Wir sind die Endgeräte

Die Besitzer der digitalen Endgeräte verfügen, genau wie ihre analogen Vorfahren, über bloß 24stündige Tage, die maximale Smartphone-Nutzungszeit lässt sich nicht unendlich steigern.

Ein besonders perfides Beispiel für selbstgefällige Geschäftsmodelle im Kontext des Internets der Dinge ist der sogenannte Schutzranzen. Das Steinbeis-Institut für Digitale Innovationen in Berlin entwickelte eine App, die vorgeblich das Leben von Schulanfängern schützen soll. Auf der Cebit-Preview in Hamburg im Januar erklärte Direktor Walter Hildebrandt seine Erfindung: »Das Auto ist zum rollenden Büro geworden, der Autofahrer erhält während einer Fahrt ständig neue Anrufe, weshalb er vermindert auf den Verkehr achtet.« Auf Hildebrandts rhetorische Frage, was er gegen seine Unachtsamkeit tun könne, antwortete er nicht: »Smartphone ausschalten«, sondern: »Die Sichtbarkeit des Kindes muss erhöht werden.« Da – laut Hildebrandt – 40 Prozent aller Schulkinder über ein Smartphone verfügten, sei es geraten, die Kinder mit den Autofahrern zu vernetzen, eben durch jenen Schutzranzen. Die App befinde sich auf den Smartphones der Schulkinder und der Autofahrer. Der Autofahrer erhalte eine Warnmeldung, sobald sich ein Kind in seiner Nähe befinde. Also müssten nur alle Autofahrer und mindestens alle 700.000 Schulanfänger, wenn nicht alle 2,8 Millionen Grundschüler, mit der App ausgestattet werden, dann werden die Autofahrer gewarnt – wenn sie sich nicht gerade von Anrufen ablenken lassen. »Alle 18 Minuten wird ein Kind im deutschen Straßenverkehr verletzt, alle vier Tage eines getötet«, sagte Hildebrandt. Dass ein Verzicht auf die überflüssige Autofahrerei in Großstädten, das konsequente Unterlassen von Telefoniererei im Auto, verkehrsberuhigte Straßen, breitere Fuß- und Radwege das Kind mehr zu schützen vermögen als Smartphonedauerpiepserei im Fond des stressgeplagten Dauersurfers, mochte Hildebrandt nicht gelten lassen. Die ganze Unvernunft der Digitalbelobigung bündelt sich in einem Satz, den der Erfinder während eines Podiumsgesprächs äußerte: »Ich als deutscher Vater glaube, dass wir die Digitalisierung des Kindes hinkriegen.« Nach dem Internet der Dinge folgt also das Internet des Kindes. Dass ein verantwortungsvoller Wissenschaftler die Hirnfestplatte des Herrn Hildebrandt austauscht, darf leider niemand erwarten.

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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