Zu Übungszwecken: Butler sind Diener ihrer Herrschaft

Über Butler, Diener, Aktionismen und (falsche) Fans
»Stell dir vor, ich habe in der Zeitung gelesen, daß die Adorno-Preistägerin Judith Butler die These vertritt, die Begriffe Mann und Frau seien überflüssig.«
Spinnen tut sie nicht, die amerikanische Wissenschaftlerin, im Gegensatz zu manchen ihrer Fans.
Butler legt dar, daß eben diese scheinnatürliche Kategorie selber schon eine Konstruktion desjenigen sprachlich organisierten und reglementierten Machtsystems ist, aus dem das feministische Subjekt sich befreien will. Die Frauen klagen ihre Emanzipation bei den Trägern jenes Herrschaftsbereichs ein, dessen Produkt sie selber sind.
Ihre zentrale Frage lautet: »Stellt nicht die Konstruktion der Kategorie ›Frau(en)‹ als kohärentes, festes Subjekt eine unvermeidliche Regulierung und Verdinglichung der Geschlechterbeziehungen dar?«
Sie schlägt vor, die Vorstellung von einer irgendwie gearteten weiblichen Identität gänzlich fallenzulassen.
Das Geschlecht (sex) ist ebenso wie die Geschlechtsidentität (gender) »kulturell hervorgebracht«. Und es ist, darin folgt Butler Foucault, die List der Macht, beide voneinander zu trennen und dem konstruierten Geschlecht nachträglich den Stempel Natur aufzudrücken. Wir haben es mithin bei der Geschlechterordnung nicht mit natürlichen Tatsachen zu tun, sondern mit normativen, Tatsachen erzeugenden sprachlichen Setzungen.
So weit, so einleuchtend. Was aber, bitteschön, fangen wir damit an? Gibt es für dieses Gedanken-Werkzeug auch eine Gebrauchsanweisung zur Herstellung einer besseren Welt? Oder, theoretisch formuliert: Kann eine Theorie, die derart radikal sämtliche gesellschaftlichen, um nicht zu sagen menschlichen, Ordnungskategorien als ideologieverfallen verwirft, ihrem selbstgestellten Anspruch genügen, trotzdem feministische Handlungsmöglichkeiten bereitzustellen?
Butler kann nicht für die Schlichtheit ihrer Adeptinnen haftbar gemacht werden. Adorno, der ja auch mehr praxisorientierte Liebhaber hatte, als ihm recht war, hat sich z.B. immer gegen »Anwender« seiner Philosophie gewandt und sich erst recht vor Handlungsanweisungen gehütet.
Butler dagegen hat selber auch die Geister gerufen, die sie nun nicht mehr los wird. Das Mißverständnis ist schon in ihrer Theorie angelegt, die eben nicht nur Theorie, sondern auch Praxisanleitung sein will.
Butler steht für die Sehnsucht nach deutlichen, nach aktiven Lösungen, nach Realpolitik.
Adorno steht für Reflexion (und damit auch für die Tugend aller in ihrer meisten Zeit leidenden Fußballfans: Wartenkönnen, Niederlagen aushalten, Siege feiern, Hoffnung haben, weiter lieben, nicht nur seine Farben, sondern die ganze [Fußball] Welt), für Gesellschaftsbetrachtung durch Kritik.
Den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt würde ich höchstens an Adorno vergeben, jedes Jahr posthum. Ok, auch an Horkheimer, aber das wäre schon Sex – oder Gender.
(Initiative: Christel Dormagen, 1994)

„Die international prominenteste feministische Theoretikerin, Judith Butler, der die Universitäten die Erweiterung der Frauenforschung zur Gender-Forschung verdanken, hat sich indes nie ernsthaft mit Adorno auseinandergesetzt. Ihre Untersuchungen fußen auf Foucaults genealogisch-diskursanalytischer Methode sowie auf Derridas Dekonstruktion der Dichotomie von »Kultur« und »Natur«, verbleiben also im Dunstkreis des Poststrukturalismus.
Seit einigen Jahren jedoch läßt sich in Butlers Arbeiten eine Akzentverschiebung beobachten, weg von spezifisch gendertheoretischen Themen hin zur Auseinandersetzung mit moralphilosophischen Fragestellungen, die um die Hegelsche Dialektik von Selbstbehauptung und Anerkennung kreisen und damit zumindest potentiell auf dem Terrain Kritischer Theorie angesiedelt sind.
Die Kategorie des Menschseins selbst ist in den Konzentrationslagern liquidiert worden, und es gehört ein großes Maß historischer Ignoranz dazu, wenn Butler Adornos Moralphilosophie als Versuch liest, zu bestimmen, was »menschlich sein« bedeute, ohne zu reflektieren, daß gerade die Erfahrung universaler und irreversibler Entmenschlichung Movens von Adornos Denken war. So richtig Butlers Einsicht ist, daß die Reduktion ethischer Maximen auf bloße »Selbsterhaltung« und die Verwandlung menschlicher Bedürfnisse in kodifizierte »Rechtsansprüche« von Adorno als Zeichen jener Entmenschlichung abgelehnt würden – die Behauptung, »unsere Chance, menschlich zu werden« liege darin, »wie wir auf Verletzungen reagieren«, bleibt erschreckend hilflos. »Verletzungen« – dies hat schon die Auseinandersetzung mit Rassismus und Sexismus in Haß spricht gezeigt – scheinen in Butlers Welt ohnehin vorwiegend als symbolische Verletzungen zu existieren, die sich sprachpragmatisch analysieren lassen. Daß Verletzungen auch körperlich sein können, daß der Prüfstein einer der Gegenwart angemessenen Ethik die Degradierung menschlicher Körper zu »Abfall« und »Rohstoff« sein müßte, kommt einer Philosophie nicht in den Sinn, die den menschlichen Körper nur als Fläche diskursiver »Einschreibungen« und als Objekt subversiver ästhetischer Inszenierungen kennt. Insofern hat auch Butlers Konzept des gender trouble, das biologistische Zuschreibungen umgehen möchte, indem es den (weiblichen) Körper zum Produkt performativer Akte erklärt, seine eigene Dialektik.“
Magnus Klaue, 2003

Nachtrag: 6.9.12 Eintrag der Geisterbahn

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
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8 Antworten zu Zu Übungszwecken: Butler sind Diener ihrer Herrschaft

  1. Der Bassist schreibt:

    Gerne gelesen die „übungszwecke“. Die mysteriöse Zahl 27 ist freilich eine natürlich selbstgemachte Mythologie und bezieht sich nur auf wenige Ab-Schreibübungen am Freitag, anderntags ist alles sehr rational aufgeräumt in vier Schubladen, die auch nur sehr begrenzt und offensichtlich hauptsächlich in runden Sachen gezogen werden. Meine Lieblings-27 ist übrigens lila-weiß, die spielt aber samstags. – Und was die anderen wo machen, finde ich gut, oder zunehmend auch gar nicht gut. Oder so La-la mit Stimmgabel verloren …

    • rainer kühn schreibt:

      Erschreckender als 27 Nickologen vom wem auch immer sind schreibende Gärtner, gärtnernde Köche und andere schöne und kluge Dumme. Und natürlich Bielefeld.

  2. rahab schreibt:

    vielleicht, ich meine so ganz vielleicht … wär es doch gescheiter, Butler zu lesen und nicht das, was Klaue an Butler nicht verstanden hat dass sie an Adorno nicht verstanden hätte oder so?

  3. rahab schreibt:

    undd nicht vergessen: Judith hat Holofernes einen kopf kürzer gemacht!

  4. wwalkie schreibt:

    Gescheiter Text, Rainer Kühn, einer, wie man ihn manchmal (viel zu selten) in der Freitag Commmunity liest. Es war wohl mal eine Frau an der Reihe, den Adornopreis entgegenzunehmen , was bezüglich Butlers etwas spät gekommener Existenz-vor-Essenz-Theorie besonders abstrus ist, denn ehrlich: Butlers Erkenntnisse sind schon zwanzig Jahre alt, und für jeden Sartre/Beauvoir-Leser schon damals nicht neu gewesen. So wenig wie ihre Vernachlässigung der „gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse“ neu war. Nun ja, Gender statt Surrender – gibt etwas Hoffnung. Genauso wie die voluntaristische Volte: Ich bin links. Aber muss ich mich darum so blöd anstellen, ausgerechnet islamistischen Genderkult als legitim anzusehen?

    Und darum, rahab, ich formuliere etwas schroff: wer wen köpft, tut überhaupt nichts (mehr) zur Sache. Geköpft werden wir alle. Manche denken trotzdem weiter. Wie kommt’s?

    • rainer kühn schreibt:

      Danke für die Einschätzung, wwalkie. Ich habe Butler, Foucault, die anderen Modephilosophen alle in den 80er Jahren studiert, und auch weiter verfolgt, an die wesentliche Erkenntnis kritischer Theorie reichen sie nicht heran. Zum Adornopreis für Butler zitiere ich mal meinen alten Frankfurter Kollegen und Autor Matthias Altenburg hier, seine Geisterbahn janseghers.de, vom 6.6.12:
      „Egal, was diese Frau sonst noch gesagt und geschrieben hat, folgendes Zitat sollte ausreichen, diese Ehrung zu überdenken: “Yes, understanding Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left, is extremely important.”
      Judith Butler ist nicht nur eine Freundin von Hamas und Hisbollah, sie ist außerdem Unterstützerin des antizionistischen BDS-Movements, auf dessen Internet-Seite sich folgender Boykottaufruf an Wissenschaftler, Künstler und Kulturschaffende aus aller Welt findet:
      >1. Unterlassen Sie jede Teilnahme in jeder Form an akademischen und kulturellen Gemeinschaftsprojekten mit israelischen Einrichtungen.
      2. Unterstützen Sie auf nationaler und internationaler Ebene einen umfassenden Boykott von israelischen Institutionen; was auch heißt, jede Form der Unterstützung und Förderung dieser Institutionen zu unterlassen.
      3. Befürworten Sie es, Israel von der Förderung durch internationale akademische Einrichtungen auszuschließen und fernzuhalten.
      4. Befördern Sie die Verurteilung der israelischen Politik dadurch, dass Sie auf Resolutionen drängen, die von wissenschaftlichen und kulturellen Vereinigungen und Berufsorganisationen verabschiedet werden.
      5. Unterstützen Sie akademische und kulturelle Einrichtungen der Palästinenser direkt, ohne für diese Unterstützung eine direkte oder indirekte Zusammenarbeit dieser Einrichtungen mit Israel zu verlangen.<
      Und eine Frau, die für solche Forderungen eintritt, soll einen in Deutschland verliehenen und nach Adorno benannten Preis bekommen. Wahrhaftig, man schluckt trocken."
      Und: Natürlich lese ich weiterhin kluge Köpfe in der Freitagscommunity, auch Leute, die einfach gut schreiben können. – Wie kompliziert das alles ist, wußte wohl Adorno schon, als die mediale Totalvergesellschaftung erst am Anfang war, auch für heute am besten. DIE RICHTIGE Position gibt es schon lange nicht mehr, sie war schon untergegangen, als die Frankfurter Sozialforschung ihre Studien begonnen hat. – Fragment und Essay, Aphorismen, Minima Moralia; nicht große Würfe. – Dank & Gruß

    • rahab schreibt:

      siehste, wwalkie – genau in rainers zitatantwort liegt die crux des aufruhrs ob der preisverleihung. und macht sie (die antwort) und ihn (den aufruhr) so dumm.
      nicht nur, dass es auch explizit ‚linken‘ zionismus gab und gibt … so ganz allgemein könnte man zionismus als ‚links‘ bezeichnen, wo er als bewegung anstrebt, menschen (in diesem fall jüdische) aus unterdrückung und verfolgung zu befreien. da trifft er sich mit fatah wie hamas, wo die anstreben, menschen (in diesem fall palästinensische) aus unterdrückung und verfolgung zu befreien. das ist dann aber, tät ich Butler entgegenhalten, auch schon alles, was daran ‚links‘ ist.
      und dann müßte, könnte die diskussion darum beginnen, wie aus der löblichen absicht ein wirklich linkes projekt werden könnte … bis hin dazu, ob boykott ja oder nein ein geeignetes mittel wäre, ob staat dies wäre, ob einer, zwei oder viele….
      genau diese diskussion findet aber nicht statt, sondern es wird einfach nur das existenzrecht des staates israel in stellung gegen islamistischen gender kult (huch! was ist das denn?) oder ein hadith oder oder oder gebracht.
      was nicht zuletzt (mal wieder!) die „gesellschaftlichen produktionsverhältnisse“ sträflich vernachläßigt.

      ach ja … ich könnte mir statt Butler auch Spivak als preisträgerin vorstellen….
      und das ding mit dem geköpften feldhernn ist dem spiel mit den dienern vieler herren geschuldet.

      als letztes noch: nach lektüre von „von der Parodie zur Politik“ ist mann vielleicht ein bißchen schlauer!

    • rahab schreibt:

      in einem hast du allerdings recht, wwalkie
      diese ehrung kommt ein bißchen spät. denn schließlich ist ausgehend auch von gender trouble aber nicht nur vieles schon wieder viel weiter gedacht, sind neue praxen entstanden, alte, vergessene wieder aufgegriffen worden, wird die nicht nur geschlechtliche zwangsheteronormativität von vielen seiten aus angegangen.
      bis allerdings im wissenschafts-preis-betrieb angekommen sein wird, dass mann nicht geboren, sondern …. da wird wohl noch einiges an den „gesellschaftlichen re-produktionsverhältnissen“ geändert werden müssen.

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