Schafft dieses Schland mich?

1. Ich glaube, dass ein Land mit 16 Ministerpräsidenten und vier, fünf Wahlen pro Jahr einfach unregierbar ist – was im Prinzip auch sympathische Züge hat. Ich glaube, eine Gesellschaft ist dann reif, wenn sie keine Regierung braucht. Wenn sie die Regierung outsourcen würden und das Land an Disneyland vermieten, dann würde hier doch im Prinzip alles so weiterlaufen wie jetzt. Und zwar deswegen, weil die Gesellschaft relativ gefestigt ist. Ich weiß, es ist eine Phrase, aber es ist trotzdem so: Die Politiker haben den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Wenn diese Leute nicht regelmäßig einkaufen gehen, wenn sie nicht wissen, wie viel ein Pfund Butter bei Aldi kostet, wenn sie nicht wissen, wie eine verwahrloste Fußgängerzone im Ruhrgebiet aussieht – dann haben sie keine Beziehung zur Wirklichkeit. Und wenn sie jetzt zugeben würden, dass was schief läuft, käme ja auch sofort die Frage: Warum habt ihr das nicht eher gemerkt?

2. Die Reaktionen auf Sarrazin zeigen für mich vor allem, dass die Politiker vergessen haben, dass eine Demokratie nicht von richtigen, sondern von falschen Meinungen lebt. Über richtige Meinungen gibt es immer einen Konsens. Da ist sofort Ruhe. Falsche Meinungen dagegen provozieren immer eine Debatte. Es gibt natürlich auch falsche Meinungen, die nicht mal einen Widerspruch wert sind. Aber das, was Sarrazin schreibt, liegt innerhalb des demokratischen Spektrums. Die Folge ist, dass darüber debattiert wird. Der Versuch, Sarrazin zum Schweigen zu bringen oder ihn zu diskreditieren, wird nur neue Sarrazins hervorrufen.

Das sind zwei Statements aus einem Interview der HNA mit Henryk M. Broder zu Thilo Sarrazin. In meinem Statement vor zwölf Jahren Darüber reden sie alle. Anmerkungen zur debattierenden Gesellschaft schrieb ich letztlich: „Debatten sind wichtig als Austauschforen vernünftiger Argumente. Debatten werden zu bloßen Ritualen, wenn das bessere Argument in der Sache keine Folgen zeitigt. Die Fritz-Fischer-Kontroverse, der Historikerstreit, die Goldhagen-Debatte, die Wehrmachtsausstellungsdiskussion – what´s right, what´s falsch, immer wieder in unterschiedlichem Interesse neu aufgelegt im kommunikativen Adel von Kontroverse, Streit, Debatte, Diskussion. Es gibt einen Standpunkt, es gibt einen Gegenstandpunkt, und es gibt unendlich viele Differenzierungen, so lange, bis alles gesagt ist und keiner eigentlich mehr Lust hat, es sei denn, auf die nächste Debatte. Neues Spiel, alter Gegner, ad infinitum. Das ist die Geschäftsgrundlage, und die steht schließlich nicht zur Debatte, genauer: nicht zur Entscheidung.“ (Büchergilde magazin 1/98) – Und btw: Zum Menschenfeindlichen und zum Rassismus Thilo Sarrazins ist wohl das Wesentliche gesagt.

Werbeanzeigen

Über rainer kühn

Den autoritären Charakter findet man leider von links bis erwartet rechts in allen Schwatzbuden des Internetzls. (Theodor W. Adorno & seine kritische Theorie)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Zeitdiagnostik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s