Rand- und Spitzenpolitik der Akronyme: Montags-Spaziergänge zur Inhumanität

Innerhalb weniger Wochen sind die »Hooligans gegen Salafisten« (Hogesa) zu einer Art Spitzenbedrohung für die Innere Sicherheit der Bundesrepublik aufgestiegen: Medien, Innenminister und Polizeigewerkschafter wetteiferten um die dramatischste Lageeinschätzung und den treffendsten Superlativ. – – – Ohne das Bedrohungspotential gewaltbereiter Schläger kleinreden zu wollen, kommt man bei näherer Betrachtung der Bilder und O-Töne des Kölner Aufmarschs doch recht schnell zu dem Ergebnis, dass dort eine in vielfacher Hinsicht altbekannte Mischung aufgelaufen ist: Angehörige eines weit überwiegend männlichen, gewaltbereiten, weißen deutschen Subproletariats, die mit zum Teil antiislamischen, zum Teil rassistischen und zum Teil neofaschistischen Parolen durch die Straßen zogen. – – – Dabei hätte man natürlich wissen können, welche Dynamik Soziale Medien wie Facebook entfalten können: 2010 hatte das Netzwerk in Deutschland knapp sechs Millionen Nutzer, heute sind es fast 30 Millionen. Niemals zuvor stand ein derart mächtiges Werkzeug zur Verfügung, um innerhalb kürzester Zeit eine so große Gruppe von Menschen anzusprechen. – – – Hogesa organisierte sich zunächst in einer geschlossenen Facebook-Gruppe mit dem bezeichnenden Namen »Weil Deutsche sich’s noch trau’n!«. – – – Diese »alte Garde«, wie sie sich selbst sieht, kehrt nun noch einmal auf die Straße zurück, um ihre »alten Werte« zu verteidigen. Für diese Gruppen sind die Salafisten nur ein neuer  Pappkamerad: Gemeint sind wie eh und je alle, die nicht ins rechtsextreme Weltbild der teutonischen Krieger passen. – – –
Unbenannt - 5Viele Teilnehmer sehen sich selbst als die wahren, die besseren Deutschen: Familienväter, Arbeiter, Ehe- und Hausfrauen – die stolz auf Herkunft, Kleinfamilie und Schäferhund sind. Sie teilen viele Ideale mit einem breiten Spektrum ganz »normaler« Deutscher, die sich keineswegs als rechtsextrem verstehen oder gerieren. Laut der Langzeitstudie Deutsche Zustände (10 Bde., Berlin 2002–2010) findet gut die Hälfte der Befragten, dass »in Deutschland zuviele Ausländer leben«. Wer will sich da noch über die Anschlussfähigkeit von Parolen wie »Salafisten raus!« wundern? – – – Die »Angst vor Überfremdung« führte bereits zu Beginn der neunziger Jahre zu Pogromen, rassistischer Gewalt, Mord und Totschlag – und 1993 schließlich auch zur Einschränkung des Grundrechts auf Asyl. In den letzten Jahren schrieben Rechtspopulisten wie Thilo Sarrazin Bestseller mit demagogischem Unterton über die »Islamisierung« und/oder den Untergang Deutschlands. Seit 2010 steigen parallel dazu die Zahlen der Flüchtlinge – was an vielen Orten Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte nach sich zieht. Genau wie bei Hogesa spielen auch bei diesen rassistischen Mobilisierungen Soziale Netzwerke eine große Rolle. – – – Und das neue Akronym, Pegida, Müngida et al., woher hat die *Mitte der Gesellschaft* das denn? – – – Die Mitte ist zuverlässig rechts, vorurteilsvoll und gewaltbereit. Immer gewesen. In Doitschland natürlich nur gegen unten.

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
Dieser Beitrag wurde unter Zeitdiagnostik abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s