Adressat bekannt!

Vor zwölf Jahren hat Elke Heidenreich in einem Nachwort eine Feier gemacht, eine gebürgerlicht gutdeutsche, um ein kleines Buch bei Hoffmann und Campe. Gejubelt hat sie, wollte das Buch zur Pflichtlektüre der neuen deutschen Mädels und bildungshungrigen deutschen Jungs machen, damit sie lernen, – – – was keine, gar keine Literatur ist?
Bejubelt hat sie Kressmann Taylors ‚Adressat unbekannt‘, ein fiktiver Briefwechsel, der aus Schablonen gebaut spätestens nach dem Krieg, alles man alles wußte, die Shoah nämlich endgültig, in der Schublade der Mentalitätsgeschichte verschwinden hätte müssen zu interdisziplinärer wissenschaftlicher Erforschung. Und wie Werbung funktioniert, denn Werber ist sie, die Autorin.
Aber das Buch von 1938, vor den Pogromnächten im November veröffentlicht, das inhaltlich 1934 schon endet als literarische Antizipation vom Judenmord, als das es bestenfalls gelesen werden kann, wird 2001 in Deutschland, vorher schon in Frankreich, noch einmal aufgelegt. Rührstückliebhaberin Heidenreich jubelt; aber das Buch ist in jeder relevanten Hinsicht sehr schlecht: es ist unliterarisch, nach Medienschablonen gebaut, es ist fiktiv, wo es auf Realität ankäme, es ist rachebesetzt dort, wo gerade Deutsche – Nachwortschreiber auch – sich enthalten müßten einer Meinung dazu, es ist ein bürgerliches Rührstück, das zweihundert Jahre seit Lessing verpaßt hat: es ist einfach ein unsägliches Buch. Eine Schweinerei. Wie das Buch etwa von Anne Michaels (siehe in der Seitennavigation ‚Rezensionen‘ Literaturpolitische Fluchtstücke oder Roman ohne Kritik).
Ich würde gerne wissen, was mein Gewährsmann Claude Lanzmann zu solchen ‚Büchern‘ sagen würde. Wollte er solche Bücher überhaupt kennen? Und was treibt Iris Berben dazu, zur Pogrombedenkung am 9. November 2012 daraus zu lesen im Berliner Ensemble.
Unkenntnis und Illiterarität scheinen mir bei diesem Komplex volksvereinigt. Alles, was man falsch machen kann, vom Lektorat bis zum Vertrieb in eine literarische Öffentlichkeit, hat man auf einen großen Haufen geschmissen. Kein Wunder, daß große Zeitungen sich durch Schweigen im Feuilleton ausgezeichnet haben. Emotional begründete superliteraturkritische Tränen-Printprodukte schreiben jedoch: „Ein kleines, aber starkes Buch, das nicht umsonst vielerorts wärmstens empfohlen wird. Ich möchte mich da anschließen!“ (Petra). Was die Brigitte sagt, weiß und will ich nicht wissen. Mit schwachem Sinn ‚rezensieren‘ in solchem Sinne etwa die Literaturpäpste und Päpstinnen der Regionalliga:
http://www.die-leselust.de
http://www.grauerhof.de
http://wortakzente.wordpress.com
http://www.buecher4um.de
http://serendipitybooks.wordpress.com
http://www.lovelybooks.de
http://literatwo.wordpress.com
http://www.trockenbrot.com

Zum Schluß und meiner empört ablehnenden Lektüre zugeneigt die Wikipedia: „Tatsächlich kommt der letzte Brief, der auf das Frühjahr 1934 datiert ist, mit dem Vermerk zurück: Adressat unbekannt. Zwar bleibt das Schicksal Schulses offen, die Autorin impliziert jedoch mit der Komposition ihres Briefromanes die physische Vernichtung des Martin Schulse.“ – Martin S. ist im fiktiven Briefroman ‚der Deutsche‘ – und Eisenstein ist ‚der Jude‘. Und alles spielt im hochbürgerlichen heidenreichen Wagner-Milieu der Galeristen und Kunstbeflissenen.
Daß zuerst die Proletarier mit Kopf dran glauben mußten, die Kommunisten und Sozialisten, dann die humanen Gläubigen mit politischem Kopf, das kommt gar nicht vor. In diesem in doitsch-romantischer Freundschaft versinkendem zu vergessenden Buch. Es ist, ganz kurz und knapp gesagt, eine Entschuldung und Wiedererhöhung der läppischen und auch antisemitischen Bürgerseele.
Also eben: Pflichtlektüre!

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Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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Eine Antwort zu Adressat bekannt!

  1. menno! schreibt:

    was für ein
    hochnäsig-verfasster blog.
    da fehlt bein verfasser jede bereitschaft
    des eindenkens in das erscheinungsdatum,
    sowie in das thema: rache:

    ein existentielles.
    das blüten treibt,
    und dem
    auch heute und hier
    mit alpenveilchen
    oder einem kollektiven nichtwissenwollen
    begegnet wird.

    (elke heidenreich mag ich für ihren einsatz hin zum lesen und als mops-frauchen,
    ihre literatur-empfehlungen: leider überwiegend schrottig)

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