„Waldis Club“ – der mediale nicht sich schämende Boulevard

„Es war Jauch, der Hartmann zum Experten stempelte. Die Möglichkeit, sich zu irren, hat Jauch ihm damit genommen. ‚Ich bin der Tor der Fernsehgeschichte‘, sagte er. Sowas sagt kein Experte und kein Versager. Sowas sagt ein Mensch.“ (Kathrin Spoerr auf welt.de)

Ja, ein Weißbier drauf! Aber es war auch nicht Jauch, es war auch nicht Hartmann, es war das System der Medien, das heute den Skandal, den Unterrock, die feminine Brustwarze, das Unverschämte mehr präsentiert denn je. Denn natürlich ist Jauch ein multimedialer Experte, und natürlich ist Waldemar Hartmann ein Fußballexperte – und am meisten Bild-Mediales springt heraus, wenn einer patzt. Was eben auch Experten passieren kann. – Und das ist medienimmanent das Beste fürs Fernsehvolk, für die Netzgemeinde. Container of Überschreitung von Schamgrenzen.
Die im Container leben alle von ihren Überschreitungen – die ehemaligen Tennisstars, die Sieger von München ´72, die Dopinghelden allüberall, die trinkenden Schauspielerdarsteller. Sie alle leben im Mediencontainer vom Mediencontainer, solange sie sich vermarktbar halten, mitmachen bei ihrer Degradierung. Genau das ist als Metapher „Waldis Club“.
Nett getalkt ist halb gewonnen, aber erst das Fettnäpfchen macht Platz 1 in den Charts des Boulevards. Unterhaltung sucht und braucht die Provokation, die Tabuverletzung, sonst unterhält sie nicht mehr, ist langweilig. Ein Informationswert ist völlig nebensächlich in den Medien. Quote bringt die Zote.
Es ist doch heute schon so, das man das Wetter nach der immer mehr unterhaltenwollenden Wetterpräsentation gar nicht mehr weiß, daß das Mehr an kurzen Röcken, langen bonden Locken und das Mehr an Gefuchtel der offenen Kragenträger die Information ins Nichts der Nullwahrnehmung spediert; weshalb man noch auf Wetter-Websites gucken muß, wenn man´s wirklich wissen will.
Letztlich empfehle ich wieder einmal Ulrich Enderwitz, Die Medien und ihre Information, Freiburg: ca ira Verlag.

Bei aller Schadenfreude sollte man die Relationen nicht aus dem Blick verlieren. Das Ausmaß des Spotts nahm in kürzester Zeit Ausmaße an, die bestenfalls absurd zu nennen sind. Fast fühlte man sich ans alte Rom erinnert, wo sich das Publikum am Versagen der Gladiatoren in der Arena ergötzte. Günther Jauch sorgte sinnbildlich für den gesenkten Daumen, als er nach dem Telefonat das Glas in die Kamera hielt und sagte: „Mit Wasser wäre das nicht passiert.“ Ein billiger Seitenhieb auf das Interview Hartmanns 2003 mit einem missgelaunten Nationaltrainer Rudi Völler, der ihm unterstellte, schon diverse Weizenbiere getrunken zu haben. (Stephanie Kriege, NOZ)

Und das Glück ist immer und ARD: Franziska Reichenbacher!

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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8 Antworten zu „Waldis Club“ – der mediale nicht sich schämende Boulevard

  1. walter ter linde schreibt:

    Ja, das Wetter, inzwischen zum wesentlichen aller Nachrichtensendungen gehypt. Ist das Wetter auch nich schick, so die Darbieter übersehr …

  2. Hagen Schumacher schreibt:

    Waldi ist ein Vertreter des „befreundeten“ Journalisten. Null Distanz, null Objektivität, Geschwätz. Muß er sich nicht wundern, wenn er im System mitschwimmen will. Völler gehört übrigens auch dazu, wie der Jauch. Der Lanz, die Maybritt, die Maischberger. Will sowieso.

    • The Violet White Football Sofa schreibt:

      Ich mag ihn nicht so, aber ob er mal einen daneben haut oder nicht: er bleibt eine Institution.

  3. H. Herforder schreibt:

    „Schauspielerdarsteller“ – selbst die TV-‚Journalisten‘.

  4. regelmeier schreibt:

    Waldi ist aber immer noch einer aus dem wahren Leben. Im Gegensatz zu Maybritt, Will, Lanz, Beckmann oder Kerner. – Da guckt man ja lieber den Trash mit Taff, Brisant oder Birgit Schrowange …

  5. mentalpunker schreibt:

    Wenn ich einem dieser Knallreporter des Fußballsports seine Plauderstunde gönne, dann ist das Waldemar Hartmann. Gute und auch kompetente Unterhaltung.

  6. nöggelmann schreibt:

    Warum ist der Ex-Fußballer und Trainer Mario Basler für Talks interessant? Weil er eben kein 08/15-Fuzzi ist, sondern schon zu aktiven Zeiten geraucht hat und das ein oder andere Getränk nicht ausgeschlagen hat. Und weil er eben trotzdem (?) ´ne Menge Ahnung hat und die auch formulieren kann. – Ich bin für den dreckigen Fußball, gegen den glatten Event-Arena-Fußball!

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