Rügen rügen – falls gebaut wird

In Binz geben offenbar wie erwartet viele Einwohner ihre Stimme bei der Landtagswahl ab. Das rege Interesse hängt vermutlich auch mit dem Bürgerentscheid zusammen, der parallel zur Landtagswahl läuft. 4780 Binzer sind aufgerufen, für oder gegen den Verkauf eines kommunalen Grundstücks im Ortsteil Prora direkt am Gelände des ehemaligen KdF-Bads abzustimmen. Dort will der Unternehmer Jürgen Breuer ein 104 Meter hohes Gebäude als Wohnturm errichten. Architekt Axel Drebing wirbt für seine Idee. Er will dem denkmalgeschützten KdF-Bad und seinen „2,6 Kilometern Stahlbeton in der Horizontale“ etwas entgegensetzen und zwar 104 Meter Stahl und Glas in der Vertikalen. Er findet: „So kann dieser Ort den Nazi-Geist von Prora überwinden.“ Ein Bürger hält dagegen: „Man kann eine Bausünde nicht mit einer neuen Bausünde wiedergutmachen.“
Dass der Ort mit gut 5000 Einwohnern und knapp 15 000 Betten inzwischen an seine Grenzen stößt, merkt Bürgermeister Karsten Schneider (Wählergemeinschaft Pro Binz) nicht nur, wenn er im Sommer im Stau steht, der dann allgegenwärtig ist auf der Insel. Er hat es auch im Vorfeld eines Grundstücksverkaufs gemerkt, der an diesem Samstag ansteht: Die Gemeinde versteigert ein 12 000 Quadratmeter großes Hanggrundstück in bester Lage, zentral gelegen und mit Blick auf den Schmachter See. 1,8 Millionen Euro ist das Mindestgebot, der Käufer soll Wohnhäuser darauf bauen, Einzel- oder Doppelhäuser – keine Ferienwohnungen. „Wir hätten deutlich mehr Geld einnehmen können, wenn wir Ferienwohnungen oder Hotels zugelassen hätten“, glaubt der Bürgermeister: „Aber das wäre einfach nicht mehr vermittelbar gewesen.“ Dass die Gemeinde einem guten Dutzend Kleingärtner, die bisher auf dem Gelände ihre Freizeit verbrachten, die Pachtverträge gekündigt hat, rückt da schon beinahe in den Hintergrund. „Es ist schon schade, dass wir hier wegmüssen“, sagt etwa Renate Haker, die mit ihrem Mann Claus eine Parzelle auf dem Hang gepachtet hatte und das Grundstück nun räumen muss: „Binz hat sein Gesicht verloren.“ Früher hat sie in der Kinderkurklinik gearbeitet, die 2009 geschlossen wurde: „Auf dem Gelände stehen heute drei Betonklötze.“ Gebaut hat sie Jürgen Breuer.
Wirtschaftsminister Harry Glawe sieht die Entwicklung auf der Insel Rügen als Erfolgsgeschichte, doch in vielen Gemeinden regt sich Widerstand gegen gigantische Bauvorhaben. Und auch 81 Prozent der Leser der Ostsee-Zeitung incl. meiner Stimme sind schon mal gegen eine weitere Touriverwurstung der schönsten Ostseeinsel.

Eilmeldung

Nachtrag:
+++ Die AfD hat überraschend nicht die absolute Mehrheit geholt +++ Eine „echte“ große Koalition aus SPD und AfD ist eher unwahrscheinlich +++ Die NPD wurde kurz vor der Prognose verboten, ihre Stimmen der AfD zugeschrieben +++ Mecklenburg-Vorpommern ist gerade noch einmal einer Fusion mit einem richtigen Bundesland (Niedersachsen) entgangen +++ Bei der Wahl standen nicht Bundes-, sondern Landesthemen im Vordergrund (Asylbewerber in MV, kriminelle Asylbewerber in MV, von Asylbewerbern vergewaltigte Frauen aus MV, nach MV eingeschleppte Krankheiten von Migranten) +++ Schuld am schlechten Abschneiden der Grünen war die entgegen dem Trend stark gesunkene Wahlbeteiligung von Bienenvölkern (Bienensterben) und Imkern (Imkersterben) +++ Die Wählerwanderung war wieder sehr stark, besonders im dünn besiedelten Ostvorpommern +++ Der IS ist auf dem Rückzug, wenn auch nicht in Mecklenburg-Vorpommern +++ (Titanic-Analyseticker zur Landtagswahl)

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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