Über Wasser untergetaucht

Bettina Stangneth hat mit ihrer Fleißarbeit Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders Hunderte, ja Tausende Belege zusammengetragen, die zeigen sollen, dass Adolf Eichmanns Name vor 1945 und danach vielen Deutschen vertraut war, ja dass sein Name und seine Funktion einem größeren Teil der Weltöffentlichkeit bekannt war. Stangneths Methode ist die der Naivität.
Ihr fiel auf, dass, als Israels Premierminister David Ben Gurion 1960 die Verhaftung Eichmanns bekannt gab, nicht etwa Fragen, wer dieser Mann wohl war, veröffentlicht wurden, sondern sofort Betrachtungen über dessen Charakter folgten. »Der scheinbar Unbekannte« hatte, fiel Stangneth auf, »schon mehr Spitznamen als die meisten Nazis: Caligula, Zar der Juden, der Endlöser, Bürokrat und Massenmörder«.
Die Autorin erinnert beispielsweise an eine Geschichte aus dem Jahr 1937, als Eichmann die Abschiedsfeier für Rabbiner Joachim Prinz in Berlin sprengte und sich so der jüdischen deutschen Öffentlichkeit als ekelhafter, pöbelnder und von keinen Hemmungen gebremster Antisemit präsentierte; als einer, den man sich merken musste.
Eichmann war öffentlich und wollte es sein. Er war für jeden erkennbar dem Führungs- und Verwaltungsapparat des NS-Regimes zugehörig.
Der Rezensent schließt: Ein wichtiger Beitrag zur Erforschung der Frage, wie viel – nämlich sehr viel – in der deutschen Öffentlichkeit über den Massenmord an den Juden bekannt und wie groß folglich die nach 1945 einsetzende Verdrängung war.

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Geschichtspolitik, Kunst & Buch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Über Wasser untergetaucht

  1. Magda schreibt:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Unter_dem_Schatten_deiner_Fl%C3%BCgel

    Dieses Buch wurde schon zu DDR-Zeiten verlegt. Jochen Klepper „Unter dem Schatten Deiner Flügel“. Ein sehr bürgerlicher, ehrgeiziger Autor, der eine jüdische Frau hat und deshalb zunehmend Repressalien ausgesetzt ist.

    Am Ende stößt Klepper auch auf Eichmann, der den Töchtern seiner Frau die Ausreise verweigert und denen dadurch die Deportation droht. Sie bringen sich alle um.

    Dass es KZ’s gab, wussten alle in Deutschland, hat meine Mutter immer erzählt, aber das Ausmaß der Vernichtungsmaschinerie, das kannten nicht alle.

    Aber darüber wurde dann später – ausführlich – gesprochen. Zu DDR Zeiten mit vielen Einseitigkeiten, aber auch mit Ernsthaftigkeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s