Erschütterungspotential

Achim Szepanski: „Der Moment des Todes wird abgefilmt. Auch die Ghostwriter von Merkel waren ganz schnell zur Stelle und zauberten den ältesten rhetorischen Hut aus der Mottenkiste des Katastrophenjournalismus hervor. Der Akt sei unfassbar, überschreite jedes menschliche Vorstellungsvermögen. Aber ist diese Art der Überschreitung nicht tief in die deutsche Historie eingeschrieben?“ – „Poes entwendeter Brief gemahnt daran, dass das Geheimnis offen auf dem Tisch liegen kann. Wenn die mediale Aktualität gestern eine andere als heute war und morgen wieder eine andere sein wird, nämlich dieselbe, dann kann man der Aktualitätshysterie einfach nicht mehr entkommen, es sei denn, man fordert sie mit feinen Nadelstichen der Intoleranz heraus oder übersät sie mit Perversionen. “ – „In diesem Kontext scheint die klassische Depression durch eine digitale Massen-Panik ersetzt, eine Art latenter Melancholie verschnitten mit einer Menge Wahnsinn. Dabei ahmen die panisch Regierten oft nur die panisch Regierenden nach. Schon bei der Fluzeugentführung in Mogadischu im Jahr 1977 wurde dem Publikum doch hinlänglich vorgeführt, dass der Staat prinzipiell kein Problem damit hat, eventuell 90 Personen auf einen Schlag über die Klinge springen zu lassen. An solcherlei staatliche Manöver hat man sich längst gewöhnt, warum dann nicht selbst ein einziges Mal den Hijacker mimen, die Dinge selbst in die Hand nehmen und das Flugzeug in die Türme oder an den Berg setzen. Opfer scheissegal oder gar einkalkuliert.“ – „Nach der Katastrophe liegen dann die Katastrophenorte tagelang im Einzugsbereich der journalistischen Besichtungen & Besetzungen, der Indienstnahmen und Missionen; weiträumige Polizeisperren trennen das Innen und das Außen, verhindern die Zugänge/Zutritte seitens der durch das Fernsehen und Radio hyperinformierten Massen.“ –

Alf Mayer: „Die Skyline von Frankfurt am Main in schwarzen Rauch gehüllt, als wäre der Krieg in den Metropolen angekommen. Dieses Bild vom Mittwoch, 18. März 2015, dem Tag der offiziellen Eröffnungsfeier der neuen Türme der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt, war so heftig, dass es die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bis heute in ihren Printausgaben nicht veröffentlichte. Keine Totale der Stadt, auf deren Türme man sonst so stolz ist, nur Nahaufnahmen der Blockupy-Proteste. Eine qualmende Kreuzung ja, ein Feuerchen auf dem Opernplatz, aber nicht dieses Breitwandbild der Stadt von Osten her, die Sonne im Rücken, wie am Mittwochmorgen zum Auftakt der Anti-EZB-Proteste himmelstürmend schwarze Quellwolken die Skyline durchzogen, als brenne all das Geld der über 400 Frankfurter Banken.“ – „Entschlossene und gut vorbereitete Aktivisten hatten da als Frühschicht gezielt und beweglich wie Wolfsrudel zugeschlagen, um den Protesttag zum Fanal zu machen. Am Ende der gleichen Morgenstunde griffen sie sogar ein Polizeirevier in der Innenstadt an, setzten Polizeiautos in Brand, in einem saß noch ein Polizist. Dieser Blitzkrieg überraschte die Ordnungskräfte ebenso wie vermutlich die meisten zum friedlichen Demonstrieren angereisten Kundgebungsteilnehmer – und natürlich veränderte dieser Gewaltritt die Wahrnehmung des Tages, wurde entsprechend getwittert und bestimmte die Kommentare.“ –

Nacktblockade

Was wir uns diese Woche vornehmen: Aus dem Pressekodex ein paar Papierflieger bauen und sie Kai Diekmann auf den Schreibtisch werfen (ohne Safeword) (Titanic-Newsticker, 29.3.2015)

Stefan Gärtner: „Kurios allerdings, daß über diesen dialektisch-ironischen Umweg die nationale, obszön vereinnahmende Geste der ubiquitären Trauerbeflaggung plötzlich völlig einleuchtet: Denn das Kollektiv, das hier um seine Söhne und Töchter trauert, wäre ja dasselbe, in dem die ewige Rede vom Individuum und dessen unbedingt primärem Glück all jene zu individuellen Spitzenleistungen aufstachelt, ‚denen schon gar nichts mehr übrigbleibt als das begriffslose Diesda ihres Daseins‘ (Adorno). Das sie dann ggf. so begriffslos beenden, wie sie es im Zweifel geführt haben.“

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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