Zum Buch

Zwischen dem Buchmessen in Leipzig und Frankfurt paßt immer noch eine individuelle Lektüre: und eben solche eher neuerer Bücher werden ab nun hier vorgestellt vom Blogbetreiber und von Gastautoren. – Auf dieser Seite schon mal ein Rückblick aufs Kommende …

Daß das gesagt ist. Piwitt hilft hingucken
Auf hundertsechsundzwanzig Seiten bringt es dieser Roman noch, gleichwohl nach der ersten auch schon alles erzählt ist. „Der Rest vom Mond herunter“, beginnt sie und markiert eine Erzählposition, in der am schwarzen Taghimmel der Mondheimat der blaue Planet verkehrt herum aufgeht. „Versteht sich.“
„Alles ist gesagt“, davon geht das Erzählen aus. Alles besetzt. Alles inzwischen ein Schlachtfeld, so, wie es aussieht und sich anhört. Da sagt die Mutter auf die Frage des Kindes, wer das am Nachbartisch gewesen sei: „Das war auch eine Mutter.“ Und gegen solche nicht mehr auszubauenden und zu vertiefenden Szenen sind die großen Geschichten schon pompös erzählt und damit zugerichtet und zurichtend, als Geschichtswerk oder als Roman. In Kopf und Körper der Leser, der Hörer, der Zwangsteilnehmer am Medien- und Bildschirmwesen.
Das Land, von dem erzählt wird, ist dumpf und ohne Verstand. Seit je. Das beginnt schon in der Kindheit, wo mit Messern hantiert wird und Frösche dran glauben müssen, und wo auch schon gegen die Spielkameraden privat gewirtschaftet wird. Und auch später, wenn Maschinen die vom Erwerb gezeichneten Erwachsenen freisetzen könnten – und ja auch sollten – vom Zwang zur Arbeit, wird um so starrer von den Menschen am Falschen festgehalten. „Was Worte verlieren. Jedes Wort über sie ist verloren.“ Und, wir hatten das schon, alles ist gesagt.
Piwitt zerreißt seine Figur, ob den Bruder des Erzählers, der kirre wird an der Welt und mit Alzheimer in der Psychiatrie endet, ob Friedrich den Großen, Leitidee eines Hauses, das Führer und Helden braucht. „Dynast“ heißen die Abschnitte, die den Toleranzsouverän betreffen, sie skizzieren eine räuberische Biographie, in der selbst Friedrichs Eßplatz aussieht wie ein Schlachtfeld. Kunersdorf, Siebenjähriger Krieg. Kein Weg führt da zum Briefpartner Voltaire und irgendwelchen hehren Idealen.
Oder setzt sie wieder zusammen, den alten Deutschlehrer etwa, der heute von fortschrittlicher Gedankenmode damals zurück ist zum neoliberalen Geist der Zeit, dagegen die Akademikerin, die Taxi fährt und solche zugerichtete Dummheit noch wahrnehmen kann. Ja, es gibt noch klare Wahrnehmung in dieser trüben und tumben Welt. Vom Obdachlosen etwa, der bemerkt, was für ein schöner Herbsttag.
Die kurzen und längeren Abschnitte des Romans haben manchmal Titel, Süden des Herzens etwa oder Zu Hause. Oder auch Roman und Novelle. Und was für eine Novelle das ist: mit einem italienischen Bergsee als Helden. Das Mirakel von Brandenburg. Aber das Erzählen selber ist zerrissen, es springt, nimmt auf, bricht ab, manchmal sogar im Satz. „Soviel dazu. Daß auch das gesagt ist.“ Manchmal ist der Duktus mündlich, wie bei einer Familienfeier, und das noch, das muß noch erzählt werden, und in Jahren loser Chronologie fügt sich vielleicht was.
Die beiden Kapitel des Romans heißen „Kunersdorf“ und „Jahre unter ihnen“. Piwitt hat darin das Land erkundet, leise fortsetzend sein Buch vom „unversöhnlich sanften Ende“. Mondheimaten werden verbunden, Welten, in denen man die Sinne verlieren will, um bei Sinnen zu bleiben. Erzählt wird irgendwo von der Rückseite des Mondes her. „Das hatten wir.“ Das lesen wir zwei- und dreimal.

Hermann Peter Piwitt, Jahre unter ihnen. Roman, Göttingen: Wallstein Verlag 2006, 126 Seiten

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Stille, heftige Ablösungen
14 Fertigfragmente von Gregor Hens
Der achtunddreißigjährige Schriftsteller und Berufsgermanist Gregor Hens erzählt in seinem zweiten Buch vierzehn Geschichten. Geschichten von Abschied, Tod, Trauer, Schuld, Schmerz.
Sein neues Buch „Transfer Lounge” umfasst nur 136 Seiten Text, und seine deutsch-amerikanischen Geschichten, so der Untertitel, sind also sehr sparsam gehalten. Sie lassen aber nichts aus, ja, es fehlt ihnen an nichts.
In längeren und kürzeren Abschnitten, oder Zusammenhängen, geht es immer voran, oder zurück, und bald kommt der Punkt, wo eine Geschichte ihr Zentrum erreicht hat.
Hens erzählt in einer klaren Sprache, die ohne Beiwerk Vorgänge, Handlungen, Außenwelt und Gedankengänge beschreibt, anschaulich macht.
Er entwirft in seinen kurzen Geschichten Bilder, Szenen, die sich dann letztlich zu einer kompletten Story finden. Manchmal geben die Zwischenräume, die den Zusammenhang der fortschreitend erzählten Standbilder ermöglichen, scheinbar Raum für einen großen Roman, aber: Es ist schon alles gesagt.
„Es gehe, sagte sie, als das Taxi vor ihrer Wohnung hielt, um die Nanosekunden, in denen wir unsere Geschichte aus den Augen verlieren und von dem berührt werden, was wir als unsere eigene Natur bezeichnen.”
Und an diese kurzen Sequenzen schreibt Gregor Hens sich heran. Auf Punkt und Komma. Anderen Satzzeichen wird kaum vertraut. Mit Sätzen, die komplett ansetzen, dann aber, die Szene weiter beschreibend, aufs Subjekt erst verzichten, auf Subjekt und Prädikat dann ganz verzichten, um ruhig, aber zügig und doch verständlich, sehr verständlich, auf den nächsten Punkt zu kommen. Die Natur der Sache zu erreichen.
Wenn es in einer Geschichte, in der der ehemalige Freund seine Freundin zu deren Verwandten bringen will, auf einmal heißt, daß der Glanz ihrer Augen eben nicht ihm gegolten habe, daß er einfach zu ihr gehörte, immer da gewesen sei, Teil ihrer Natur sei.
Wenn in einer anderen Geschichte das Eigene, das Authentische, der durch Wohnung, Kleidung und anderes zusammengewürfelte Lebensstil eben als zusammengewürfelt und bloßes Zitat entdeckt wird.
Wenn die Ankündigung einer Geschichte, ein Bankschließfach komme vor, in einem Absatz sämtliche Literatur-und-Film-mit-Bankschließfach-Varianten offenlegt.
Es liegt eben in der Natur der Sache, daß die  Geschichten von Ablösungen (aus dem alten Beruf, vom Lebenspartner, von den Eltern, vom Heimatort) doch ihre bekannte und immer wieder unbekannte Natur haben, daß es Gemeinsamkeiten gibt: Zusammenhänge der Trennungen.
Die klaren und präzisen Sätze von Gregor Hens beschreiben Prozesse der Ablösung. Der absolut gewählte Wortbau des Autors läßt in den Geschichten trotzdem humane Einheit(en) entstehen. Fertigfragmente. Aber doch kein Ganzes.
„Als der Therapeut wissen wollte, was diese Wörter in diesem Kontext zu bedeuten hätten, sagte Jamie, er solle sich keine Sorgen machen, die beiden interessierten sich für Lyrik, sie seien beide auf ihre jeweils eigene Art Spezialisten auf dem Gebiet der verwandten Wörter.”
An Land hat man die Lyrik längst vergessen, den Klang der Wörter. Wie viele Bezeichnungen gibt es für Wind? – Kein Wunder, daß der New Yorker Lyrikredakteur in der ersten Geschichte genau beim „Landgang”, so heißt sie, einen Hirnschlag erleidet, und erst mit dem Hafenmeister das Erste Wort wieder findet.
- Nachtrag: Es geht um ein Wort. Und trotz oder gerade wegen der kürzlich gelaufenen Bewerbungen sollte es für NRW, für Deutschland wie für den in den USA tätigen Autor sowie den Lektor der marebibliothek noch einmal geradegerückt werden: Es sind „die Spiele”, es heißt „die olympischen Spiele”, vielleicht gerade noch „Olympia”; aber die „Olympiade”, die bezeichnet genau und nur die trostlose Zeit zwischen den Spielen. Diese vier Jahre eben. Kurz: Eine Olympiade ist die Zeit zwischen zwei Olympischen Spielen. Nichts anderes. Vor allen Dingen bezeichnet die Olympiade eben nicht, genau nicht und auf keinen Fall die Olympischen Spiele selbst. – Soviel mußte noch gesagt werden, wo es doch auf die Wörter ankommen soll.

Gregor Hens, Transfer Lounge. Deutsch-amerikanische Geschichten, Hamburg: marebuchverlag 2003, 144 Seiten (marebibliothek band 5, hg. von Denis Scheck)

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Wackwitzens breitgetretener Familienroman
Alles stimmt bei Stephan Wackwitz. Um nicht, wie die Altvorderen es getan hätten – und es der Stil unseres Autors ist –, zu sagen: ist stimmig, die Jüngeren: ist voll fett. Nämlich: Überproportioniert, angedickt, pompös zur Schau gestellt. Alles voll fette Sätze in Wackwitzens Familienroman „Ein unsichtbares Land”.
Das Schweigen ist steinern, der Negativfilm schwarz wie der Meeresgrund, das Gesicht weiß wie die Wand. Das Gesicht des Lesers aber auch, der von dem phrasenhaften Nichtleben dieser Art von Literatur schnell angekränkelt wird. Und aschfahl bleiben die nur mit Mühe hervorzulesenden inhaltlichen Zusammenhänge, schwarz wie die Nacht bleibt einem durchschnittlichen Tageslichtleser das Bild der gezeichneten Familie, das er sich lesend machen können sollte.
Weil Wackwitz jedoch jede abgelutschte Metapher und jede schon in der Parodie langweilige Phrase und als Tiefpunkt am liebsten lange und mit toten Bildungspartikeln überfrachtete Schachtelhutsätze für sein immerhin berechtigtes Aussagebegehren nutzt, als sei es die Aufgabe eines kleinen Familienromans, die gesamte Altlast Geschichte positiv aufzuhäufen, geht an einem genervten Leser wie mir die Geschichte selbst eben fast spurlos vorüber.
Die Story aber ist durchaus interessant: Dem alten am Bodensee lebenden Vater des Erzählers wird nach über vierzig Jahren durch die Dienststelle für Benachrichtigung ehemaliger Soldaten der Wehrmacht in Berlin-Tegel seine Kamera ausgehändigt, die 1939 von der Royal Navy beschlagnahmt wurde. Was wird auf den Bildern zu sehen sein von der damaligen Überfahrt von Deutsch-Südwestafrika ins kriegführende Nazideutschland?
An dieser Frage entzündet sich die Familienphantasie, und der Erzähler erinnert sich der regelmäßigen Aufzeichnungen seines Großvater, der für seine Verwandten ein privatpolitisches Tagebuch geschrieben hat. Bisher nicht gelesen, wird das Schriftstück (bezeichnend: aus sechs schmalen Kladden macht Wackwitz ein voluminöses halbes Dutzend) zur Quelle intensiver Nachforschungen. Und er spricht mit seinem alten Vater, bereist mit ihm die Stätten der Vergangenheit … aber der Film in der wiedererworbenen Kamera, der bleibt dunkel. Entwicklungsunfähig.
Wenn Wackwitz auf den 288 Seiten seines aufgeblasenen Berichts dieses Wort gefunden hätte mitsamt seiner Aura polyvalenter Bedeutung in diesem Zusammenhang, hätte es vielleicht was werden können mit einer Geschichte, die etwas Besonderes zu sagen hat.
Das titelgebende Kapitel erzählt vom Besuch der Gegend um Auschwitz im Jahre 2000. Und natürlich weiß der Vater, daß in seinen Kleinkinderjahren hier, so fünf Kilometer vorm Unort der Geschichte, wo sie jetzt stehen, eine Linde durch einen Blitz in der Nacht „entzweigespalten und gefällt” wurde. Und natürlich weiß der Erzähler bei der Besichtigung des ehemaligen Elternhauses die Stelle, wo sein Vater „gezeugt und geboren” worden ist. Gezeugt und geboren? Der Mensch glaubt ja einiges, aber jeden Doppelpack in Reihe nun auch nicht: Wie überhaupt mindestens die Hälfte dieses dokumentarischen Romans mir blank erdichtet erscheint.
Und welches Geschichtskonzept, welches Erinnerungskonzept, welche Interessen diesen Familienroman treiben, das bleibt vollkommen unaufklärbar, läßt man erst einmal zu, sich solches zu bedenken: „Historische Ereignisse entstehen manchmal erst lang, nachdem sie geschehen sind. Man hat den Eindruck, dass auch ihre Existenz den Gesetzen jenes flüchtigen, locker und veränderlich zusammengefügten Landes der Erinnerungen, Stimmungslagen und Interessen folgt; dass sogar die so genannte historische Wirklichkeit erst in zweiter Linie eine Sache von Ort und Zeit ist.” – Mit so einem Satz hätte ich an meiner Schule im Sportgrundkurs alle meine athletischen Bemühungen zunichte gemacht, alle anderen Fachlehrer hätten wohl einen Verweis von der traditionsreichen Erziehungsanstalt in Erwägung gezogen.
Noch einmal: Wenn Wackwitz auf den 288 Seiten seines aufgeblasenen Berichts das Wort „entwicklungsunfähig” für seine in deutscher Geschichte eingebettete Familiengeschichte gefunden hätte, eben genau mitsamt seiner Aura polyvalenter Bedeutung in diesem Zusammenhang, dann hätte es vielleicht was werden können. So aber liest man tatsächlich am laufenden Band neben den schon angezweifelten Phrasen und Bildungsblasen Sätze wie diesen: „Er streckte die Hand in Richtung auf einen gewünschten Frühstücksgegenstand aus …” – – Wahrscheinlich haben die Damen und Herren Lektoren an der Hedderichstraße das auch gemacht in den Bistros Sachsenhausens, statt ihrer Arbeit nachzugehen.
Sonst hätten sie wohl auch nicht durchgehen lassen, wie sanft dieser selbsternannte „Erinnerungspalast” an die Stelle freilich längst vergangener Kritik gewesener Geschichte das tolerante, ach was: grundlegende Einverständnis mit dem Schoß der kaisertreuen Vätern setzt.
Oder doch?

Stephan Wackwitz, Ein unsichtbares Land. Familienroman, Frankfurt am Main: S. Fischer 2003

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Wahr gut und schön
Es ist das schönste Buch von Rainald Goetz – wenn man alle vorherigen wirklich gelesen hat. Es ist aber auch als erste Lektüre dieses Autors der Einstieg in alles: Wirklichkeit, Heute, wie man so lebt, in dieser in dieser ganz schön kranken trotzdem schönen Welt.
Rainald Goetz´ Texte wissen nach dem blau-gelben fünfbändigen Textkatarakt “Festung” spätestens, daß sie nach der Katastrophe, nach Weltuntergang geschrieben sind. Doch faßliche Sehnsucht ließ auch solche Sätze zu: “Wir konnten uns alles erklären gegenseitig, durch Schweigen und Zeigen, oder durch Reden. Wir waren nämlich Menschenkinder.”
Es deutete sich so an, daß der Autor mit dem ihm eigenen finsteren Lebenssound doch die Helle sucht. Und in der gegebenen Welt schon findet. Es ist nämlich alles da: Regression, Progression, Durcheinander und Glück Und Trauer. Und Musik.
Rainald Goetz, der seit seinem Klagenfurter Stirnschnitt vor 20 Jahren, was keine Attitude war, so lebt und schreibt, wie ein Künstler eben leben und schreiben muß, hat in dem kleinen Buch bei Merve, das dem großen roten Buch “Heute morgen” folgt, sehr persönlich seinen Lesern gesagt, was Individualismus im Geiste einer sich selbst reflektierenden Aufklärung ist.
Als die Figur “Krank” stilisiert sich einer in den “Taggedichten”, in den Interviews “Kaputt” sagt einer einfach und klar, was jeder seit je hätte lesen können: “Und der Fan, der Depp, soll keine blöden Banner raushängen, sondern selbst ein tolles Leben anfangen.” Und: “Wenn man nicht selber wirklich verschwindet, stirbt, sich nicht abschafft, sondern weiterlebt, dann ist man einfach dadurch, durch Mitmachen beim Leben, nach einiger Zeit fundamental kaputt.”
Das Leben lebt. Immer kaputter & forever “krank”.

gedämmert
gelesen
geduscht und geturnt
gedichtet: notiert

KRANK

erklärte Auswirkungen
auf die internationale Gesundheit
seien unwahrscheinlich

Freitag, 1. Oktober 1999, Berlin

Rainald Goetz, Jahrzehnt der schönen Frauen. Taggedichte und Interviews, Berlin: Merve Verlag 2001

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Design-Management” oder: Wie kommen gute und schöne Bücher auf die Welt?
Eine Buchanzeige zu Rainer Groothuis, Wie kommen die Bücher auf die Erde? Über Verleger und Autoren, Hersteller, Verkäufer und Gestalter, die Kalkulation und den Ladenpreis, das schöne Buch und Artverwandtes. Nebst einer kleinen Warenkunde, Köln: DuMont Buchverlag 2000
Lesen macht reich. Lesen verändert. Lesen ist gefährlich. Lesen macht Freunde. Lesen beginnt mit Vorlesen. Bücher sind Produkte für die Sinne. – Das sind die Thesen von Rainer Groothuis, die er auf den ersten elf Seiten seines Buches über „Design-Management”, wie man es derzeit wohl zu nennen hat, und Verlagsrealität heute erläutert. Hätte er diese elf Seiten (und damit ihre Folgefehler) vermieden, zum Beispiel durch ein wirklich gutes Lektorat; es wäre „ein gutes Buch” (MRR) geworden, ja ein sehr gutes, wenn nicht das kleine Handbuch für den Hausgebrauch in jedem besseren Verlag und jedem größeren Leserhaushalt. Daß es das auch so wird, wirft allerdings ein Licht auf die hiesige Verlags- und Geisteslandschaft. Groothuis ist nicht irgendwer, sondern Vollprofi der Branche mit Kometenkarriere. Er hat, Jahrgang 59, das Buch als Buchhändler kennengelernt, er hat in einem schönen Publikumsverlag Bücher entwickelt und herstellerisch begleitet, und er hat die Verlagsgeschäfte in Berlin an der Ahorn- und später Emser Straße geführt. Er hat eine Agentur gegründet, die besten Verlagen ein ziemlich passendes Gesicht verpaßt. Und Groothuis steht mit einer sehr schönen Seite im Netz: www.groothuiscons.de.
Das Buch erläutert die Buchbranche und das Büchermachen, indem es immer zeigt, was das Buch gerade macht: die Beispiele sind in die Erläuterung integriert, ja, die Erläuterung funktioniert als Beispiel, und so wird im einfachen Lesen alles klar und zugleich anhand der Aufbereitung, dem Layout, dem „Innen-Design” des vorliegenden Buches, im Wortsinn anschaulich deutlich. Die Sache und das Zeigen der Sache und das Machen der Sache regiert die Pädagogik für den Leser, und so ist beste Unterrichtung garantiert, weil die Pädagogik in der Sache selbst verschwindet. In der Marginalspalte erläutert sich zum Beispiel die ganze Titelei, der Leser weiß von Anfang an, wo er ist, lernt die Fachsprache, und befindet sich immer auf dem selben Stand wie der Lehrer. Sehr angenehm.
Das Buch ist reich illustriert, und die Legenden dazu sind bestens Wie beispielweise eine Vorschau funktioniert, ist graphisch und textlich ideal präsentiert, und auch der ideale Verlaufsplan eines normalen Verlagsjahres läßt mich als in vier schönen Verlagen Erprobten nur sagen: Ja, so sollte es sein. – Und es gibt auch – richtigerweise sehr wenige – abschreckende Beipiele, die jeder Leser kennt und die ihm doch die Augen noch einmal öffnen. Wenn Günter Amendts Sexfront aus dem legendären März Verlag Jörg Schröders als Paradebeispiel für Bücher mit „Haltung” erläutert wird, so macht ein nur vielleicht erfundenes „Gegenbeispiel” eines Erotik-Buches die Fallhöhe deutlich, die für wahre, gute und schöne Bücher inzwischen von der Geschichte des Buchwesens aufgetürmt worden ist.
Das Buch gibt praktische Anleitung, so ein Modell für die normale Ladenpreiskalkulation im Verlag, ein Prüfstein für jede Planung, oder ein Modell dafür, wie der Satzspiegel zu bauen ist, d.h. wie das Schwarze, die sogenannte Kolumne, vulgo: die Buchstaben, ins Weiße reingehängt wird, damit die Stege, also die Ränder, stimmen und das Ganze Proportion hat. Ja, kurz: Groothuis versteht sein Handwerk, und er kann es lehren. Mit diesem Buch spätestens muß irgendeine Institution, von denen es in Deutschland ja zur Genüge welche gibt, ihm den Ausbildereignungsschein erster Klasse am Band überreichen. Denn alles, was er von Seite 12 bis 144 und noch auf der U-3 schreibt, ist wahr und verdient höchste Beachtung.
Nein, Rainer Groothuis ist gut, sehr gut. – Daß er trotzdem keine Ahnung hat, beweist er schon auf Seite 7 bis 9 mit dem Abdruck einer sogenannten humorigen Bilderfolge von e. o. plauen, dem Opportunisten und Nazimitläufer und bundesrepublikanischen Mainstreamliebling. Sebastian Loskant hat in der Münsterschen Zeitung kürzlich auf diesen Sachverhalt hingewiesen, vor Jahren stand das schon in der Konkret, in einem Artikel von Kai Sokolowski. Meiner guten alten Büchergilde, die plauen jüngst ins Programm genommen hat, habe ich das, das muß hier gesagt werden, letztens mitgeteilt. Aber dieser Fehlgriff bei Groothuis ist kein Zufall. Er erläutert sich auf den ersten 11 Seiten seines Buches und in der Danksagung.
In der Marginalspalte auf Seite 6 etwa wird gesagt: „Um Platz zu sparen”, verzichte man „auf die HeldINNen-Schreibweise”; – nicht etwa darum, weil es richtig ist, und weil diese richtige Sprache im ganz Falschen auch diese Herrschaftsweise deutlich machte. – Und „das Buch”, das wird dann gefeiert als gänzlich ungebrochenes Bildungsgut, das die Welt allein zum Besseren verändert habe. An die Weltuntergänge und Zivilisationskatastrophen kein Gedanke, gleichwohl Adorno aus dem großen Groothuisschen Zitatenbaukasten einmal zitiert wird. Halbbildung in avanciertester Form? Hier ist sie zu bestaunen!
Viellesen, die große Zahl also, sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für Bildung, schreibt Groothuis; aber kennt er denn nicht die wie wild lesenden gelobten „wilden Leser” vom Schlage eines David Irving, Marcel Reich-Ranicki oder Rainer Zitelmann, dessen umfangreiche Literaturverzeichnisse ich in einigen Fällen bei der Wiss. BG zu lektorieren das zweifelhafte Vergnügen hatte? Solche Aufklärung der großen Zahl hilft gar nix, und über Zahlen wetteifern am meisten die Auschwitzleugner. Nein, Herr Groothuis, so geht das nicht.
Zum Schluß noch ein Wort zur Pädagogik, weil das Buch doch beste Pädagogik für das Hand- und Handelswerk der Buchbranche ist. Es war „die Einführung der allgemeinen Schulpflicht ein großer Schritt in Richtung demokratischer Verfassung”, schreibt Groothuis. Nun, der Herr sollte einfach mal das rudimentärste Geschichtsbuch nehmen, um nachzublättern, welche Katastrophen die Menschheit nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht sich zugemutet hat. Und von Schwarzer Pädagogik und dem allgegenwärtigen Leid der geschundenen Schüler hat der Wahlhanseat wohl auch noch nichts gehört.
So kommt es schlußendlich, daß in der Danksagung zum Beispiel Thomas Schmid erwähnt ist – heute die Welt, gestern am Strand -, der wirklich keinen einzigen Satz schreiben kann, ohne daß man Seiten brauchte, ihn korrigierend zu erläutern; was ich zuletzt bei seinem Geburtstagsriemen an den immer noch geschätzten Klaus Wagenbach in Springers Flaggjolle abgelesen habe, und daß dort erwähnt ist McKinsey, der bekannte große Förderer des großinnovativen und bleibenden, ja verharrenden Verlagsunwesens.
Ganz zuletzt stimmen dann auch die Bilder, die Metaphern nicht mehr: Wieso kommen Bücher auf „die Erde”, wie Groothuis´ Titel sagt, kommen sie nicht eher auf die Welt, mit Geburtswehen und allem drum und dran? Meint er nicht den Vorgang, von dem Uli Becker dichtete, Mann zu sein und Mutter, das wär schon was feines, zum Beispiel beim Lyrikband? “Wie kommen Bücher auf die Erde?” Tja, bei Groothuis und DuMont fallen sie aus allen Wolken, mit zu vielen Druckfehlern für nur 144 Seiten sparsam gesetzten Text. So ist das eben, wenn der Lektor platz- und kompetenzsparend auch noch die Korrektur lesen muß. Siehe “Dank”sagung. Aber “Spar”bücher, die gibt´s überall.

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Literaturpolitische Fluchtstücke oder Roman ohne Kritik
Jakob Beer, Überlebender des Holocaust, wird gerettet, Ben, Nachgeborener, wird gerettet – „Das Glück ist denkbar nach Auschwitz“: So formuliert eine Rezension von Anne Michaels Roman „Fluchtstücke“ die Botschaft des Textes, und sie formuliert in dieser Zuspitzung nur die allgemeine Rezeption der Literaturkritik, die vor schierer Begeisterung kaum an sich halten kann. Es ist wirklich so, es gibt in der Kritik dieses literarischen Romandebüts kaum eine kritische Zeile, und das ist nicht nur einem sprachmächtigen und formvollendeten, klugen und sensiblen Buch geschuldet, von dem noch zu reden sein wird, sondern auch und vor allem einem literaturpolitischen Fluchtstück: einer Flucht nach vorn nämlich. Denn als die Übersetzung des kanadischen Bestsellers noch gar nicht den deutschen Markt erreicht hatte, wurde das Feld akzeptierter Meinungen zu diesem noch zu lesenden Buch genau begrenzt. Die kritischen Stimmen der Literaturkritik sollten gerade hierzulande zustimmen wie schon in Kanada.
„Was aber wird in Deutschland geschehen? Eine Kanadierin, die sich anmaßt, einen Holocaust-Roman zu verfassen, betritt ein sorgsam abgestecktes Schlachtfeld, vermessen und frisch vermint von Wissenschaft und Journalismus (…) Wie der Holocaust im Diskurs zugelassen wird, das bestimmen wir. Wir wissen es schließlich am besten.“ Und nach dieser sorgsamen Übertreibung kommt dann die Prognose als Warnung daher: Anne Michaels „Vermessenheit“, ihr Tabubruch, nicht nur in einer literarischen Fiktion vom Leid Holocaust-Überlebender und -Nachgebornener zu sprechen, sondern ihre Protagonisten Jakob und Ben auch noch durch das Prinzip der wahren Liebe von Mann zu Frau jeweils von ihrer Überlebensschuld beziehungsweise quälenden Erinnerung zu befreien, soll auf gar keinen Fall zu wirklicher Reflexion kommen. Und deshalb heißt es: „Diese Vermessenheit aber wird es – das Buch kommt am 12. Februar heraus – den Kritikern in Deutschland leichtmachen, sich abzuschotten und Anne Michaels’ Roman von sich fernzuhalten. Es wird ihnen leichtfallen, ihn mit literaturwissenschaftlichem Besteck zu sezieren und dabei jede Wirkung, die er auf sie hat, gleich mit auseinanderzufieseln. Es wird ihnen leichtfallen, den Roman auf die letzten Seiten der Literaturbeilagen abzuschieben, wo zweitklassige Kritiker ihm dann einen pathetischen Mißbrauch des Schreckens vorwerfen und ihn als sauren Kitsch und Shoa-Business abbuchen werden. Und das wird viel darüber aussagen, wieviel Angst die Maestros des deutschen Kulturbetriebs davor haben, mit Kopf und Herz zugleich zu lesen. Aber es wird nichts über die Kraft des Buchs aussagen.“
Die Kraft des Buches, so wird dann noch dirigiert, bestehe darin, daß Jakob Beer gerettet wird, daß das Vergangene endlich ruhen kann, daß die Anstrengung des Begriffs sich in sinnliche Erfahrung und Empfindung auflöst, daß das Vertrauen in das Gute wiederersteht. Und diese Vorgaben haben fast alle Kritiker nicht überschritten. Wer will schon ein zweitklassiger Kritiker sein, und welcher Großkritiker will sich schon Angst und Herzlosigkeit nachsagen lassen? Zu kuschen hat auch die Wissenschaft von der Literatur, die vorab denunziert wird als inhumane Gerichtsmedizin am lebendigen literarischen Modell, ihre Vernunft wird mit ressentimentgeladener Vokabel als Auseinanderfieseln gerufmordet. Die Vorgabe zur Gleichförmigkeit der pluralistischen Presse des deutschsprachigen Raums war zu lesen im Spiegel Extra vom Februar 1997.
In der Folge dieser blanken Affirmation der Marianne van Dyck konnten sich die Kritiker nach ihrer Romanlektüre ebenfalls nur zur blanken bis augenzwinkernd-zynischen Akklamation aufraffen. Ein zutiefst humanistisches, fast religiöses Buch habe die stärkste Triebfeder der menschlichen Geschichte entdeckt, die Liebe. Die Schrecken der Welt seien durch ein teilnehmendes Du gelindert worden. Licht habe die dunklen Schatten der Vergangenheit aufgelöst. Endlich sei Adornos Diktum vom Gedicht, das zu schreiben barbarisch sei nach Auschwitz, als falsch erwiesen. Kurz: Allen literarischen Kopfarbeitern ist das Hirn in die Hose gerutscht und also denken sie mit dem Herzen denken zu können? Nein: Sie sind einfach froh ob der poetisch-lyrischen Auflösung einer ernsthaften Aufarbeitung der Vergangenheit (Adorno) im Körperprinzip der allgemein-menschelnden und wirklich gemachten Liebe. Das Glück ist endlich wieder denkbar nach Auschwitz –: denn der Holocaust ist privatisiert worden.
Die sorgsame Enteignung, wie man diese Privatisierung des Holocaust auch nennen könnte, läßt das hiesige Kollektiv sich anscheinend gerne gefallen, die Vernichtungspolitik wird Sache einer „richtigen“ Erinnerungspolitik bloß der Überlebenden und der Nachgeborenen der Opfer, die allein die wahre Liebe zu suchen und zu finden haben. Wir aber sind erlöst von einer gesellschaftlichen und politischen Diskussion der braunen Jahre ebenso wie von bloß materiellen Wiedergutmachungsleistungen. Vor allem aber sind wir erlöst von der Frage nach der Gesellschaftsordnung, die Auschwitz möglich machte. Die genuin bürgerliche Liebe von Mensch zu Mensch, die früher noch Standes- und Klassenschranken einriß und damit alle Menschen endlich gleich stellte, ermöglicht heute augenscheinlich, lesetechnisch, die Versöhnung mit der Katastrophe der Menschheitsgeschichte schlechthin: durch die emphatisch-mitleidig überhöhte körperliche Liebe heilen selbst die Wunden der planvoll-sinnlosen Vernichtung der europäischen Juden. –
Wir haben noch nicht vom in Rede stehenden Buch gesprochen. Der Roman von Anne Michaels ist keineswegs die glatte literarische Vorlage, nach der sich die Rezensenten, wie geschehen, enthemmen könnten. Das taten sie wesentlich aufgrund der literaturpolitischen Vorgabe mit den eminent politischen Implikationen, die der Spiegel Extra ihnen gab. Marianne von Dyck sprach zuerst vom Bilderverbot, das Anne Michaels verletzt habe, zielte aber auf das Denkverbot, die Botschaft des Romans in die angemessene Kritik zu nehmen. Denn eine Verletzung des Bilderverbots durch die literarische Fiktion, die gibt es so glatt in dem Roman nicht. Es ist im Gegenteil so, daß Jakob z.B. die Ermordung seiner Eltern nur aus einem Versteck hört und eine bildliche Vorstellung sehr wohl als Blasphemie reflektiert. Der bei Marianne von Dyck ausdrücklich angesprochene Tabubruch ist also nicht nur gar keiner bzw. ein angemessen reflektierter, nein, vielmehr entwickelt diese Schräg- bis Falschmeldung eine andere Funktion, nämlich die noch vorhandenen Dämme zu brechen und Auschwitz endgültig zu integrieren in eine wieder schicksalhafte Geschichtsentwicklung, die vom Menschen nicht zu ändern sei und der allein die mitmenschliche Liebe Trost und ein Stück Humanität abtrotzen kann. Und ein Horizont scheint auf: Die „Kraft des Romans“ sei nicht nur die Rettung von Jakob Beer, nein, auch unsere Rettung vor weiteren Fragen an die Täter.
Der Roman selbst liest sich ambivalent: „So ist vom Unaussprechlichen zu sprechen“, wie eine Rezension treffend bemerkte; – aber doch nur in einer anderen Welt, nicht in der, in der wir leben; nicht in einer Welt, die nicht mehr überschritten werden will; nicht in dieser Welt, die wir zu kennen meinen, in der gegebenen, falschen Welt; denn eines vergessen sie alle, die Kritiker, die nur noch Literatur im Sinn haben, und die Romanautorin, die nach zehn Jahren Arbeit an diesem Buch Geschichte und Gesellschaft in geologische und poetische Formen auflöst: daß das moralische Diktum, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, gekoppelt ist mit der Kritik dieser Welt, die noch immer ein Auschwitz möglich macht, weil, ja weil sie noch so eingerichtet ist wie vor Jahrmillionen Jahren: Naturgeschichte der Menschheit statt Humanisierung der Natur.
Und das ist auch der Vorwurf an diesen überaus sensiblen, klugen, reflexionsreichen und human-humanistischen Roman: daß er nicht mit einer bewußten menschengemachten Geschichte und der Einrichtung einer menschenwürdigen Gesellschaft mehr rechnet. Geschichte wird zurückgewiesen ins Reich ahistorischer Verkrustungen, entzifferbar sind nicht mehr menschliche Interessen, die gegeneinander stehen, sondern es gibt Wetterberichte von der Naturgeschichte der Erde. Nicht umsonst ist Athos, der Retter des Jakob Beer, ein Geologe und kein Historiker oder Sozialpsychologe, nicht umsonst scheitert die Beziehung zu Jakob Beers erster Frau Alex, die ihre Liebe zu 68er-Zeiten – hier Symbol für den Zusammenhang von Vergangenheitsbefragung mit gesellschaftsverändernder Energie – mit Intellekt und Marxschen Einsichten würzt, nicht umsonst führen im Roman nicht emanzipatorische Interessen, sondern Hagelstürme und damit Hungersnot zur Französischen Revolution, – und was da der Verneinungen wirklich humaner und bewußter Gestaltung menschlicher Organisation von Gesellschaft mehr ist. Anne Michaels Roman „Fluchtstücke“ ringt ums ganz große Humanum, ohne das ganz andere auch nur anspielen zu können. Und daran scheitert dieses große, höchst ambitionierte Romandebüt.
So ist vom Unaussprechlichen zu sprechen“? So kann man es also machen, so soll man es also machen. Und alle andere Rede ist jetzt tabu? Gerade weil Anne Michaels alles „richtig“ macht, gerade weil sie nicht verletzt, ist der Trost keiner. Das literarische Modell harmonisiert mit Geschichte als Naturgeschichte. Wie man sich auch zu diesem Buch stellt, das viele, ja alle Formen von „Aufarbeitung der Vergangenheit“ aufweist, wie man sich auch zu diesem Buch stellt, das die Protagonisten mit ihrer Vergangenheit „fertig“ werden läßt, wie man sich auch zu diesem Buch stellt, das auf unmensch-menschliche Weise Humanität, wirkliches Glück, in Gegenwart und Zukunft verankern will: es provoziert, gerade durch seine „Stärke“, seine „Kraft“, den Schlußstrich: So ist vom Unaussprechlichen zu sprechen, und nicht anders! Es petrifiziert alle weiteren Bemühungen durch die Behauptung geglückter Gegenwart. Es will endlich jetzt und hier alles richtig machen und den Schlußpunkt setzen. Daß diese Botschaft auch wirklich gehört wird, dafür hat sich der Spiegel unserer Gesellschaft bewußt wie bewußtlos stark gemacht. Literatur und Literaturkritik gaben sich die Hand für ein Kleinbild des großen Verblendungszusammenhangs. Nur Sigrid Löffler sah in der „Zeit“ die Auflösung des Ungeheuerlichen und Unaussprechlichen in nichts als Literatur und erkannte das Problem der Fluchtstücke darin, daß sie eben keine Zumutung sind. Konnte sie damit rechnen, daß sie nur eine Flaschenpost stöpselte? Ich meine: ja.

Anne Michaels,  Fluchtstücke. Roman. Deutsch von Beatrice Howeg,  Berlin Verlag 1997

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Bella Cultura : Schöne Bescherung
Zu einem exemplarischen und zeittypischen Romandebüt

Ein Hohelied. Ein Hohelied der Liebe, der Liebe zum Leben, zum ganzen Leben. Das will es sein, und ist doch etwas ganz anderes: ein deutsches Buch, ein sehr sehr deutsches Buch. Joachim Straub läßt in seinem Roman “Die Stunde der Verwandlung” nichts aus, was deutscher Kulturpessimismus und deutsche Zivilisationsfeindschaft schon hervorgebracht haben. Die Suche nach dem unmittelbaren und spontanen Leben gerät zur sozialromantischen und genialisch-antiintellektuellen Überhöhung der Barbarei: Propagiert wird “die Lebenslust ohne den Panzer der zivilisatorischen Werte”. Verwandlung heißt bei Straub, Vernunft und Logik fallenzulassen, allen “kulturellen und religiösen Ballast abzustreifen”, heißt, mit dem Herzen zu denken und den Geist auszuschalten. “Erspüren” und “durchfühlen” sind die wabernden Verben, die Argument und Urteil abschaffen sollen. Für soviel geistfeindliche Lebensphilosophie muß freilich mit allem abgeräumt werden, was z.B. die 68er-Generation der deutschen Gesellschaft und der deutschen Geschichte ins Stammbuch geschrieben hat. Und so ist es denn auch. Und noch viel schlimmer. Es ist nicht nur die kulturkonservativ-sozialromantisch eingefärbte Rücknahme von allen aufklärerischen Prinzipien, die mit literarischen Mitteln durchexerziert wird, es ist nicht nur ein gewalttätiger Antifeminismus, der den weiblichen Figuren widerfährt, es ist auch ein geographisches und ethnisches Rassismusstereotyp durchgängig, welches gekoppelt ist mit der Wiederkehr vom offenbarenden Wort und der Meister-Prophetie: Am liebsten sitzen alle im Kreis (!) und lauschen (!) gebannt (!), berauscht und entrückt einem Herrn und Meister. Wie das?
Karl Friedrich Buchknecht, pensionierter Literaturkritiker aus Frankfurt am Main, will im Ruhestand selber einen Roman schreiben. Dafür geht er nach Sizilien, wo er in eine deutsch-italienische Hochzeitsgesellschaft gerät, die sozial durch ihre akademische Herkunft und ihre (ehemalige) Zugehörigkeit zur 68er-Generation bezeichnet ist. Die aktuelle Hochzeit hat eine Vorgeschichte: Der Vater der Braut, zivilisierter römischer Jurist, heiratete an selber Stelle seine Frau, ein sizilianisches Temperament. Drei Geschichten münden in eine vierte, übergeordnete: 1. Der “böse” Kritiker verwandelt sich vom bloß Urteilenden in den genialen Schöpfer, der die Welt “tief und wahrhaftig empfindet”, 2. der letzte Rest von 68er-Emanzipation der Hochzeitsgesellschaft, verkörpert in Hilde, verwandelt sich ins Idyll von mann-fraulicher Liebes- und Lustgemeinschaft, 3. die ‘Urehe’ des westlich-zivilisatorisch gezeichneten Römers Gioacchino mit der weiblich-sizilianischen ‘Urfrau’ Flavia nimmt eine bedeutende Wendung: Flavia liebt nicht ihren Mann, sondern ihren Vergewaltiger Antonio: und Gioacchino verwandelt sich bei der Hochzeit seiner Tochter, die in Wirklichkeit Antonios und Flavias Tochter ist, vom (italienischen, westlichen, zivilisatorischen, rationalen, feministischen, aufklärerischen) Juristen in den für die “Urkräfte” des Lebens verständnishabenden neuen Liebhaber seiner Frau Flavia. Und insgesamt, 4., verwandelt sich die Welt von einer vernünftig erklärbaren in ein “Drama des Lebens”. “Die Strahlkraft der Vernunft ist Illusion”, heißt die Essenz des Ganzen. Durchgeführt wird die geistfeindliche und antimoderne Programmatik des Buches in jeder Geschichte, in jeder Figur, in jedem Monolog ganz glatt (was übrigens auf die handwerklichen Schwächen des Romans hinweist).
Aber von Anfang an: Zuerst wird die Opposition von Deutschland und Sizilien aufgebaut. Das “Champagnertemperament” ist auf der Seite der Sizilianer. Hans Hermes, als ungebundener Künstler “Götterbote” und alter ego des Autors, bezeichnet das Elend der Deutschen. Sie sind eine bunte Masse, kommen aus Großstädten und Industrievororten, kommen aus der langweiligen bürgerlichen Häuslichkeit, aus den “menschlichen Niederungen des Alltäglichen und Gewöhnlichen”. Nur mit spöttischem Lächeln kann Hans diese “leeren” Menschen betrachten. Er selbst ist schon halb Sizilianer, nur “Gast” in Deutschland, er ist immer unterwegs, verachtet bei seinem Broterwerb als Reiseführer für Bella Cultura die “bildungsbeflissenen” Bürger. Denn er besitzt als freier, ungebundener Mensch, den es zum Schreiben zieht, “die ganze Welt”, nämlich innen, im Herzen, im Wesen, im Kern – und was der Jargon der heideggernden Eigentlichkeit noch hinzufügen könnte. Hans ist jedenfalls ganz und gar der Prototyp des neuen (alten) Menschen. – Der Deutsche und der Sizilianer. Der kulturpessimistische, antizivilisatorische Deutsche verachtet “den” Deutschen; und er weckt nicht den Italiener in sich (denn der ist Jurist und damit ein Sinnbild europäischer Aufklärung), sondern den urtümlichen Sizilianer. Und Sizilien hat auch das Klima für sich. Aber auch hier droht schon Gefahr. Es verwehen die “Zeiten, als der Geschmack noch nicht demokratisiert war”. Ganz elitär pachtet der deutsche Gastdeutsche den geogaphisch-klimatischen Rassismus für sich.
Jedenfalls, Hans ist der Prototyp des neuen Menschen, so sollen alle werden. Wie aber wird Karl Friedrich Buchknecht gezeichnet? Auch ihn treibt es ja zum Schreiben, aber er muß eine “Verwandlung” erfahren. Denn er hat alle Stigmata, die ein denkender Mensch haben kann: Er starrt auf Buchseiten wie ein Kaiman auf sein Opfer, er atmet unregelmäßig, hat eine schnarrende Stimme, seine Brust ist beharrt, er hat einen Ballonbauch, Beine wie Spindeln, Zehen mit Nägeln wie Panzerplatten, ein Mann, der trotz Klimaanlage schwitzt, kurz: “Alles an ihm außer dem großen Kopf und den großen Händen und Füßen wirkte überflüssig”. Man kann auch sagen: Es ist ein häßlicher jüdischer Intellektueller, der da beschrieben wird. Viele Bücher zwar, aber vom Leben, vom Schöpferischen keine Ahnung.
Außerdem ist er fast in geheimer Sache unterwegs, keiner weiß von seinem Romanvorhaben außer ein Freund mit noch einem sprechenden Namen: Buchknecht und Sewtschek, was für eine Allianz. Aber Buchknecht bekommt die Chance der Verwandlung. Dafür muß er allerdings, Jude, Außenseiter und Verfolgter, seine Pappenheimer verraten: Kafka: ein Außenseiter, der über Außenseiter für Außenseiter schreibt, Tucholsky, ein Mann, der Sprache als Waffe faßt, ein Kritiker, kein Schöpfer. Das können die Vorbilder nicht sein Der “Funken Genialität” muß aus dem Inneren kommen, aus dem Herzen, er hat nichts mit “distanzierter Vernunft” zu tun. Und eigentlich muß Buchknecht werden wie der bisherige Gelegenheitskünstler Hans Hermes, der “das Wesen seines eigenen Künstlerdaseins” schon gefunden hat: “Es war die Vereinigung von Geist und Blut”! Für dieses Programm sind allerdings “Opfer zu bringen”, man muß “Verzicht leisten”, dafür “den Rausch geistiger Weite erleben”, auch die “Lust der Gefahr”. Und mit diesem Programm weiß sich Hans einig mit Antonio, dem sizilianischen Urbild des unmittelbaren und spontanen Lebens: Hans’ sizilianische Parallelfigur ist Antonio, der wie er Hemingway liebt. Eine weitere Parallele ist auch beider Sicht auf das weibliche Geschlecht.
Hilde, die vom Gedanken der Emanzipation der Frau nicht lassen kann, hat natürlich kleine Brüste und dazu noch eine graue Bluse an. Als völlig unerotisch gezeichnete Männerhasserin muß sie natürlich Gefallen an Buchknecht finden, genau dann, als der in seine Rolle als Scharfrichter über die Literatur zurückfällt. Aber der liebende Blick verwischt die Konturen, nicht die kopflastigen Aufklärer sehen sich verwandt an, vielmehr sind die “Eisenpanzer aus Vernunft” hier Liebesspiel: Hilde fühlt sich “behütet und geborgen”, “spürt” das wahre innere Wesen Buchknechts, wenn der “Rohrstöcke schwang”, sein “weiches, wundes Inneres”: wenn der Mann auf die Frau trifft, ist alle alle Vernunft hinweg. (Das ist auch ein Hinweis auf die konstruktive Schwäche der gesamten Romankonstellation, die Widersprüche nicht aushält, alles glatt macht, oder eben alles zerfasern läßt unter der sizilianischen Sonnenglut. Die negativ konnotierten Figuren, die sich verwandeln müssen, um ihr wahres Wesen zu offenbaren, sind schon in Auflösung begriffen, bevor ihre Stunde der Verwandlung erreicht ist.) Und wahr sind letztlich nur die Blondinenwitze. (Nein, die sind nicht schlecht.)
Weil Hilde das nicht versteht, bleibt sie die beleidigte Leberwurst, die nicht wirklich spürt, daß ihre “polemischen Brandsätze” nur Elemente “pseudofeministischer Balz” um Männergunst sind. Hilde hat sich (noch nicht) verwandelt wie Claudia, Hans’ Freundin, “die ihre frauenbewegte Rolle aus ihrer Studentenzeit abgestreift hatte wie eine Haut, ohne ihren Körper, ohne sich zu verlieren”. Claudia trug nun “kurze Röcke” und zeigt damit offenbar ihr Wesen bzw. das Wesen einer Frau. Für die bemitleidenswerte Hilde, die den Zug der Zeit nicht mitbekommen hat, wird noch einmal erklärt, wie sich das Bewußtsein einer Gesellschaft im neuen Denken ändert: mit menschengemachten Konstellationen hat das nichts mehr zu tun, nein, “Gedankengebäude herbsten” einfach. Zwischen Gesellschaft und Natur wird kein Unterschied mehr gemacht, die Menschen, die ihre eigene Geschichte machen wollten in der Beherrschung innerer und äußerer Natur werden in solchen Sprachbildern zurückgeführt ins ewige Werden und Vergehen der Natur. Naturalisierung des Menschen statt Humanisierung der Natur. Aber so ein Satz stammt ja auch aus “der Sprache entleibter Sozialpädagogen”, aus dem “klebrigzähen Vokabular der Soziologie und des Materialismus”. Eine Sprache, die im übrigen nicht gesprochen, sondern “abgesondert” wird.
Die antizivilisatorische, kulturpessimistische Sozialromantik naturalisierter, d.h. naturwüchsiger Menschheitsverhältnisse verdichtet sich in der Geschichte von Gioacchino, Flavia und Antonio. Hier kommt das zum Tragen, was “so alt ist wie die Menschheit selbst” bzw. sein soll: der “Fieberrausch”, die “Raserei” des Liebesakts. Und die Vergänglichkeit, die “alles und jeden” betrifft, und die sogar jede Schuld tilgt. Gioacchino merkt, daß er ein Fremder ist gegen Flavia und Antonio, die nicht nur gemeinsame sizilianische Wurzeln haben, sondern die irgendein vorzivilisatorisches Blutopfer verbindet. Folglich bleibt die Heiratsverbindung ohne Lebensfülle, vielmehr offenbart sich die Vergewaltigung Flavias durch Antonio und die postwendende Erschlagung Antonios durch Flavia als zeugungskräftig: nicht nur folgt aus ihr die gemeinsame Tochter Maria, ebenso gebiert sie eine ganze Sozialutopie: “in einer völlig anderen Welt, ohne Bezug zu ihren damaligen Wertvorstellungen, völlig losgelöst von Tradition und Religion, nur der Wirklichkeit des Herzens und der Natur folgend”, so lebt Flavia in Antonios Haus und findet “in der Abgeschiedenheit ihrer Berge zu ihrem wahren Ich”. Sie ist identisch geworden mit Antonio. “Die aus dem Norden werden das nie begreifen, ob sie nun aus Mailand, Frankfurt oder London kommen.”
Diese Städter sind nämlich “blutarme Wesen”, ja: “Sie leben dialektisch”. Und dialektisch kann man nicht leben, nicht lieben oder eine Blume sehen. Es folgt der Abgesang auf vernünftige Sozialutopien: Aber Descartes und Marx z.B. werden nicht widerlegt, sondern rassistisch geoutet als Kälteprinzipien der Menschheit, denn: sie waren keine Sizilianer. Und so stoßen wir zuletzt “auf das ewig Unerklärliche, auf das Leben, auf uns selbst”. Und alles ändert sich unaufhörlich. Und es gibt keinen Plan für die Menschheit oder eine wahre Geschichte. Als “Utopie” gibt es nur die “Totalität des Seins”, und damit sind wir wieder beim Gastdeutschen, der Sizilianer sein will und doch durch und durch der alten deutschen Ideologie verfallen ist. Sie fordert nicht die Errichtung einer vernünftigen humanen Gesellschaft, sondern die Metamorphose von Gesellschaft in ein Naturereignis, das sie ja allerdings in Wahrheit bis heute geblieben ist. Wie dieser Roman ja noch einmal deutlich macht.
Denn er ist ein Hohelied. Ein Hohelied der Liebe, der Liebe zum Leben, zum ganzen Leben. Und damit ist er ein deutsches Buch, ein sehr sehr deutsches Buch. Wie hier nur angerissen, läßt Joachim Straub in seinem Roman “Die Stunde der Verwandlung” nichts aus, was deutscher Kulturpessimismus und deutsche Zivilisationsfeindschaft schon hervorgebracht haben. Die Suche nach dem unmittelbaren und spontanen Leben gerät zur sozialromantischen und genialisch-antiintellektuellen Überhöhung der Barbarei: Propagiert wird “die Lebenslust ohne den Panzer der zivilisatorischen Werte”. Verwandlung heißt bei Straub, Vernunft und Logik fallenzulassen, allen “kulturellen und religiösen Ballast abzustreifen”, heißt, mit dem Herzen zu denken und den Geist auszuschalten. “Erspüren” und “durchfühlen” sind die wabernden Verben des deutschen Jargons, die Argument und Urteil abschaffen wollen. Für soviel geistfeindliche Lebensphilosophie räumt Straub mit allem ab, was genuiner Liberalismus und kritische Sozialphilosophie der deutschen Gesellschaft und der deutschen Geschichte ins Stammbuch geschrieben haben. So ist es. Und noch viel schlimmer. Kurz: Dieses Buch ist ein Skandal.
Es ist darum nur konsequent, daß die Büchergilde den Titel kurz vor Erscheinen dieser Besprechung aus dem Programm genommen hat.

Joachim Straub, Die Stunde der Verwandlung. Roman, Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg 1997

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