Dritter Advent, nichts verpennt

Ich gehe gern auf Beerdigungen. Ich schaue in die Zeitung, lese die Todesanzeigen, ziehe mir etwas Dunkles an und mische mich unter die Trauergäste. Ich halte es für vernünftig, sich frühzeitig mit dem Tod vertraut zu machen. Nicht, daß ich nekrophil oder lebensmüde wäre, aber ich finde, es gehört einfach dazu. Wenn es heiß ist, sind die schattigen Gräber am angenehmsten. Heute hat man mich sogar zum Kaffeetrinken eingeladen.
Im Saal des Sportvereins sitze ich neben einer Frau, die wissen will, wie ich zu dem Verstorbenen stehe. Sie heißt Carola. Sie nennt den Todesfall tragisch und den Toten einen guten Menschen.
DSCN4207Carola geht zur Toilette und zieht ihren Lippenstift nach, dann setzt sie sich wieder zu mir. Manchmal lächelt sie mich an, aber immer bleibt sie schicklich. Ich weiß nicht, warum sie überhaupt lächelt. Vielleicht ist es Verlegenheit oder Mitleid. Sie arbeitet in einem Supermarkt, und sie sieht aus wie eine Frau, über die man sagt, daß sie schon einiges durchgemacht hat. Wahrscheinlich ist sie geschieden und hat eine kleine Tochter, die jetzt im Kindergarten ist. Sie sagt, wenn man hinfalle, müsse man wieder aufstehen. Was soll man dagegen sagen?
Die Leute sind nicht reich, das merkt man, aber sie reden immer davon, daß man die Welt mit Würde verlassen müsse. Mehrmals höre ich dieses Wort: mit Würde leben und sterben. Und einmal sagt jemand, daß man immer anständig bleiben müsse. Selbst wenn ich anderer Meinung wäre, bin ich viel zu träge, um zu widersprechen. Es stünde mir auch nicht zu.
Am Ende steckt mir Carola einen Zettel mit ihrer Adresse zu und meint, man könne sich ja mal treffen. Ich weiß nicht, warum sie mir vertraut, vielleicht, weil sie denkt, daß wir nach diesem Tag etwas gemeinsam haben. Sie sieht gar nicht verzweifelt aus, und das gefällt mir. »Wenn nicht, dann nicht«, sagt sie und lächelt. Ich werde den Zettel lange in meiner Jackentasche aufbewahren. Das Papier wird schon ganz faserig sein, und man wird kaum noch etwas lesen können. Ein paarmal werde ich fast soweit sein, sie anzurufen, aber dann werde ich den Zettel wegwerfen. Allerdings weiß ich dann ihre Adresse und Telefonnummer schon auswendig, so daß ich darauf zurückkommen könnte.
»Also dann«, sagt sie, »vielleicht bis irgendwann mal.« Sicher wird es mir nichts ausmachen, sie nicht wiederzutreffen, aber es ist schon merkwürdig, wie viele Menschen man gekannt hat, von denen man weiß, daß man sie bis zum Ende seines Lebens nicht mehr sehen wird, sogar Menschen, mit denen man eng befreundet war. Man denkt an sie, man ist einen Moment beunruhigt, dann vergißt man sie wieder, und vielleicht werden sie einem nie mehr in den Sinn kommen.

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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