Mein Gast zur Weihnacht

Trinkt sein Bier lieber nicht allein: Gerhard Polt im Münchner Wirtshaus Paulaner im Tal. Die Zeitung meiner heutigen Wahl war dabei. Mein Kürzungslokalbericht.
Wollten Sie in der DDR eine politische Botschaft rüberbringen?
Wir haben natürlich gewusst, dass wir die DDR nicht umkrempeln werden. Aber wenn man schon da rüberfährt, dann will man auch ein paar Sachen loswerden. Das Verwunderliche war, dass nicht die Dinge provoziert haben, von denen wir gedacht haben, sie würden provozieren, sondern eine Geschichte, die ich für harmlos gehalten habe. Mir hat mal einer gesagt, er finde Russen grundsätzlich sympathisch, der Russe als Mensch sei überhaupt tadellos, er habe sie aber selten kennengelernt, weil er sie hauptsächlich erschossen habe. Das habe ich da erzählt. Da wurde es ganz still im Saal. Hernach habe ich erfahren, dass das Wort „Russe“ in der DDR quasi verboten war. Die Leute wussten, dass man das nicht sagt, so ähnlich wie bei uns „Neger“. Man musste „Sowjetmensch“ sagen oder „unsere Freunde in der Sowjetunion“.
Würden Sie selbst in eine politische Talkshow gehen?
Ich habe solche Angebote immer abgelehnt, weil ich das Gefühl hatte, dass auch von mir Stereotype erwartet werden, ein paar witzige Bemerkungen. Und danach heißt es dann: „So, Spaß beiseite, jetzt reden wir über die Krim.“
Sie sind gerne in Wirtshäusern?
Mich interessieren die Leute dort. Vor allem mit Wirten bin ich gerne in Berührung. Die sind ja auch Zwischenwirte.
Was meinen Sie damit?
Da kommt was, eine Geschichte, der Wirt nimmt sie an und gibt sie weiter.

Früher saßen Leute unterschiedlichster sozialer Herkunft oft stundenlang im Wirtshaus und haben geredet, Witze erzählt oder Karten gespielt. Aber das geht heute nicht mehr, auch in München nicht, weil der Druck der Brauereien so groß und die Mieten so hoch sind, dass ein normaler Wirt nicht zuschauen kann, wenn die Leute wenig konsumieren. Er braucht zahlungskräftiges Publikum, das isst und dann schnell wieder geht. So wurde das Wirtshaus zur Gaststätte.

herforderLernen Sie im Wirtshaus mehr über die Menschen als im Literaturhaus?
Im Zweifel ja. Deswegen ist der Lokalreporter für mich auch der interessanteste Journalist. Ich kenne Auslandskorrespondenten: alles wunderbare Leute, gescheit, gebildet. Aber nichts gegen das, was die Lokalreporter zu erzählen haben, die bei den Bienenzüchtern dabeisitzen oder wenn im Gemeinderat darüber entschieden wird, ob eine Straße verbreitert werden soll. Und erst die Partisanenkriege am Gartenzaun! Oder wenn einer seine Garage so baut, dass sie dem Nachbarn die Sicht verstellt. Das ist für mich interessanter, als wenn ich höre, dass ein afrikanischer Diktator Leute umbringt. Das weiß ich eh, und so viele Methoden des Meuchelns gibt es auch wieder nicht.

Aber es passiert eben ganz schnell, dass ein Mensch, und sei es nur mit einem Nebensatz, ins Bodenlose kippt. Da sitzt dann einer und sagt, wie schön es bei uns in Bayern ist, der Himmel weiß und blau und die Kühe – ein Idyll. Und dann: „Ein Neger würde da nicht reinpassen.“ Aber das sagt der nicht böse. Das ist halt seine Meinung. Und dann zuckt natürlich jeder zusammen und denkt, hoppla, das war jetzt natürlich allerhand.

Jetzt haben wir noch gar nicht über Weihnachten gesprochen.
Wir hatten es doch gerade von den menschlichen Unzulänglichkeiten. Da passt Weihnachten doch gut rein. Es gibt ja von der Mitscherlich das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“. Das könnte man ergänzen: „Die Unfähigkeit zu feiern“. Für viele ist feiern ein echtes Problem. Soweit ich weiß, gibt es inzwischen sogar Kurse, wo Leute unter Anleitung lernen können, wie eine Feier nicht nur zu organisieren, sondern auch zu begehen ist.

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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