Fiktionales Historytainment belebt den Stammtisch

Der Privatsender RTL hat am Karfreitag „Duell der Brüder“ ausgestrahlt, einen zum großen Teil frei erfundenen Spielfilm um die Anfänge der Gebrüder-Dassler-Sportschuhfabrik.
Klaus-Peter Gäbelein (Vorsitzender des Heimatvereins Herzogenaurach): „Typische Seifenoper nach US-Vorbild mit viel schwarz-weiß Malerei.“
Irene Lederer (Leiterin Stadtarchiv Herzogenaurach): „Es hätte schlimmer kommen können.“
Herbert Hainer (Vorstandsvorsitzender von Adidas): „Vielleicht wurden nicht alle Fakten historisch korrekt wiedergegeben, aber …“
Helmut Fischer (Früherer Werbeleiter von Puma und Archivar): „Sowohl Rudolf Dassler als auch sein Bruder Adolf waren sehr sportlich. Der Spitzname ‚Puma‘, wie Freunde Rudolf Dassler in jungen Jahren nannten, rührt daher, dass dieser ein begeisterter Sportler war. Im RTL-Film wird diese Sportlichkeit aber nur einseitig Adolf Dassler zugeschrieben. Um ihrer Leidenschaft für unterschiedliche Sportarten nachgehen zu können, brauchten beide Brüder verschiedene Sportschuhe. Sie konnten sich diese aber weder leisten noch waren Sportschuhe in Herzogenaurach erhältlich. Die Brüder profitierten davon, dass ihr Vater und Schuhfabrikarbeiter Christoph Dassler immer mal wieder Lederteile von seiner Arbeit in der ‚Fränkischen Schuhfabrik‘ nach Hause brachte. Beide Brüder, vornehmlich aber Adolf, fertigten daraus eigene Schuhe. Anfang der 1920er Jahre machte Rudolf eine Lehre zum Lederkaufmann in Nürnberg, während Adolf eine Lehre zum Bäcker aufnahm. 1928 lernte Rudolf Dassler bei den Olympischen Spielen in Amsterdam den damaligen Reichssportminister Josef Waitzer kennen und vereinbarte eine Zusammenarbeit mit ihm.
In Folge war Waitzer des Öfteren in Herzogenaurach zu Treffern mit den Dassler-Brüdern.
Der RTL-Film stellt Waitzer fälschlicherweise als Nazi dar. Er teilte jedoch nicht die Gesinnung der Nazis und des späteren Regimes, eine Tatsache, die auch zu seiner Ablösung 1937 führte. Rudolf Dassler war – entgegen seiner Darstellung im RTL-Film – weder Fremdenhasser noch Rassist. Ganz im Gegenteil: Er war es, der den Kontakt zur US-amerikanischen Leichtathletikmannschaft aufnahm und dabei unter anderem die spätere Olympiasiegerin (sic) Jesse Owens kennenlernte. Rudolf Dassler war in der gemeinsamen Firma unter anderem für die Werbung verantwortlich. Prospekte von 1938/39 belegen, dass er darin schwarze Sportler abbilden ließ und auch ganzseitige Anzeigen mit Jesse Owens verwendete – eine Tatsache, die im krassen Widerspruch zu seiner filmischen Darstellung als Rassist steht und diese als falsch entlarvt.
Die Affäre zwischen Käthe Dassler und Rudolf Dassler wird falsch dargestellt, indem der Film suggeriert, dass sie einseitig von Rudolf Dassler ausgelöst wurde. Ihm wird in plakativer Weise die Rolle des Frauenverführers angedichtet. Käthe Dassler war der treibende Keil zwischen den Brüdern und traute sich bald zu, die Aufgaben von Rudolf nach einer möglichen Trennung zu übernehmen.
Beide Brüder waren keine überzeugten Nazis, sondern traten der Partei 1933 nur deshalb bei, um ihre unternehmerische Existenz zu sichern. Im Film wird die Rolle von Adolf Dassler und Käthe Dassler in diesem Kontext falsch dargestellt – zum Beispiel hat sich die Szene, in der Käthe Dassler gegenüber den amerikanischen Soldaten nach dem Krieg auf die Verbindung mit Jesse Owens hinweist, so nicht ereignet. Rudolf Dassler war zu dieser Zeit bereits im Internierungslager Hammelburg, in dem er ein Jahr ohne eine Anklage oder Gerichtsurteil verbringen musste. Bis zu seinem Tod war Rudolf Dassler der Ansicht, dass Käthe Dassler zu seiner Verhaftung beigetragen hat.
In Bezug auf die Entwicklung der Schraubstollen-Fußballschuhe spiegelt der Film die historischen Tatsachen ebenfalls nicht zutreffend wider. Adolf und Rudolf Dassler haben die Schraubstollen getrennt voneinander entwickelt – wobei Rudolf Dassler vor seinem Bruder die ersten Schraubstollenschuhe zur Marktreife gebracht hat. Bereits im Mai 1954 – und damit vor dem WM-Finale in Bern am 4. Juli 1954 – trugen acht Spieler von Hannover 96 bei ihrem Sieg der Deutschen Meisterschaft gegen den 1. FC Kaiserslautern den PUMA-Schraubstollenschuh ‚BRASIL‘. Dies ist durch ein Schreiben eines Sportfachhändlers und PUMAs Anzeigenkampagne ‚So war es in Hamburg‘ historisch belegt.“
Gotthard Lohmaier (Historiker, Sohn eines Puma-Mitarbeiters): „Der Film mag für einen Nicht-Herzogenauracher eine unterhaltsame Schmonzette gewesen sein mit durchaus guten Schauspielern. Für den Herzogenauracher aber, besonders für den historisch Interessierten, gab es zu viele reißerische, spekulative Effekte, die weit von der Wahrheit entfernt sind.
In Kürze: Der eine Bruder (Adolf) kam im Vergleich zum anderen zu gut weg, was auch für die beiden Ehefrauen gilt. Denn Friedl (Rudolfs Gattin) war eine charmante, liebenswerte und positiv denkende Dame mit sozialem Fingerspitzengefühl, bestimmt nicht nur die eifersüchtige Trauerweide der RTL-Produktion. Die Mutter der Dasslers, Pauline, lebte ja bis zum Tode bei Rudolf in der Puma: Also so griesgrämig kann die Schwiegertochter dann nicht gewesen sein. Beide Brüder arrangierten sich mehr mit dem herrschenden NS-Regime als gezeigt, der eine als Sportwart der Hitlerjugend (Adolf), der andere im Vorstand des NS-Kraftfahr-Korps.
Die Schuhe für Jesse Owens als eine Art Widerstand Adolfs gegen das Regime halte ich für sehr spekulativ. Die Gründe für den nicht mehr zu kittenden Konflikt liegen eindeutig in der Frage, warum der eine (Adolf) nur kurz eingezogen wurde und der andere (Rudolf) nach 1945 im Internierungslager Hammelburg einsitzen musste. Das war in der späteren Dokumentation wenigstens einigermaßen ein Thema. Das Gerücht mit Horst als leiblichen Sohn des ‚Puma‘ taugt gut für die sensationslüsterne Welt der bunten Blätter und Privatfernsehsender. Schlimm auch noch die heile, fast immer blau-grüne Welt rund um das fiktive Herzogenaurach mit diesem idyllisch einsamen blitzsauberen Badesee (Wiwa- oder Dechsendorfer Weiher?), wo die Sünde des Fremdgehens nur so lauerte. Ja und dann auch noch die beiden Arbeitergrüppchen, die fast aufeinander losgegangen wären. Selbst in der späteren Dokumentation, die freilich einigermaßen sehenswert war, erscheinen die alten Klischees, zum Beispiel in den Worten eines adidas-Sprechers namens Müller, der von der ‚Stadt des gesenkten Blicks‘ spricht. So etwas verkauft sich halt gut, man behält es im Kopf. Natürlich hätte ich als Sohn einer Puma-Familie niemals adidas tragen dürfen, aber genauso richtig ist, dass meine ältere Schwester problemlos eine Zeitlang mit dem Sohn eines engen Adolf-Dassler-Mitarbeiters liiert war. Neu für mich war der abgrundtiefe Hass zwischen den Rudolf Dassler-Söhnen, tatsächlich beinahe eine neue Story. Was man der Dokumentation ankreiden muss: Es redeten zu viele Werbeträger der ein oder anderen Seite, dagegen fast keine Arbeiter der 1950er oder 1960er Jahre.
Warum zum Beispiel ging ein Georg Hetzler damals mit Rudolf an die Würzburger Straße, warum blieben andere bei Adolf? Wie war das soziale Klima usw. Aber der Konflikt der berühmten ‚Gebrüder Dassler‘ beleuchtet unseren grauen Alltag natürlich viel mehr, regt die Phantasie an und belebt den Stammtisch der nächsten Wochen.“

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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