritik und Kreativität als erweiterter Konformismus, Aggressivität als Kommunikationsparadigma, völlige Parzellierung der kollektiven wie individuellen Bewusstseinslagen, »Politik« als Befindlichkeit bzw. ästhetisches Geschmacksurteil, freie Meinung und Glaube [»Religion« in jeder Variation] als Rudimente und Atavismen bürgerlicher Werte im nachbürgerlichen Zeitalter; Kampf um Anerkennung, der auch von der Restrestlinken geführt wird als – zum Teil peinliche, zum Teil traurige – Anstrengung, Normierung und Hegemonie um die – zudem mitunter verzweifelt – gelebte diskriminierte, vermeintlich nonkonforme, dissidente Abweichung unbedingt zu erweitern).
Von den Achtzigern über die Neunziger und Nuller bis heute hat sich die politische Linke in eine Kulturlinke, schließlich ein als »links« verbrämtes Segment der Allgemeinkultur aufgelöst. Aus der radikalen Linken, die sich in den Achtzigern, weil kulturell ungebildet und mit den historischen Aufgaben überfordert, kunst- wie alltagsästhetisch an Politmythen und Agitationsphantasmen der späten 1920er und 1930er orientierte (nicht zuletzt eben auch rückgekoppelt an Literatur wie Weiss’ ›Ästhetik des Widerstands‹) ist eine auf den Dancefloors alternativer Clubs glücklich-hedonistisch zu sich selbst gekommene Restlinke geworden; verstrickt in privatistische Streitereien um Befindlichkeiten und Beleidigungen ist daraus eine Restrestlinke hervorgegangen – und das ist: eine radikale Linke, die faktisch inexistent ist. Hier zu bestreiten dazuzugehören, ist, um es mit Seven of Nine zu sagen, irrelevant und zwecklos: Es interessiert einfach nicht.
Was nunmehr zählte für eine Ästhetik des Widerstands, einschließlich einer Politisierung der Kunst, war, statt »kritisches Verhalten« (Horkheimer), einzig und allein ein repräsentationspolitisch um sich selber kreisendes Gehabe (ein Positivismus des Dabei-Seins) – die Ästhetik des Widerstands war der Lifestyle, die Politisierung der Kunst dessen bühnentaugliche Inszenierung.

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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