„daß der ganze Mensch rede“ – Gauck im Kontext

Der Nachfolger von Christian Wulff ist nur noch über eine Frage zu verhindern: MUSS GAUCK JETZT HEIRATEN? (Versale Schlagzeile im Portal WEB.DE) Eine spontane Straßenbefragung am Faschingsdienstag ergab als Gesamtergebnis: „Ein Bundespräsident sollte nur mit dem AMT verheiratet sein.“ Und dieses auch lieben; und nicht beschädigen. – – –
Mich erinnert der Sprachgebrauch von Joachim Gauck immer an eine alte Kritik dieses fortschwelenden Jargons, von Adorno an der wabernden Sprache Heideggers und seines Dunstkreises festgemacht: ‚Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie!‘
Es geht dort um die ‚marktgängigen Edelsubstantive‘, die nach alter Unsitte ‚das Plebiszitäre und das Elitäre weise mixen‘.* Auftrag etwa, oder Begegnung, das Gespräch suchen, ein Anliegen haben. Und so etwas in ewig gleicher wechselnder Konstellation. Eine Desorganisation von Sprache in Signalworte. Für einen Bundespräsidenten vielleicht nicht schlecht, ist der doch die säkulare Autorität als Zerfallsform einer befohlen gottgegebenen. – Ich lese mit Adorno: „die Himmelfahrt des Wortes über den Bereich des Tatsächlichen“!
*Fundstücke bisher: Koordinatensystem religiöser Sinngebung, Orientierungslosigkeit der Moderne, unheilige Sakralität, das Geschehen des deutschen Judenmordes, Dimension der Absolutheit, Element des Erschauerns, verstörend ungeordnete Moderne.
N.b.: “Entweltlichung des Holocaust” sieht Gauck ausgerechnet dort, wo  ‘ernsthafte Aufarbeitung der Vergangenheit’ (Adorno) aufgelöst wird in einen routinierten Gedenkkultus und eingezwängt ist in einen von Katastrophe zu Katastrophe fortschreitenden Gedenkkalender. – Gauck führt den permanenten Kopfstand vor. Wahrlich, eine Symbolfigur.

_____
Wolfgang Benz, sehr geschätzt, betreibt im Interview mit der taz eine Repolitisierung, eine Diplomatisierung Gaucks; weil er der nächste nicht mehr zu verhindernde Präsident wird. Er stellt Gaucks Zitate also notwendig in einen Kontext, in dem sie nie standen. That´s Realpolitik.

Werbeanzeigen

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Geschichtspolitik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu „daß der ganze Mensch rede“ – Gauck im Kontext

  1. Der Bassist schreibt:

    http://www.jutta-ditfurth.de/allgemein/Ditfurth-Gauck-20120220.pdf
    Mit Christian Wulff hat sich die politische Klasse eines lästig geworden kleinbürgerlichen korrupten Aufsteigers entledigt, während die viel größeren Geschäftemacher der Parteien weiter ungestört ihren Interessen nachgehen können.
    Um die Peinlichkeit zu übertünchen, wurde nun Joachim Gauck, der Prediger für die verrohende Mittelschicht gerufen.
    Dass CDU/SPD/FDP und Grüne ihn gemeinsam aufstellen verrät uns, dass uns noch mehr Sozialstaatszerstörung, noch mehr Kriege und noch weniger Demokratie drohen. Einen wie ihn holt man, um den Leuten die Ohren vollzuquatschen.
    Gaucks neoliberales Verständnis von Freiheit als Freiheit des Bourgeois, schließt soziale Menschenrechte aus. Von sozialer Gleichheit als Bedingung wirklicher Freiheit versteht er nichts. Mit der Agenda 2010 und ihren brutalen Folgen ist er sehr einverstanden, für die Betroffenen und ihre Proteste hat er stets nur Verachtung. Kritik am Kapitalismus findet Gauck lächerlich. Die Entscheidung zur Begrenzung der Laufzeit von AKWs gefühlsduselig.
    Dem Krieg in Afghanistan hat Gauck die Treue gehalten, denn auch dieser Christ ist ein Krieger. In der Vertriebenfrage ist der künftige Bundespräsident ein Kumpan von Erika Steinbach und hat Probleme mit der polnischen Westgrenze. Was er von Demokratie und Humanismus hält, verrät er, indem er für die Verfassungsschutzüberwachung der Linkspartei eintritt und den Ideologen des Rassismus der Mitte, Thilo Sarrazin, „mutig“ findet. Hat jemand je eine scharfe und überzeugende Kritik an Nazis von ihm gehört? Fremdenfeindlichkeit kann er verstehen, aber er schätzt es nicht, »wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird«.
    Gauck ist ein Anhänger der Totalitarismusideologie, der Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus. Mit seiner Aufstellung als Kandidat bekennen sich CDU/SPD/Grüne und FDP zu dieser unerträglichen reaktionären Weltsicht. Der Kandidat und die vier ihn aufstellenden Parteien passen zueinander.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s