Die freie Lügenpresse, von denen die Namensgeber aber abhängig sind

Die freie Presse, ein kompliziertes, manchmal ekliges und manchmal kreatives Durcheinander von ehrenwerten, nicht so ehrenwerten und ehrlosen Personen und Institutionen, ist drauf und dran, die Fähigkeit zu verlieren, Erzählungen der Welt zu erzeugen, mit denen eine demokratische, liberale und kapitalistische, oder auch eine postdemokratische, digitalkontrollierte und finanzkapitalistische Gesellschaft richtig’ leben kann. Der Markt kann sich ‘Qualitätsjournalismus’ bald nicht mehr leisten.
Was ist eigentlich die Aufgabe einer „freien Presse“? Schwer zu sagen. Jedenfalls nicht das, was wir im Heimat- und Sachkunde-Unterricht darüber gelernt haben …

Der ehrenwerte Journalist steht sich selber und seiner Erzählung kritisch gegenüber und ist bereit, sie im Zweifelsfall zu revidieren …

Der nicht so ehrenwerte Journalist kreiert die Erzählung, die er schon mehr oder weniger fertig im Kopf hat, die Erzählung, die seiner Einstellung, seinem Milieu, seinem Wissensstand, seinen Interessen entspricht. Er wird im Zweifelsfall Partikel der Wirklichkeit ausblenden oder entsprechend interpretieren, um seiner eigenen Erzählung von der Welt nicht zu widersprechen. Der nicht so ehrenwerte Journalist will die Welt seiner Erzählung (oder der seiner Auftraggeber) unterordnen …

Der ehrlose Journalist dagegen kreiert die Erzählung, die von ihm gefragt und abgefragt wird. Von seinen Auftraggebern und von deren Kunden, den Zuschauern, Zuhörern und Lesern. Dem ehrlosen Journalisten sind die Partikel der Wirklichkeit nur Anlass und Material, marktgängige, interessengesteuerte Geschichten zu erzeugen …

Natürlich gibt es diese Unterscheidung in der Wirklichkeit einer freien Markt-Presse nicht so klar, wie sie in der Theorie scheinen mag …

Gegenschnitt: „Lügenpresse!“ Die furchtbare Pegida-Bewegungsversammlung von Nazis, die jetzt schon wissen, dass sie nachher keine gewesen sein werden, hält dieses Schild nicht umsonst hoch, auch das in direkter Übernahme des Neonazi-Rituals: „Die Presse lügt. Die Presse lügt“ skandieren sie, denn sie selber wollen Erzählung werden und nicht erzählt werden.

Insofern bedeutet das „Lügenpresse“ der Pegida ganz und gar nicht, dass man den Medien als Nachrichtenübermittlung oder Erzählmaschine nicht traute. Man ist da, ganz im Gegenteil, nachgerade presse-süchtig. Wenn ein als Lügenschleuder durchaus bekanntes Blatt eine Lügengeschichte über das Verbot von „Weihnachtsmärkten“ durch üble Allianzen von Islamisten und „Liberalen“ druckt, egal ob das das Werk eines karrieresüchtigen Praktikanten oder einer Koksnase der alten Garde des ehrlosen Journalismus ist, dann wird dies sofort und umstandslos „geglaubt“.

Werbeanzeigen

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
Dieser Beitrag wurde unter Zeitdiagnostik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Die freie Lügenpresse, von denen die Namensgeber aber abhängig sind

  1. Günter Kroll schreibt:

    Nun ja, wie richtig zu leben sei, davon haben wir beide ja so unsere eigenen Vorstellungen, nicht wahr? Mit Erzählungen hat das am allerwenigsten zu tun, aus dem Alter, Märchen aufgetischt zu bekommen, sind wir raus, davon werden wir nicht satt! Auf dem Markt aber ist offenbar gar nicht mehr der Journalist noch im Angebot, der subjektiv versucht, Objektivität herzustellen, indem er vom Wirklichen nicht erzählt, sondern die Wahrheit berichtet. Nil satis nisi veritas!

    Dass ansonsten die, die die Presse der Lüge bezichtigen, dieselbe Presse selbst benötigen zur Information, ist eine Binsenwahrheit. journalistenwatch braucht eben die Journalisten zum Abwatschen und betreibt dadurch erst selbst das, was er ihnen vorwirft: die bewusste, methodische Lüge der Propaganda wegen. Die eigene Untat auf jene zu projizieren, deren Tat abgekupfert wird zur ideologischen Entstellung, darin ist der Ideologe ja deutscher Meister.

    Ich lese gerade wieder Neues von Wiglaf Droste, und da steht in seinem Buch „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv“ das Folgende zum Thema:
    „Journalismus ist nicht distanzierte Betrachtung der Welt, ihrer Bewohner und ihrer Gegenstände, sondern Ranschmeiße ans Publikum und praktiziertes Helfersyndrom für schwankende Politiker. Journalismus stellt Politik nicht in Frage, er berät vielmehr, macht Vorschläge und beteiligt sich. Politik und Medien verkleben in Sache und Rhetorik zu einem nicht mehr in seine einzelnen Bestandteile zerlegbaren Ganzen. Man kann auch Brei dazu sagen.“
    Amen!

    • R8BB schreibt:

      Ja, so ist das wohl mit der gegenseitigen Abhängigkeit im ‚klebrigen Ganzen‘. Mit der ausdrücklichen Zustimmung zum gegebenen Zitat möchte ich eins vom Medienkritiker Ulrich Enderwitz hinzutun: „Da die Welt sich partout nicht verändern will beziehungweise Veränderung nur in der Vexierform einer Transformation des immer Gleichen zu kennen scheint, bleibt es nach wie vor unsere Aufgabe, sie zu interpretieren.“ (reichtum-und-religion.de) – – – N.b.: Überlege, Dein ‚Nil satis nisi veritas!‘ zu übernehmen; Dank schon mal vorab! 😉

    • Günter Kroll schreibt:

      Und eins noch nachgereicht: das Märchen von der undurchschaubaren Komplexität der Welt, Mantra einer gut damit lebenden Journaille, dient natürlich auch nur der Verdummung und dem Tabu, sie von anderen durchschauen zu lassen als ihr selbst, um sich die alleinige Deutungshoheit vorzubehalten: Ich bin der Herr, dein Vordenker, du sollst keine anderen Gedanken neben mir haben!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s