Koinzidenz – Grass krass beleuchtet

Und doch kenne ich einen Gegenstand, in dem sich Sozialdemokratie und Faschismus tatsächlich unangenehm berühren, und wer wäre verwahrlost genug, nicht flugs zu erkennen, daß ich von Günter Grass rede?

Wie jeder Revisionismus der Geschichtsbetrachtung beginnt auch der von Günter Grass mit einer Wahrheit, die nie ein Mensch geleugnet hat: Der Zweite Weltkrieg hat auch deutsche Opfer gefordert. Wer etwas Offenkundiges ausspricht, das zudem keiner leugnet, von dem läßt sich wohl vermuten, daß es ihm um mehr geht als bloß die Mitteilung dieser Information. Ein allgemein bekannter Umstand, der ausgesprochen wird, als handle es sich dabei um ein Tabu, ist die psychostrategische Grundlage, die das weitere Vorgehen ermöglicht. Es wird der Eindruck erweckt, als sei die öffentliche Wahrnehmung in einer Schieflage, damit die folgende Verfälschung der Geschichte als ein Geraderücken der eigentlichen Verhältnisse erscheint. Daß auch Deutsche im Weltkrieg zu Opfern wurden, war von Beginn an Thema der deutschen Historiographie; der Presse allemal. Die Vergewaltigung der Berliner Damenwelt seitens (wohl kaum grundlos) haßerfüllter Rotarmisten oder die Handvoll Kriegsverbrechen, die die Alliierten tatsächlich begangen haben (Katyn, Hiroshima, Dresden etc.), waren in der Bundesrepublik – dem Land, das die Befreiung von 1945 bis heute als Niederlage bezeichnet – von Beginn an Thema von Untersuchungen und tränentriefenden Erinnerungen. Nur jemand, der die Untaten der Alliierten ernstlich mit denen der Nazis gleichsetzen wollte, konnte die historiographische Behandlung dieser Vorgänge als unterentwickelt betrachten.
Seit etwa zwanzig Jahren läuft Grassens gesamte politische Entwicklung auf diese Art revisionistische Selbstfindung hinaus.

Zum literarischen Fehlstart siehe hier.

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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Eine Antwort zu Koinzidenz – Grass krass beleuchtet

  1. M. Breitenberger schreibt:

    Die revisionistischen Selbstfindung geht voran und die Kommentare im Freitag? Wie beinahe immer. Hahaha.

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